Sommerserie

Sie erschaffen Figuren – beide auf ihre eigene Art

Brigitte und Stephan Schmidlin haben beide ihre Lebensinhalte in der Kunst gefunden. Auch wenn sich ihre Kunst unterscheidet, ähneln sie sich im Wesen.

Geschwister und Künstler: Brigitte Schmidlin ist Schauspielerin, ihr Bruder Stephan Holzbildhauer.

Geschwister und Künstler: Brigitte Schmidlin ist Schauspielerin, ihr Bruder Stephan Holzbildhauer. Bild: Manuela Matt

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Das Atelier von Holzbildhauer Stephan Schmidlin ist vollgestellt mit Skulpturen. Trotz des vermeintlichen «Künstlerchaos» scheint jede Figur mit ihrer Präsenz ihren ganz bestimmten Platz zu haben. Schauspielerin und Regisseurin Brigitte Schmidlin aus Adliswil sieht dieses Atelier ihres Bruders zum ersten Mal. Dennoch bewegt sie sich zwischen den mächtigen Skulpturen mit einer gewissen Vertrautheit, die auch die Beziehung der Geschwister prägt.

Gross geworden sind Brigitte und Stephan Schmidlin in Affoltern am Albis mit zwei weiteren Brüdern. Sie war die Jüngste der Familie. «Darum bin ich ein wenig als Einzelkind aufgewachsen», sagt sie. Wegen den sieben Jahren Altersunterschied seien gemeinsame Momente mit Stephan eher rar gewesen. «In den Ferien gingen wir einmal zeichnen. Ich habe mich so gefreut, mit dem grossen Bruder zu zeichnen», erinnert sich Brigitte.

Kunst statt Familienbetrieb

Beide träumten in ihrer Kindheit von der künstlerischen Arbeit. Den ersten Schritt machte Stephan Schmidlin. Zwar bot sich ihm die Möglichkeit, in das etablierte Lüftungsunternehmen seiner Familie einzusteigen, aber stattdessen machte er die Ausbildung zum Holzbildhauer. Später tourte er 15 Jahre lang als Teil des bekannten Komiker-Duos «Schmirinskis» durch die Schweiz. «Für mich war es gut, dass meine Brüder in den Betrieb gingen. So konnte mein Vater meine Wahl akzeptieren», erklärt er. «So hast du für mich den Weg vorgekämpft», ergänzt seine Schwester. Nachdem sie als Lüftungszeichnerin «öppis Rächts» gelernt hatte, besuchte sie die Schauspielschule. Heute arbeitet sie auch als Sprecherin und Theaterpädagogin.

Die Angst vor dem Scheitern begleitete beide Künstler. Gerade am Anfang habe sich Stephan Schmidlin schwergetan. Damals meinten seine Kollegen, er erlerne einen «brotlosen» Job. «Mein Bauchgefühl sagte mir aber, dass es das Richtige ist», sagt er.

Auch Brigitte Schmidlin spürte die Unsicherheit. «Da wir aber beide nicht dasselbe machen, suchen wir nicht die gegenseitige Unterstützung», sagt sie. Ihr Bruder erklärt dazu: «Natürlich weiss ich, was die Probleme vor einer Premiere sind. Aber ich weiss auch, dass man da selber durch muss. Auf der Bühne kann dir niemand helfen.»

Auf ihrem Weg half Brigitte Schmidlin der Rückhalt in der Familie. «Das gab mir ein Grundvertrauen. Ich wusste, wenn es nicht klappt, dann lande ich nicht auf der Strasse.» Stephan Schmidlin ist glücklich, dass er sich auf sein Bauchgefühl verlassen hat. «Ein Teil meines persönlichen Erfolges besteht darin, dass die Holzbildhauerei mein gelernter Beruf ist.» Momentan müssen beide nicht um Aufträge ringen. Die Regisseurin engagiert sich in zwei Theaterproduktionen. Der Bildhauer fertigt unter anderem eine zehntonnenschwere Skulptur für das eidgenössische Schwing- und Älplerfest im nächsten Jahr an.

Ähnliche Charaktere

Zwar formen die Geschwister in ihrer Arbeit beide Figuren, dennoch ist ihre Kunst grundverschieden. Die Regisseurin witzelt: «Sein Holz redet ihm nicht drein.» Den Moment, wenn ein Auftrag zu Ende geht, erleben sie ganz unterschiedlich. «Beim Theaterspielen wird man zu einer Familie. Nach der Derniere geht man auf einen Schlag auseinander. Das ist intensiv», erzählt Brigitte Schmidlin. Der Holzbildhauer hingegen freut sich, wenn er eine Arbeit abschliesst. «Das Schönste ist es, die Skulptur in den öffentlichen Raum zu stellen.»

Charakterlich seien die Geschwister aber nicht total verschieden. Ehrgeiz und Verlässlichkeit sind Eigenschaften, die sie für sich beanspruchen. Richtige Konflikte gäbe es keine, «aber wir können diskutieren und streiten auf lustige Weise, jedoch ohne böse Auseinandersetzung», erklärt der Bruder. Beispielsweise über eine belanglose Formulierung wie beide erzählen — während sie wieder in eine kleine Diskussion darüber verfallen. Ein gewisses Rechtsempfinden sei also ein weiterer Charakterzug.

Grundlage des Erfolgs

Eine wichtige Grundlage für ihren Erfolg sieht Brigitte Schmidlin in ihrer behüteten Kindheit. «Ich bin mit einer positiven Einstellung zum Leben aufgewachsen», sagt sie. Dass Andere in ihrer Kindheit schwere Schicksale erleiden, stimmt sie traurig. Ihr Bruder ergänzt: «Neben Gesundheit ist ein Lebensinhalt wichtig.» Seine Schwester wendet ein: «Dafür brauchst du aber schon ein gutes Zuhause.»

Und was raten sie Leuten, die sich in der Kunst ihren Lebensunterhalt verdienen wollen? Stephan Schmidlin sagt: «Wenn man Jung ist, dann soll man es probieren.» Seine Schwester ergänzt: «Und durchhalten!»

Erstellt: 03.09.2018, 16:26 Uhr

Sommerserie

Die «Zürichsee-Zeitung» porträtiert in einer Sommerserie Geschwisterpaare aus der Region. Dabei geht es um das Elternhaus, unterschiedliche Lebenswege und Weltanschauungen. Und auch um Fragen, die sich unter Geschwistern zwangläufig stellen: Wie steht es um Rivalität, Eifersucht und um Konfliktlösungen?

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