Horgen

See-Spital provoziert mit Notfall-Werbekampagne

Die Politik ist sich einig: Die Zahl der Spitalnotfälle muss dringend zurückgehen. Umso kritischer wird eine Kampagne des See-Spitals beurteilt, welche die Vorzüge des Spitalnotfalls anpreist.

Prominent platziert: Die See-Spital-Plakate hängen an mehreren Bahnhöfen der Region, so wie hier in Wädenswil.

Prominent platziert: Die See-Spital-Plakate hängen an mehreren Bahnhöfen der Region, so wie hier in Wädenswil. Bild: Conradin Knabenhans

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Ein grosser Glückskäfer aus Schokolade, dazu ein kleines Töpfchen mit Glücksklee. Die 15000. Patientin im Notfall des See-Spitals Horgen wurde Ende des vergangenen Jahres nach der stationären Aufnahme mit diesem Geschenk überrascht. Medienwirksam freut sich das See-Spital über diesen Besucher-Rekord – und das in Zeiten, in denen sich Gesundheitspolitiker einig sind: Zu viele Patienten besuchen mit einem kleinen Wehwehchen den Spitalnotfall. Das blockiert nicht nur wichtige Ressourcen für die richtigen Notfälle, sondern ist auch noch sündhaft teuer. Das See-Spital rechtfertigt das Geschenk an 15000. Patientin: «Das war eine spontane Aufmerksamkeit und keine geplante Aktion», teilen die Verantwortlichen mit.

Doch beim Schoggi-Glückskäfer bleibt es nicht: Derzeit läuft eine gross angelegte Werbekampagne des See-Spitals, welche etwa an Bahnhöfen und in Bussen der Region zu sehen ist. «Offen. Rund um die Uhr. Notfall für Versicherte aller Klassen», steht da zu einem Bild des Notfalleingangs. Das See-Spital wirbt also nicht mit besonders freundlichem Pflegepersonal oder besonders kompetenten Ärztinnen und Ärzten, sondern ausgerchnet mit dem Notfalldienst. Dabei merkte Stiftungsratspräsident Lorenzo Marazzotta schon 2017 in dieser Zeitung an, der Notfall sei oft überlastet.

Notfall-Gebühr gefordert

Entsprechend erzürnt die Werbung viele. Einer der sich besonders stört, ist der Horgner GLP-Nationalrat Thomas Weibel. Er hat jüngst im Nationalrat einen Vorstoss eingereicht, der eine direkt vor Ort zahlbare Notfallgebühr von 50 Franken für Bagatellfälle fordert. Nirgends würden die Kosten so rasant steigen, wie im ambulanten Spitalbereich sagt Weibel. «Eine Konsultation auf der Notfallstation kostet mindestens doppelt so viel wie eine Notfallkonsultation beim Hausarzt oder Notfallarzt», argumentiert der Politiker, der auch Mitglied der Gesundheitskommission ist. Er sagt: «Das See-Spital torpediert direkt die Bemühungen der Politik auf kantonaler und eidgenössischer Ebene, diese Kosten einzudämmen.»

«Wir können die Vorwürfe nicht nachvollziehen und weisen diese entschieden zurück.»Mediensprecher des Spitalstiftungsrates Christian Bretscher

Beim See-Spital kann über die Kritik des Nationalrates nur den Kopf schütteln: «Wir können die Vorwürfe nicht nachvollziehen und weisen diese entschieden zurück», sagt der Mediensprecher des Spitalstiftungsrates Christian Bretscher, ohne jedoch Zahlen zu den Kosten eines Notfalls liefern zu wollen. Die Plakate seien Bestandteil einer Kampagne zur Information der Bevölkerung über das See-Spital und seiner Dienstleistungen. «Dazu gehört auch die in vielen Fällen lebensrettende Notfallstation. Deren Betrieb ist fester Bestandteil des kantonalen Leistungsauftrages des See-Spitals.»

