Horgen/Damaskus

Sie helfen den Vergessenen

Seit bald sieben Jahren engagieren sich Murat Ay aus Horgen und Martin Thuma aus Wädenswil für eine der wenigen Hilfsorganisationen, die noch in Syrien aktiv ist.

Martin Thuma (links) und Murat Ay wollen den Menschen in Syrien helfen, ihr Land wieder aufzubauen.

Martin Thuma (links) und Murat Ay wollen den Menschen in Syrien helfen, ihr Land wieder aufzubauen. Bild: Patrick Gutenberg

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Mehr als acht Jahre dauert der Krieg in Syrien bereits an. Laut UNO sind über 12 Millionen Menschen auf der Flucht, etwa die Hälfte davon innerhalb des Landes. Besonders hart trifft es die verschiedenen religiösen Minderheiten, wie Christen und Jesiden. Während vor dem Krieg fast zwei Millionen Christen in Syrien lebten, sind es jetzt laut der Gesellschaft für bedrohte Völker noch zwischen 600'000 und 900'000.

Murat Ay aus Horgen und Martin Thuma aus Wädenswil gehören einer solchen christlichen Minderheit an. Sie sind Aramäer, eine Volksgruppe, die vor allem im Nordirak, Syrien und der Südtürkei beheimatet ist. Beide sind in der Schweiz aufgewachsen. Murat Ay ist 36 und Regionalleiter bei Fust, Martin Thuma ist 40 und arbeitet als Vermögensverwalter in Pfäffikon. Durch ihre Eltern sind beide bis heute mit der Region ihrer Herkunft verbunden.

Die beiden Männer aus dem Bezirk Horgen haben aber noch einen weiteren Bezug zu den Krisengebieten im Nahen Osten: Sie sind Vorstandsmitglieder von Aramaic Relief International, einer Hilfsorganisation mit Sitz in Baar, die sich für im Krieg vertriebene Minderheiten einsetzt. Seit 2015 ist das Hilfswerk vom Kanton Zug anerkannt.

Diesen Sommer reisten Martin Thuma (Mitte) und Murat Ay (rechts aussen) nach Syrien. Foto: PD

Fokus auf Syrien

Obwohl auch in anderen Ländern aktiv, liegt der Fokus von Aramaic Relief vor allem auf Syrien. Dies nicht nur wegen der aktuellen Kriegshandlungen im Norden des Landes. «Anders als etwa der Irak oder der Südsudan ist Syrien mit internationalen Sanktionen belegt. Das erschwert nicht nur den Wiederaufbau des Landes enorm, sondern macht es auch für Hilfswerke schwierig, überhaupt nach Syrien zu kommen», erklärt Murat Ay. «Uns gelingt das nur dank der guten Beziehung zur lokalen Kirche und deren Netzwerk.»

Die meiste Arbeit leistet Aramaic Relief rund um die Städte Aleppo, Homs und Damaskus. Doch auch im derzeit umkämpften Nordosten des Landes ist das Hilfswerk präsent. Genauer gesagt in Al Qamishli, einer von Aramäern gegründeten Stadt im kurdisch dominierten Gebiet an der türkischen Grenze zu Syrien. «Das Kampfgeschehen konzentriert sich momentan auf die Ortschaften Ras al-Ain und Tel Abjad», sagt Murat Ay.Ras al-Ain liegt gut 100 Kilometer entfernt von Al Qamishli. Nach Tel Abjad sind es etwa 200 Kilometer. «Wir stehen in ständigem Kontakt mit den lokalen Partnern», sagt Murat Ay. Die Stimmung sei von Ortschaft zu Ortschaft unterschiedlich, aber überall angespannt. «Die Sicherheitslage ist unberechenbar. An einem Tag ist alles ruhig, am nächsten fallen Granaten.» So seien vergangene Woche mehrere zivile Häuser in Al Qamishli von Mörsergranaten getroffen und teilweise zerstört worden. «Ein Ehepaar wurde dabei schwer verletzt.»

Sieben Jahre im Kriegsgebiet

Laut UNO-Angaben sind bereits Zehntausende Menschen auf der Flucht vor der türkischen Offensive. Für sie hat Aramaic Relief einen Nothilfefonds eingerichtet, um in den kommenden Tagen Lebensmittel, Medikamente, Wasser und Hygieneartikel nach Nordsyrien zu bringen.

