Kilchberg

See-Spital macht Rückzieher bei umstrittener Praxis

Vor eineinhalb Jahren hat das See-Spital eine eigene Praxis mit hausärztlichen Sprechstunden eröffnet. Ein Projekt das Hausärzte stark kritisieren.

Nach nur eineinhalb Jahren schliesst das See-Spital am Standort Kilchberg die Praxis mit hausärztlichen Sprechstunden.

Nach nur eineinhalb Jahren schliesst das See-Spital am Standort Kilchberg die Praxis mit hausärztlichen Sprechstunden. Bild: Archiv Michael Trost

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Das See-Spital sprach vor eineinhalb Jahren noch von einem grossen Bedürfnis, als es seine eigene See-Spital-Praxis in Kilchberg eröffnete. Weil der Standort Kilchberg über keine Notfallstation verfügt und jene am Standort Horgen oft von Patienten aufgesucht wurde, denen auch der Hausarzt hätte helfen können, wurde eine Praxis zur ambulanten Behandlung eröffnet. Sie steht all jenen offen, die ohne Voranmeldung bei leichten Verletzungen wie Verbrennungen oder bei Bauchschmerzen eine hausärztliche Sprechstunde bei einem Arzt des See-Spitals erhalten wollen.

Keine zwei Jahre nach der Eröffnung wird das See-Spital die Praxis am Standort Kilchberg wieder schliessen und ab 1. Januar 2020 keine hausärztlichen Sprechstunden mehr anbieten. Das teilte das Spital am Dienstag in einer Medienmitteilung mit.

Unzufriedene Hausärzte

Das Angebot hatte bei den Hausärzten in der Region für grossen Unmut gesorgt. So sehr, dass sie in anderen Bereichen die Zusammenarbeit mit dem See-Spital eine Zeit lang auf Eis gelegt hatten und den Rücktritt der Spitalleitung forderten. Schon 2017, als das Spital über seine Pläne informierte, hagelte es für die See-Spital-Praxis Kritik. Als «eine völlige Fehlplanung», «reine Geldmacherei» oder «überflüssig und ineffizient» bezeichneten Hausärzte die Idee. Sie rechneten zwar mit keinen finanziellen Einbussen, befürchteten aber ein Steigen der gesamtheitlichen Gesundheitskosten. Es fanden Gespräche zwischen dem See-Spital und den regionalen Hausärzten statt. Die Situation schien entschärft.

War zwischen den Hausärzten und dem See-Spital doch noch nicht alles in Ordnung?

Vor einem Jahr zog die Spitalleitung Bilanz zu den ersten Monaten der Praxis. Eine Bilanz, die positiv ausfiel. «Bei den Hausärzten bestehen noch immer Ängste, die Stimmung ist aber schon besser», sagte Direktor Matthias Pfammatter im Oktober 2018.

Ein Jahr später nun also überraschend die Schliessung der See-Spital-Praxis. War zwischen den Hausärzten und dem See-Spital doch noch nicht alles in Ordnung? Die Bezirksärztegesellschaft wollte auf Anfrage dieser Zeitung keine Stellungnahme abgeben und verweist auf ein Stillschweigeabkommen.

Leiterin will eigene Praxis

Die Situation mit den Hausärzten habe nur im Hintergrund eine Rolle gespielt, sagt Christian Bretscher, Mediensprecher des Stiftungsrats des See-Spitals. «Ausschlag für die Einstellung der hausärztlichen Sprechstunden hat die Kündigung der leitenden Ärztin der See-Spital-Praxis gegeben.» Leitende Ärztin ist Viviane von Orelli. Sie habe sich entschieden, eine eigene Praxis zu eröffnen und das See-Spital auf Ende Jahr zu verlassen. Von Orelli selbst brachte zum Ausdruck, gegenüber dieser Zeitung keine Stellung nehmen zu dürfen. Wo sie ihre Praxis eröffnen wird, war noch nicht in Erfahrung zu bringen.

«Die Kündigung von Viviane von Orelli hat den Stiftungsrat dazu veranlasst, die Strategie zu überdenken», sagt Christian Bretscher. Die Schliessung der Praxis ziele unter anderem darauf ab, die Zusammenarbeit zwischen den Hausärzten und dem See-Spital zu stärken. Aus diesen Überlegungen heraus habe sich der Stiftungsrat entschieden, die Praxis zu schliessen.

Finanzielle Gründe habe die Einstellung der hausärztlichen Sprechstunden nicht. «Die Praxis hat sich innerhalb unseres Businessplans entwickelt», sagt Bretscher. Konkret bedeutet dies, dass pro Tag rund acht Patienten die Praxis besuchten. Die Entwicklungsmöglichkeiten seien jedoch eingeschränkt gewesen.

Sprechstunden für Patienten

Mit der Schliessung der See-Spital-Praxis in Kilchberg dürfte sich das frühere Problem von einer überrannten Notfallstation wieder zuspitzen. «Das ist die Kehrseite des Entscheids», sagt Christian Bretscher. Wie vor der Spital-Praxis müssten sich nun wieder die in Kilchberg stationierten Ärzte der leicht verletzten Patienten annehmen. Bei Notfällen in Kilchberg werden die Patienten nach Horgen gebracht.

Sprechstunden wird es in den Räumlichkeiten der heutigen See-Spital-Praxis weiterhin geben. Die Räume sollen künftig für Patientengespräche von externen Fachärztinnen und Fachärzten zur Verfügung stehen. Gynäkologische und psychosomatische Sprechstunden finden bereits statt, für weitere medizinische Gebiete sind solche in Planung. Der Standort Kilchberg verfügt schon heute über ein Medical Center, in dem sich Ärzte verschiedener Fachgebiete niedergelassen haben. «Die Räume in der heutigen See-Spital-Praxis sollen dieses Angebot erweitern», sagt Bretscher. Der internistische Hintergrunddienst für Patienten des See-Spitals werde in Zukunft durch Spitalärzte weitergeführt.





Erstellt: 19.11.2019, 18:32 Uhr

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