Spitäler

Zahl der Notfallpatienten steigt und steigt

Die Notfallstationen der regionalen Spitäler haben in den letzten Jahren einen enormen Andrang erlebt. In Männedorf haben sich die Zahlen mittlerweile auf hohem Niveau stabilisiert. Am See-Spital am linken Zürichseeufer steigen sie weiter.

Die Zahl der Patienten, welche die Notfallstation des See-Spitals Horgen aufsuchen, ist hoch – und sie steigt trotz Gegenmassnahmen weiter.

Die Zahl der Patienten, welche die Notfallstation des See-Spitals Horgen aufsuchen, ist hoch – und sie steigt trotz Gegenmassnahmen weiter. Bild: PD

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Als Jahr der Rekorde: So bezeichnet das See-Spital mit Standorten in Horgen und Kilchberg das Jahr 2018 in einer Medienmitteilung. Denn 697 Kinder erblickten letztes Jahr im See-Spital das Licht der Welt, was einem Zuwachs von 7,7 Prozent entspricht.

Auffällig ist aber vor allem der zweite Rekord, den das Spital vermeldet: 15'050 Personen suchten vergangenes Jahr die Notfallstation in Horgen auf – durchschnittlich 41 pro Tag. Das bedeutet einen Zuwachs von 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Mitteilung wird dies als «neuer Besucherrekord» bezeichnet.

Auch im Spital Männedorf waren die Zahlen in den vergangenen Jahren konstant hoch. Zwischen 2012 und 2017 sind sie von 11'500 auf 13'700 gestiegen. Für das vergangene Jahr liegen noch keine definitiven Zahlen vor, das Spital geht aber von 13'900 Notfallpatienten aus. Die Zahl hat sich somit stabilisiert.

Der Grossteil der Patienten seien «echte» Notfälle, sagen Anouk Chuffart und Beat Frank, die ärztlichen Leiter des Notfalls. Die Notfallstation behandelt hauptsächlich Herzinfarkte, Lungenleiden und Brüche.

Eine Entwicklung haben die beiden Ärzte festgestellt. Es gebe Patienten, die sich lieber direkt ans Spital wenden würden, weil sie der Überzeugung seien, hier die umfassendere Abklärung zu erhalten. «Auch kommen insgesamt mehr Patienten ohne Überweisung durch den Hausarzt ins Spital als noch vor zehn Jahren.»

Notfall wegen einer Bagatelle

Das Spital Männedorf ermuntert seine Patienten zwar, die Hausärzte als erste Anlaufstelle zu nutzen. Allerdings nehme die Zahl der niedergelassenen Ärzte in der Region ab. «Viele Notfallpatienten kommen deshalb unfreiwillig direkt zu uns, weil die Sprechstunden der Hausärzte auch ausgebucht sind.»

Überdies begeben sich Patienten vermehrt auch wegen einer Bagatelle wie einer kleineren Quetschung oder einer Augenentzündung in den Notfall. «Vergleicht man die letzten Jahre, scheint es einen solchen Trend zu geben», sagen die beiden Ärzte.

Ähnlich verhält es sich beim See-Spital. Daran hat die Notfallpraxis, welche das See-Spital am Standort Kilchberg im Verlauf des Sommers eröffnet hat, offenbar nichts geändert. Validierte Zahlen, wie viele Patienten die Kilchberger Praxis aufgesucht haben, liegen noch nicht vor. Doch unabhängig davon sind die Zahlen in Horgen steigend. Dabei ist die Kilchberger Praxis unter anderem mit der Idee eröffnet worden, die Notfallstation in Horgen zu entlasten. Diese sei «oft überlastet», sagt Lo­renzo Marazzotta, Stiftungs­rats­präsident des See-Spitals, Ende 2017 gegenüber der ZSZ.

«Fast track» für leichte Fälle

Sarah Buob, Medien­spre­che­rin des See-Spitals, führt den Anstieg an Notfallpatienten auf verschiedene Aspekte zurück. Junge Menschen und solche mit Migrationshintergrund hätten oft kei­­nen Haus­arzt. Auch im Aufnahmestopp mancher Hausärzte ortet sie einen Grund, desgleichen im Willen von Arbeitnehmern, einen Arbeitsausfall zu ver­­meiden und darum den Notfall abends, nach der Arbeit, aufzusuchen. Ferner komme es vor, dass Patienten sich vergewissern wollten, dass sie nicht ernsthaft erkrankt seien.

Die Mediensprecherin des See-Spitals wertet die rekordhohe Zahl im Notfall durchwegs positiv – auch in Zeiten, in denen es das erklärte Ziel der Gesund­heitspolitik ist, die Notfallstationen zu entlasten und die Kosten zu senken. Die grosse Nachfrage nach den Leistungen zeige, dass das See-Spital bei der Bevölkerung gut verankert sei. «Darüber freuen wir uns.»

Kritik der Hausärzte

Um den Notfalldienst in Horgen zu entlasten, hat das See-Spital Massnahmen ergriffen. Gegen die Spitzenbelastungen über Mittag und am Abend wurde ein Mitteldienst für die Ärzte eingeführt, auch in der Pflege seien die Arbeitszeiten angepasst worden. Aus­ser­dem werde mit einem «fast track» der Ablauf der weniger schwer Erkrankten beschleunigt.

Für Sarah Buob unterstreicht die hohe und weiter ansteigende Zahl der Patienten auf der Notfallstation in Horgen das Bedürfnis nach einer Ergänzung durch eine Notfallpraxis, wie sie mit dem 100-Millionen-Neubau, der in den nächsten Jahren in Horgen realisiert wird, geplant ist. In diesem sollen die «kleinen» Notfälle versorgt werden – ähnlich wie in Kilchberg, allerdings in Zusammenarbeit mit den Hausärzten.

Wie diese aussehen könnte, ist nach wie vor Gegenstand von Verhandlungen. Über deren Verlauf wurde Stillschweigen vereinbart. Tatsache ist, dass sich die Hausärzte im Vorfeld der Eröffnung der Kilchberger Praxis kritisch geäussert hatten. Ineffizienz und Geldmacherei waren nur zwei Vor­würfe der Hausärzte an die Adresse des Spitals.

90 Prozent bei den Hausärzten

Wie sehr die Hausärzte die Eröffnung der Praxis spüren, dazu äussert­ sich Adrian Müller, Haus­arzt in Horgen und Präsident der Bezirks­ärztegesell­schaft, mit Verweis auf die Stillschweige-Vereinbarung nicht. Hingegen äussert er sich zu den 15'000 Patienten, welche 2018 die Notfall­station des See-Spitals Horgen besucht haben. Dass knapp 1000 Notfallpatienten mehr das See-Spital aufgesucht hätten, bedeute für die Hausärzte keine Entlastung.

«Die Hausärzte im Bezirk Horgen­ betreuen pro Jahr 160'000 bis 250'000 Notfälle, die Kinder nicht eingerechnet», sagt Adrian Müller, «da fallen 1000 mehr oder weniger nicht ins Gewicht­.» Das heisst, dass die gut 120'000 Einwohner gut und gerne zweimal pro Jahr notfallmässig einen Haus­arzt aufsuchen. Für den einzelnen Hausarzt bedeute dies, dass er pro Tag vier bis zehn Notfälle dazwischenschiebe. «Die Leute sind sich nicht bewusst, wie viele Notfälle die Haus­ärzte abfedern», sagt Müller. Und dies extrem viel günstiger: «Ein Notfall im Spital kostet drei- bis fünfmal­ mehr.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.01.2019, 17:34 Uhr

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