Wädenswil

Seine Schauspieler erschafft er selbst

Mit drei verschiedenen Aufführungen gastiert der Puppenspieler und Kunstpfeifer Nikolaus Habjan nächste Woche im Theater Ticino. In Wien ist er sehr erfolgreich.

«Bevor ich eine Puppe baue, überlege ich mir, welchen Charakter sie hat und was sie alles erlebt hat»: Puppenspieler und Kunstpfeifer Nikolaus Habjan

«Bevor ich eine Puppe baue, überlege ich mir, welchen Charakter sie hat und was sie alles erlebt hat»: Puppenspieler und Kunstpfeifer Nikolaus Habjan Bild: zvg

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Herr Habjan, statt mit Schauspielern stehen Sie mit Puppen auf der Bühne und sind während der Vorstellung sichtbar. Warum verstecken Sie sich nicht?
Nikolaus Habjan: Das Gleiche habe ich auch gedacht, als ich Neville Tranter, der schon mehrmals im Theater Ticino aufgetreten ist, mit seinen Puppen zum ersten Mal gesehen habe. Anfangs war ich enttäuscht, dass er sich nicht einmal bemüht, sich zu verstecken. Doch dann war ich fasziniert.

Warum?
Wenn man sich als Puppenspieler versteckt, fragt sich das Publikum, wer die Puppen bewegt und spricht. Ist man sichtbar, muss sich das Publikum nicht bemühen, diese Illusion zu hinterfragen und zu knacken. Es ist von Anfang an klar, dass ich die Stimme der Puppe bin und meine Hand in ihr steckt. So kann sich das Publikum voll auf die Puppe und das Stück konzentrieren.

Wie schaffen Sie es dennoch, den Puppen ein Eigenleben zu geben?
Das geschieht über die Bewegungen, meine Stimme und natürlich auch über das Aussehen der Puppe.

Sie bauen die Puppen selbst. Worauf achten Sie dabei?
Die Puppe muss asymmetrisch sein. Bevor ich aber eine Puppe baue, überlege ich mir, welchen Charakter sie hat und was sie alles erlebt hat. Dann wähle ich das Material aus. So habe ich für die Puppe Friedrich Zawrel weiche Materialien und Teddyaugen verwendet, während ich den NS-Arzt Heinrich Gross aus einem speziellen Hartschaum hergestellt und ihm eine blasse Hautfarbe gegeben habe.

Im Gegensatz zu Schauspielern haben Puppen keine Mimik. Wie entscheiden Sie sich, welchen Gesichtsausdruck Ihre Puppen bekommen?
Wenn man bei einem Film, kurz bevor ein Schauspieler das Gesicht zu einem Lachen oder Weinen verzieht, auf die Pausentaste drückt, hat man einen Ausdruck, in den man alles hineininterpretieren könnte. Diesen Ausdruck versuche ich auch in das Gesicht meiner Puppen zu bringen. Auf diese Weise kann ich alle Gefühlsregungen mit ihnen spielen.

Gelingt Ihnen dieser Ausdruck der Puppe auf Anhieb?
Nicht immer. Für eine Puppe habe ich drei Anläufe gebraucht, bis sie meinen Vorstellungen entsprach. Jetzt gehört sie zu meinen Lieblingspuppen.

Wie haben Sie Ihre Begeisterung für das Puppenspiel entdeckt?
Mit fünf Jahren habe ich das Salzburger Marionettentheater besucht. Damals wurde «Die Zauberflöte» gespielt. Ab diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich Marionettenspieler und Theaterregisseur werden will.

Wie haben Sie dieses Ziel weiterverfolgt?
Jedes Jahr habe ich mir zum Geburtstag und zu Weihnachten eine neue Marionette gewünscht, bis ich das komplette Ensemble der «Zauberflöte» zusammenhatte. Danach spielte ich meinen Eltern, Tanten und Onkeln die komplette Oper vor. Es gab für sie kein Entrinnen.

Es blieb aber nicht bei den Marionetten.
Richtig. Durch den auch aus dem Theater Ticino bekannten Puppenspieler Neville Tranter lernte ich die Klappmaulpuppen kennen und schätzen. Ich habe mehrere Workshops bei ihm besucht.

Inzwischen sind Sie sehr erfolgreich in Wien. Mit Ihrem Stück «Der Herr Karl» durften Sie das Jahr im Wiener Burgtheater eröffnen. Dennoch kommen Sie immer wieder gerne ins wesentlich kleinere Theater Ticino?
Es läuft im Moment ganz gut in Wien. Aber ich spiele auch gerne vor kleinem Publikum. Das Theater Ticino ist mir besonders ans Herz gewachsen. Ich werde hier immer sehr herzlich empfangen. Ich schätze die familiäre Atmosphäre dieses Theaters und das Essen. Besonders den Salat.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt im Theater Ticino erinnern?
Oh ja, sehr gut sogar. Ich spielte «Schlag sie tot», war sehr nervös. Es war mein erstes Auslandsgastspiel, und ich hatte keine Ahnung, wie das Schweizer Theaterpublikum reagiert. Ausserdem ist Neville Tranter schon mehrmals hier aufgetreten, und ich stand im direkten Vergleich. Ich ging also auf die Bühne und sagte: Wer keine Erwartungen hat, wird auch nicht enttäuscht. Schnell wurde mir klar, dass ich ein unkompliziertes Publikum vor mir hatte.

Neben Ihren Vorstellungen mit den Puppen stehen Sie auch als Kunstpfeifer auf der Bühne. Was kann man sich darunter vorstellen?
Weil ich Opernarien mag, sie aber nicht singen kann, habe ich begonnen, sie zu pfeifen. Auf der Bühne werde ich von einem Pianisten begleitet.

Und wie kamen Sie dazu, daraus ein abendfüllendes Programm zu machen?
Ein Freund brachte mich auf die Idee. An einem Kleinkunstfestival stand ich dann 20 Minuten pfeifend auf der Bühne. Das Publikum wollte schliesslich so viele Zugaben, dass ich praktisch das ganze Programm nochmals pfiff.

Haben Sie bereits Ideen für ein neues Puppentheater?
Ja, derzeit bin ich daran, «Faust» von Goethe zu inszenieren. Ausserdem ist eine Zusammenarbeit mit Neville Tranter geplant.

Erstellt: 08.01.2016, 15:46 Uhr

Puppenspiel und Pfeifkonzert

Der Puppenschauspieler und Kunstpfeifer Nikolaus Habjan aus Wien gastiert eine Woche lang im Theater Ticino mit drei verschiedenen Aufführungen. Das erste Stück (12./13. Januar), ein Figurentheater, lädt ein zum Weinen, Denken, Lachen. Es handelt von Friedrich Zawrel, aufgewachsen in den 1930er-Jahren, der als Kind in einer Krankenanstalt des Deutschen Reichs landete. In seinem Auftritt am 14. Januar pfeift Habjan als Kunstpfeifer die beliebtesten Arien aus drei Jahrhunderten Opern- und Operettengeschichte. Zum Schluss seiner Wädenswiler Woche führt er das Theaterstück «Der Herr Karl» auf (16. Januar), das in Wien spielt. Mithilfe seiner Puppen schlüpft Habjan dabei in verschiedenste Rollen, die zusammen alle Herrn Karl ergeben.

Dienstag, 12. Januar, Mittwoch, 13. Januar, Donnerstag, 14. Januar, jeweils 20.30 Uhr, sowie Samstag, 16. Januar, 15.30 Uhr, Theater Ticino, Seestrasse 57, Wädenswil,
Reservationen unter: www.theater-ticino.ch. (zsz)

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