Sihlwald

Sihlwald liefert neues Wissen zum Klimawandel

Die Trockenheit hat den Wäldern vielerorts zugesetzt. Nicht so dem Sihlwald, wie Forscher herausgefunden haben. Die Bäume am Hang des Albis stehen am feuchtesten Messstandort und konnten der Hitze so trotzen.

Am Laptop können Roman Zweifel (links) und Lorenz Walthert im 10-Minuten-Takt mitverfolgen, ob Bäume sich ausdehnen oder schrumpfen.

Am Laptop können Roman Zweifel (links) und Lorenz Walthert im 10-Minuten-Takt mitverfolgen, ob Bäume sich ausdehnen oder schrumpfen. Bild: Michael Trost

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Der Sihlwald hat in seiner Kernzone etwas Mystisches. Seit zehn Jahren unberührt, entwickelt sich die Vegetation im Schutzgebiet allein nach den Naturgesetzen. Über 150 Jahre alte Buchen wachsen hier in die Höhe. Es ist Mitte Oktober. Die Baumkronen sind noch tiefgrün, obschon der Boden von trockenem Laub bedeckt ist. Eigentlich ist das Verlassen der offiziellen Waldwege im Schutzgebiet untersagt. Für Lorenz Walthert und Roman Zweifel machen die Ranger des Wildnisparks aber eine Ausnahme.

Die beiden sind Wissenschaftler der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Die WSL betreibt zusammen mit der ETH Zürich und dem Institut für Angewandte Pflanzenbiologie in Witterswil das Forschungsprojekt Treenet. Eines der Ziele ist es, den Trockenstress der Bäume zu ermitteln. Im Fokus steht dabei die Wasserversorgung und ihr Einfluss auf die Baumvitalität. Einer der 34 Messstandorte liegt am Nordosthang des Albis.

Im 10-Minuten-Takt messen

Geschickt klettert Walthert über einen gefallenen Baumstamm, er bahnt sich seinen Weg zeilstrebig zwischen den Ästen hindurch. Schon steht er gefolgt von Zweifel im Forschungslabor mitten im Wald. Vier Buchen sind mit Messsensoren ausgestattet. Die sogenannten Punktdendrometer sind mit drei Gewindestangen im Holz verankert.

Das Punktdendrometer erfasst Bewegungen im Baumstamm. Bild: Michael Trost

Ein Metallstift in der Mitte wird mit einer Feder sanft auf die Oberfläche des Stammts gedrückt und misst so seine Bewegungen – «den Puls», wie es Zweifel beschreibt – auf einen Mikrometer genau.

Virtuelle Tour durch den Abschnitt im Sihlwald. Klicken Sie auf das Bild um den Rundgang zu starten. Roomtour: treenet.info

Schweizweit wird bei 250 Bäumen so laufend das Wachstum und das sogenannte Baumwasserdefizit erfasst. Leidet ein Baum unter Wassermangel, schrumpft sein Stamm. Ist die Wasseraufnahme aus den Wurzeln hingegen grösser als die Transpiration der Blätter, dehnt sich der Stamm wieder aus.

Im Zehn-Minuten-Takt werden die Messwerte an eine zentrale Datenbank übermittelt. Zweifel öffnet auf seinem Laptop einen Datensatz mit der Wachstumskurve der Buche, die vor ihm steht. «Das Auf und Ab zeigt, dass sich der Baum jeweils in der Nacht ausdehnt und am Tag schrumpft», sagt er.

Viel Wasser, trotz Trockenheit

Interessant wird es, wenn man die Daten über einen längeren Zeitraum betrachtet. Die Sihlwalder Buchen sind seit 2014 Teil des Projektes. «Die Bäume sind seither jedes Jahr gut gewachsen und haben auch die Trockenjahre 2015 und 2018 unbeschadet weggesteckt», sagt Zweifel. Das liege an den Besonderheiten des Standorts, wie Walthert erläutert: «Der Sihlwald ist einer der wüchsigsten Standorte mit einer sehr guten Wasserverfügbarkeit.» Am Nordosthang wachsen die Bäume von übermässiger Sonneneinstrahlung geschützt, was die Verdunstung des Wassers reduziert. Hinzu kommt, dass das Wasserspeichervermögen des Bodens gross ist und wegen der Hanglage ständig Wasser im Untergrund nachfliesst. Deshalb trocknet der Boden langsamer aus als an den anderen Messstandorten.

Sensoren messen laufend das Wasserpotenzial und die Temperatur des Bodens sowie die Lufttemperatur und -feuchtigkeit.

Luftsensoren (links) messen Lufttemperatur und -feuchtigkeit. Bild: Michael Trost

Mit Hilfe dieser Daten können die Forscher das Wachstum und den Trockenstress der Bäume in Zusammenhang mit den Standortmerkmalen setzen. Vergleicht man die Sihlwalder Buchen mit jenen am trockensten Messstandort oberhalb von Saillon im Wallis, zeigen sich für dieses Jahr grosse Unterschiede. Während die Wachstumsperiode im Wallis bereits Mitte Juni abgeschlossen war, sind die Buchen im Sihlwald bis Mitte September gewachsen.

«Der Oberboden ist zwar auch im Sihlwald sehr stark ausgetrocknet, ab einem Meter Tiefe war die Wasserverfügbarkeit aber immer gut», erklärt Walthert. Dem Sihlwald hat der heisse Sommer sogar einen Wachstumsschub beschert. Die hiesigen Buchen sind sechs Mal stärker gewachsen als ihre Walliser Pendants, die mit akuter Trockenheit zu kämpfen hatten. «Wenn die Feuchtigkeit stimmt, können die Buchen von heissen Temperaturen profitieren», sagt Zweifel.

Fehler rückgängig machen

Das Ziel des Forschungsprojekts ist es, ebensolche Zusammenhänge zu entdecken. Das Wissen soll genutzt werden, um die Wälder fit zu halten. Dabei geht es laut Zweifel nicht darum, in die intakte Natur einzugreifen. Viel eher könne man vergangene Fehler rückgängig machen, sagt er und verweist auf Fichtenwälder, die in den Tiefenlagen anders als im Gebirge nicht natürlich vorkommen. «Das Risiko für ein Waldsterben durch Krankheiten wie den Borkenkäfer oder durch den Klimawandel ist bei solchen Aufforstungen viel grösser als bei standortgerechten Mischwäldern.»

Weiss man, wie sich Temperatur, Wasserverfügbarkeit und Stickstoffgehalt auf einzelne Baumarten auswirken, können diese gezielt an geeigneten Standorten gefördert und so etwa Schutzwälder gestärkt werden. Gerade diese müssten vor dem Klimawandel gewappnet sein, damit sie auch künftig ihre Schutzfunktion für den Menschen erbringen können, sagt Zweifel. Den Prognosen nach dürften Extremereignisse wie Stürme, Starkniederschläge oder lange Trockenperioden zunehmen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.11.2018, 15:41 Uhr

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