So habe es auch in den Anfangszeiten von Aramaic Relief International funktioniert, als Severiyos Aydin, Gründer des Hilfswerks und guter Freund von Murat Ay und Martin Thuma, 2013 die ersten Male nach Syrien reiste. «Durch die Kirche hatte Severiyos erfahren, dass Minderheiten angehörende Flüchtlinge die grossen Flüchtlingscamps meiden, weil sie Repressionen durch Mitglieder anderer Religionen fürchten», erzählt Murat Ay. Stattdessen verschanzen sie sich in behelfsmässigen Camps, in Kirchen oder bei Verwandten und werden so von den grossen Hilfswerken kaum erreicht. «Um diese Lücke zu schliessen, gründete Severiyos Aramaic Relief International.»

Zusammen mit lokalen Partnern organisiert das Hilfswerk unter anderem Ausflüge für Waisenkinder in Homs. Foto: PD.

Der heute 34-Jährige erzählte seinen Freunden von seinen Plänen, fragte, ob sie mitmachen würden. «Wir haben keine Sekunde gezögert», sagt Martin Thuma. Wie Murat Ay engagiert auch er sich ehrenamtlich für die Hilfsorganisation. «Severiyos ist der einzige Angestellte von Aramaic Relief und besetzt eine Teilzeitstelle. Unsere Verwaltungskosten decken wir durch Gönnerbeiträge.» So gelinge es, nahezu 100 Prozent des gespendeten Geldes für Menschen in Not aufzuwenden.

Zu Beginn habe Aramaic Relief International vor allem Nothilfe geleistet und brachte Kleider, Decken und Nahrung ins Kriegsgebiet. «Wir versuchen aber, abgesehen von Kleidern so viel wie möglich vor Ort oder in der nahen Umgebung zu kaufen», sagt Murat Ay. Einerseits unterstütze man dadurch die lokale Wirtschaft, andererseits spare man auch sehr viel Geld, da man unnötige Transportkosten vermeide. «Uns ist wichtig, dass die Leute wissen, wofür wir ihre Spenden verwenden», sagt Ay. Deshalb könne man für spezifische Projekte Geld spenden – etwa für Babymilch, Windeln und Lebensmittelpakete.

Hilfe zur Selbsthilfe

In den vom syrischen Regime kontrollierten Teilen des Landes beginnen die Menschen langsam mit dem Wiederaufbau. Doch die Mittel sind knapp. «Wer konnte, hat Syrien längst verlassen», sagt Martin Thuma. «Diejenigen, die geblieben sind, haben alles verloren.» Um ihnen eine Perspektive für die Zukunft zu geben, hilft Aramaic Relief nicht nur beim Bau von Schulen und Wohnhäusern. Nebst psychologischer Hilfe leistet die Organisation Hilfe zur Selbsthilfe. «Wir geben den Menschen eine finanzielle Starthilfe von 500 bis 1000 US-Dollar, damit sie sich eine neue Einnahmequelle aufbauen können», sagt Martin Thuma. Rund 50 Familien um Homs und Aleppo haben bereits von diesem Angebot profitiert und so zum Beispiel ein eigenes Lebensmittel- oder Friseurgeschäft aufgebaut.

«Wer konnte, hat Syrien längst verlassen. Diejenigen, die blieben, haben alles verloren.»Martin Thuma, Vorstandsmitglied von Aramaic Relief International

Während der Präsident des Hilfswerks mehrmals im Jahr in den Nahen Osten reist, konzentriert sich die Arbeit des übrigen Vorstands auf die Schweiz. «Wir schauen aber, dass einmal im Jahr jemand vom Vorstand mitgeht, um beim Aufbau verschiedener Hilfsprojekte zu unterstützen», sagt Murat Ay. Diesen Sommer reisten er und Martin Thuma mit nach Syrien.

Hoffnung und Leid

«Es war schön, zu sehen, dass wir mit unserer Arbeit etwas bewirken und den Menschen neue Hoffnung geben können», sagt Martin Thuma. Doch es habe auch Momente gegeben, in denen das Leid im Vordergrund stand. «Wir haben viele Menschen besucht, die dringend medizinische Hilfe benötigen, etwa weil sie Krebs haben», sagt Murat Ay. «Diese Menschen haben alles verloren, und dann schlägt das Schicksal nochmals zu. Das ist schon sehr bitter.»

Wie es in Syrien nun nach den jüngsten Eskalationen weitergeht, sei schwer zu beurteilen, sagt Murat Ay. «Die am Donnerstag ausgehandelte 120-stündige Waffenruhe ist dringend nötig, um das Blutvergiessen zu stoppen und um Verletzte und Zivilisten in Sicherheit zu bringen. Wir hoffen, dass der bewaffnete Konflikt nun endgültig beendet wird, damit in Syrien endlich Frieden einkehren kann.» Eine der grössten Gefahren sieht Murat Ay in einem möglichen Wiedererstarken des IS. «Das könnte die ganze Region wieder ins Chaos stürzen.»

Erstellt: 18.10.2019, 17:38 Uhr

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