Thalwil

«Sich lächelnd selbst zum bewertbaren Produkt erniedrigen»

Jürg Halter gilt als Pionier der Spoken-Word-Bewegung. Am Donnerstag liest er im Kulturraum aus seinem neuesten Buch «Mondkreisläufer». Er spricht über Brüche und Widersprüche unserer Gesellschaft, die er dabei anklingen lässt.

Macht gerne auf blinde Flecken aufmerksam und rüttelt an festgefahrenen Denkkonzepten: Jürg Halter.

Macht gerne auf blinde Flecken aufmerksam und rüttelt an festgefahrenen Denkkonzepten: Jürg Halter. Bild: Keystone

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Als «abstrakt», «irrwitzig», «fantasiereich» preisen Kritiker Ihr neuestes Werk, aus dem Sie in Thalwil lesen. Das Buch gibt Lesern Rätsel auf. Fangen wir mal beim Titel an: Was ist ein Mondkreisläufer?
Jürg Halter: Der Mondkreis­läufer ist ein Getriebener, ein Verzweifelter, ein Erkennender und durchaus einer mit absurdem Humor. Der Name steht für den modernen Menschen, dem vermeintlich alle Möglichkeiten offenstehen und der gerade dadurch nie ganz bei sich selbst ankommt; er geht im Kreis. Der Protagonist in meinem Buch ist auf der Suche nach seiner Mutter, die er auf dem Mond vermutet. Ob er eine Suche dahin unternimmt oder ob diese nur in seinem Kopf stattfindet, bleibt offen.

Weshalb reizte es Sie, ein Werk zu schaffen, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet?
Wer nach Antworten sucht, muss zuerst auf die richtigen Fragen kommen. Eindeutige Antworten sind oft nur ein Verdrängen von unbequemen, komplexen Fragen. Häufig nehmen wir das Meiste unhinterfragt als gegeben hin. Ich aber gehe oft staunend durch die Strassen und frage mich, weshalb das Leben so eingerichtet ist, wie es ist. Diese ­Frage hat dann viele weitere zur Folge. Das ist der Weg der Philosophie.

Welches Publikum möchten Sie ansprechen?
Wenn ich schreibe, habe ich ein zu bestimmendes Du vor mir, einen Spiegel meiner selbst, und gehe dann kühn davon aus, dass wenn mich gewisse Themen auf eine bestimmte Art umtreiben, es vielleicht da draussen ein paar Menschen gibt, die einen ähnlichen Blick wie ich auf die Welt haben, und in diesem Brennpunkt könnten wir uns dann finden, austauschen, trösten, lachen.

Verspielt, schräg, lyrisch: Jürg Halter, Dichter und Denker im Umbruch. Quelle: youtube.com.

Das Theaterstück «Mondkreisläufer», das dem Prosatext vor­ausging, feierte grosse Erfolge.
Es ist doch schön, zu wissen, dass es noch ein Publikum gibt, das sich auf komplexe sprachliche Experimente einlässt, die keinen thematisch klar umrissenen Rahmen haben. Als wäre unser Leben klar umrissen.

Im «Mondkreisläufer» heisst es: «Du denkst, also bist du toll». Soll diese Verballhornung von Déscartes’ «Cogito ergo sum» der heutigen Spassgesellschaft einen Spiegel vorhalten?
Wir leben in einer selbstgefälligen Zeit. Ständig sucht man nach der Bestätigung von anderen, die wiederum dasselbe von einem erwarten, und verhindert so, dass man sich wirklich mit sich selbst konfrontiert. Man verliert auch den Bezug zum anderen. Man erniedrigt sich lächelnd selbst zum bewertbaren Produkt und nennt es Selbstverwirklichung.

Was reizte Sie daran, in Ihrem Theatergedicht Verballhornungen von philosophischen Sentenzen wie jener von Déscartes zu schaffen?
Man sollte mit dem literarischen Erbe spielerisch umgehen, konserviert man es, stirbt es aus. Ich sehe mich in verschiedenen Traditionen, ohne ein Experte auf einem Gebiet zu sein. Als Schriftsteller sollte man vor allem ein aufmerksamer Dilettant sein.

«Der Austritt des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Freiheit» lautet Ihre Variation von Kants berühmtem Leitsatz über die Unmündigkeit. Wieso leiden wir an der Freiheit?
Dem Versprechen, dass alles möglich ist, folgen wir oft blind. Wir haben uns so in eine Pseudofreiheit hineingelebt. Doch sind der freie Konsum und die Selbstoptimierung wirklich das, was unser Leben erfüllt? Dass im ­Namen der Sicherheit und der ­Digitalisierung unsere Freiheit immer mehr kontrolliert wird, scheinen wir zu verdrängen. Istja auch im Sinne der Wirtschaft, dass wir möglichst kalkulierbar sind. Bis es zu spät ist.

In Lesungen tendieren Sie dazu, Zuschauer vor den Kopf zu stossen: Sie sprechen Passanten an, improvisieren. Mit welchem ­Gefühl werden die Zuhörer den Kulturraum Thalwil verlassen?
Zum Glück weiss ich das noch nicht! Sonst würde ich ja als Marketingexperte bei Facebook oder Google arbeiten oder Pfannen auf dem Märit anpreisen. Bei Auftritten lebe ich in der Gegenwart und hoffe auf ein Publikum, das mit mir das Erlebnis neugierig teilt.

Sie sind ein Verfechter der Selbstreflexion. Welche blinden Flecken orten Sie bei den ­Bewohnern des Zürichseeufers?
Will man die blinden Flecken bei anderen ausmachen, muss man sich zuerst mit seinen eigenen auseinandersetzen. Es muss einem unangenehm sein. Ich werde in Thalwil mit dem Publikum eine Gruppenselbstreflektion durchführen, danach kann ich darauf eine Antwort geben.

In den frühen 2000er-Jahre mischte Jürg Halter als Kutti MC die Schweizer Rapszene auf. Quelle: youtube.com.

Sie waren Rapper, Spoken-Word-Pionier, sind Schriftsteller und nun auch Dramaturg. Was folgt als Nächstes? Ein weiteres Album oder gar ein Drehbuch?
Meine Liebe zur Musik lebt. Aber ich warte auf die Begegnung mit dem richtigen Menschen, denn um Musik zu machen, brauche ich einen eigensinnigen Produzenten, der das Neue sucht. Zurzeit arbeite ich an einem Dokfilm über das improvisierte Wort. Und im Herbst erscheint mein erster längerer Roman, ein neues, wichtiges Kapitel in meinem Werk, auf das ich mich freue.

Donnerstag, 15. März, 20.15 Uhr, Kulturraum Thalwil. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.03.2018, 15:26 Uhr

Zur Person

Jürg Halter ist Schriftsteller, Musiker und Performancekünstler. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation. Erstmals bekannt wurde er als Rapper Kutti MC. Er ver­öffentlichte zahlreiche Bücher und Alben. Zuletzt erschienen der Gedichtband «Wir fürchten das Ende der Musik», «Das 48-Stunden-Gedicht» und die Geschichte vom «Mondkreisläufer»; das gleichnamige Theaterstück feierte 2016 am Konzert Theater Bern erfolgreich Premiere. (red)

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