Horgen/Kilchberg

See-Spital lässt sich von Kritik nicht beirren

In einem Brief macht der Belegärzteverein dem See-Spital happige Vorwürfe. Das Spital will die Situation im Griff haben – und vermutet auch ­persönliche Gründe als Ursprung für die Attacke.

Das See-Spital betont, man habe mit den Belegärzten eigentlich ein gutes Verhältnis.

Das See-Spital betont, man habe mit den Belegärzten eigentlich ein gutes Verhältnis. Bild: Archivfoto Silvia Luckner

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Unhaltbare Zustände prangern Belegärzte am See-Spital in Kilchberg an. Die Patientensicherheit sei nicht gewähr­leistet, die Notfallversorgung sei ­ungenügend, und es herrsche eine Krise im Pflegedienst. Diese Vorwürfe machte der Präsident des Vereins der Belegärzte, Christian Roth, laut der «NZZ am Sonntag» im Dezember an den Stiftungsratspräsidenten des See-Spitals, Lorenzo Marazzotta. An einer Krisensitzung trafen sich Spitalleitung und Vertreter der Ärzteschaft zur Aussprache. Mit dem Ergebnis der Gespräche waren aber offenbar nicht alle Ärzte zufrieden. Der Brief mit den happigen Vorwürfen wurde der «NZZ am Sonntag» zugespielt. Im Interview mit der «Zürichsee-Zeitung» nimmt Christian Bretscher, Mediensprecher des Stiftungsrats, Stellung zum neusten Knatsch am See-Spital.


Hat das See-Spital Kilchberg ein Problem mit der Patienten­sicherheit oder eher mit den ­Belegärzten?
Christian Bretscher: Mit der Patientensicherheit haben wir ­sicher kein Problem. Umfragen zeigen ja auch, dass die Patienten mit dem See-Spital sehr zufrieden sind. Wir haben auch keine beunruhigenden Reklamationen von Patienten zu beklagen. Bei den Belegärzten bestehen sicher keine grundlegenden Bedenken, sonst würden sie nicht am See-Spital operieren. Das Gespräch im Dezember mit den Vertretern der Ärzteschaft hat dies bestätigt. Es gibt für uns keine Anzeichen, dass in irgendeiner Form am See-Spital ein Notstand herrschen würde.

Im Brief an den Stiftungsratspräsidenten des Spitals wird eine ungenügende Notfall­versorgung und eine Krise im Pflegedienst angesprochen. Das sind massive Vorwürfe, die man aber nicht einfach so macht.
Auch im Spital Kilchberg spürt man den Trend, dass viele Behandlungen ambulant statt stationär gemacht werden. Zusätzlich können gewisse Leistungen in Kilchberg nicht mehr erbracht werden, da der Kanton die entsprechenden Leistungsaufträge nicht mehr erteilt hat. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass gewisse Belegärzte alarmiert sind und den Zeiten nachtrauern, als man noch aus dem Vollen schöpfen konnte. Aber im Gespräch haben Spitalleitung und Belegärzte übereinstimmend festgehalten, dass die Patientensicherheit ­gewährleistet ist und sämtliche Standards eingehalten werden.

Wissen Sie, warum es trotzdem zu den Vorwürfen kam?
Tatsächlich standen im November des vergangenen Jahres aufgrund von personellen Engpässen im internistischen Notfalldienst noch nicht alle Dienst­pläne für das neue Jahr fest. Gleichzeitig lösten kurzfristige Kündigungen in der Leitung eines Pflegeteams einige Turbulenzen aus. Der Notfalldienst war aber immer sichergestellt. Die Dienstpläne stehen, und die Stellen sind besetzt. In Kilchberg ist rund um die Uhr ein Anästhesist vor Ort, ein Arzt jedes Fachbereichs ist auf Pikett.

Gab es eine besonders grosse Zahl Kündigungen, dass ­Personalmangel herrschte?
Nein. Aber damit gewisse Dienste, die früher von Belegärzten ­erbracht wurden, durch die See-Spital-Praxis (Anmerkung der Redaktion: auch unter dem Namen Walk-in-Praxis in Kilchberg bekannt) übernommen werden konnten, mussten erst die dafür notwendigen Stellen besetzt werden.

Der Präsident des Belegarztvereins spricht in seinem Brief auch davon, dass man einen Punkt ­erreicht habe, an dem das Überleben des Standorts Kilchberg massiv gefährdet sei. Das ­Gerücht, der Standort könnte gefährdet sein, taucht nichtzum ersten Mal auf.
Es gibt keinen Grund, das Über­leben des Spitalstandorts Kilchberg als gefährdet zu betrachten. Das Spital schreibt schwarze Zahlen und funktioniert in der Kombination mit dem Standort Horgen sehr gut. Aber es ist so, dass sich der Trend zu mehr ambulanten Behandlungen und der Wegfall einzelner Leistungsaufträge bei einem Belegarztspital besonders spürbar auswirken.

Es gibt keinen Grund, das Über­leben des Spitalstandorts Kilchberg als gefährdet zu betrachten.
Christian Bretscher

Als Belegarztspital ist der Standort Kilchberg auf eine gute Zusammenarbeit mit den Belegärzten angewiesen. Warum ­gehen die Ansichten des Spitals und der Belegärzte so diametral auseinander?
Die Ansichten gehen nicht diametral auseinander, aber es besteht ein Ringen um den Umfang der angebotenen Leistungen. Das liegt in der Natur der Sache. Der Kostendruck ist direkt beim Spital, während die Belegärzte ihre konkreten Vorstellungen und Erwartungen an die Dienstleistungen ihres Spitals haben. Diese Diskussion gibt es wohl in jedem Belegarztspital – und in einer gewissen Weise ist sie sogar gut und wichtig, weil dadurch um die bestmöglichen Lösungen gerungen wird.