Eine Daueraufgabe

Für Weibel ist das kein Argument. Denn auf der Webseite informiere das See-Spital korrekt, meint der Nationalrat. Dort heisst es nämlich: «In nicht lebensbedrohlichen Notfällen kontaktieren Sie bitte Ihren Hausarzt. Ist dieser nicht erreichbar, wählen Sie die Notfallnummer des Kantons Zürich: 0800 33 66 55.»

Ende des vergangenen Jahres bezeichnete der Zürcher Regierungsrat die Entlastung der Spitalnotfälle denn auch als «Daueraufgabe für alle Akteure.» Geht es dann aber um die konkrete Werbekampagne, gibt sich die Gesundheitsdirektion des Kantons zurückhaltend. Mediensprecher Daniel Winter sagt lediglich: «Es steht allen Spitälern frei, in sachlichem Rahmen ihre eigenen Kommunikations- und Marketingmassnahmen zu treffen.»

Nationalrat Weibel hofft, dass spätestens mit dem geplanten Neubau des See-Spitals in Horgen das Buhlen um Notfallpatienten ein Ende hat. «Die neue Notfallpraxis soll sich als Triagestation vor der Notaufnahme positionieren und nur die schwerwiegenden Fälle an das Spital weiterleiten», meint der Horgner. Ein solches Modell bewähre sich an anderen Spitälern bereits. In diesem Punkt macht das See-Spital Weibel Hoffnung: «Genau dies ist Absicht und Ziel der neuen Notfallpraxis in Horgen», sagt Mediensprecher Bretscher. Nach Möglichkeit wolle man diese Praxis mit Hausärzten aus der Region besetzen. Der Neubau soll bis 2022/2023 fertiggestellt sein.

Der Vorstoss von Nationalrat Weibel zur 50 Franken Gebühr für Bagatellnotfälle liegt derzeit bei der Gesundheitskommission des Ständerates zur Bearbeitung. Der Kanton Zürich könnte allein keine solche Gebühr einführen - sie würde gegen Bundesrecht verstossen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.01.2019, 16:16 Uhr

Gesundheitsdirektion: Belegarzt-Kritik bleibt folgenlos

Am See-Spital-Standort Kilchberg herrsche eine Krise im Pflegedienst und eine ungenügende Notfallversorgung. Diese heftige Kritik äusserte der Präsident des Belegarztvereins des Spitals in einem Brief an den Stiftungsratspräsidenten Lorenzo Marazzotta (diese Zeitung berichtete). Trotz sofort anberaumten Gesprächen zwischen Ärzten und Spitalleitung, fanden die Vorwürfe den Weg an die Öffentlichkeit. Weil die Kritik dermassen happig ist, wollten auch die Behörden Antworten. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich forderte vom Spital eine schriftliche Bestätigung, dass etwa die Patientensicherheit in Kilchberg jederzeit gewährleistet war und ist. Auch der - inzwischen zurückgetretene - Präsident des Belegarztvereins musste sich gegenüber der Gesundheitsdirektion äussern.

Nun wird klar: Die Zürcher Behörden verzichten nach der öffentlichgewordenen Belegarzt-Kritik darauf, dem See-Spital genauer auf die Finger zu schauen. Mediensprecher Daniel Winter sagt: «In der Stellungnahme des Präsidenten des Belegarztvereins an die Gesundheitsdirektion wird der Vorwurf der Patientengefährdung am Spital Kilchberg nicht konkretisiert und nicht wiederholt.» Es bleibe bei allgemeinen Vorschlägen an das Spital zu strukturellen Anpassungen. Die Gesundheitsdirektion kommt deshalb zum Schluss. «Es ist Aufgabe der Spitalführung, mit solchen internen Forderungen und Vorschlägen bezüglich Angebot, betrieblicher Strukturen etc. umzugehen. Ein aufsichtsrechtlicher Sachverhalt ergibt sich daraus nicht.» Das See-Spital will sich im März zum nächsten Mal mit den Belegärzten zu einer Sondersitzung treffen.

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