Sie haben die Zürcher Gesundheitsdirektion über den Disput informiert – allerdings nicht beim Briefwechsel im Dezember, sondern als Sie von der ­geplanten Publikation der Vorwürfe in der «NZZ am Sonntag» erfahren haben. Warum?
Das ist keine Reaktion auf den Artikel in der «NZZ am Sonntag». Vielmehr gingen wir nach dem Gespräch im Dezember davon aus, dass man sich gefunden hat. Aufgrund der Indiskretion mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass dies offenbar doch noch nicht bei restlos allen Belegärzten der Fall ist. Deshalb sind wir an die Gesundheitsdirektion gelangt.

Können Sie sich erklären, ­warum die Vorwürfe nach aussen getragen werden?
Nicht wirklich. Wir wären ausgesprochen froh, wenn diese Personen ihre Bedenken offen und direkt gegenüber der Spitalleitung äussern würden. Das gilt übrigens auch für den Präsidenten des Vereins der Belegärzte, der ebenfalls sehr betrübt ist über die Indiskretion. Ausser dem inzwischen überholten Briefwechsel liegt nichts Konkretes vor, das wir angehen könnten.

Christian Bretscher, Mediensprecher

Das See-Spital kommt nicht zur Ruhe: 2015 geriet das Spital in die Schlagzeilen, weil ein Arzt der Schmerzklinik falsch abrechnete. Vor kurzem stand das Spital im Clinch mit Hausärzten aus der Region, welche sich gegen die angesprochene See-Spital-Praxis wehrten. Warum brodelt es in diesem Spital so oft?
Das ist eine Frage, die sich der Stiftungsrat natürlich auch stellt. Viel hängt wohl auch heute noch mit der Geschichte zusammen, als das Sanitas-Spital 2011 zum See-Spital fusioniert wurde. Einzelne Personen trauern der alten Unabhängigkeit immer noch nach. Diese Grundunzufriedenheit überlagert sich mit den aktuellen Veränderungen im Gesundheitsbereich und verstärkt sich so.

Wurden bei der Fusion der beiden Spitäler damals Fehler gemacht?
Aus meiner Sicht nicht – aber ich kann dies nur im Rückblick aus einiger Distanz beurteilen, denn ich war damals für keines der beiden Spitäler tätig.

Welche Massnahmen treffen Sie, damit die betroffenen Mitarbeiter mit der Vergangenheit abschliessen können?
Soweit ich es beurteilen kann, liegt das Problem nicht bei den Mitarbeitenden. Unter ihnen besteht ein guter und starker See-Spital-Geist, und viele arbeiten an beiden Standorten. Es geht eher um einzelne Ärzte, die sich mit den Veränderungen im Gesundheitswesen schwertun. Dies zu ändern, liegt leider nicht oder sicher nicht allein in der Hand des See-Spitals.

Es geht eher um einzelne Ärzte, die sich mit den Veränderungen im Gesundheitswesen schwertun. Christian Bretscher

Einige Belegärzte forderten nach den Querelen 2015/2016 die Spitalleitung ebenso wie Stiftungsratspräsident Lorenzo Marazzotta zum Rücktritt auf. Verstehen Sie die jüngsten Vorwürfe auch als persönliche Attacke?
Da kein sachlich-inhaltlicher Grund für die Kritik und die Indiskretionen erkennbar ist, liegt diese Vermutung nahe. Stiftungsrat und Geschäftsleitung lassen sich davon jedoch nicht beirren. Die Geschäftsleitung geniesst das volle Vertrauen des Stiftungsrats, und die Mitglieder beider Gremien sind fest entschlossen, ihre Verantwortung für das See-Spital und dessen Patientinnen und ­Patienten weiterhin wahrzu­nehmen.

Wie geht es nun für das See-Spital konkret weiter?
Organisatorisch besteht aktuell kein Handlungsbedarf. Die Sicherheit der Patientinnen und Patienten war und ist jederzeit gewährleistet. Wir gehen davon aus, dass die Gesundheitsdirektion diese Einschätzung teilt. Im März findet dann die nächste Besprechung mit der Delegation der Belegärzte zu diesem Thema statt. Dieser Termin wurde bereits anlässlich des Gesprächs im Dezember vereinbart.

Erstellt: 13.01.2019, 21:19 Uhr

Ein Arzt wehrt sich, ein anderer tritt ab

Der Briefwechsel zwischen dem Belegarztverein und dem See-Spital wirft hohe Wellen. Weil die Briefe den Weg zur «NZZ am Sonntag» fanden, tritt der Präsident des Belegarztvereins zurück. Ein Belegarztvertreter im Stiftungsrat des Spitals versucht derweil, die Wogen zu glätten.

Christoph Riniker ist aufgebracht. Der Belegarzt sitzt seit 2017 im Stiftungsrat des See-Spitals und war zuvor Präsident des Belegarztvereins See-Spital. Die Berichterstattung der «NZZ am Sonntag» sei «einseitig» und für alle Mitarbeiter des Spitals «schwer zu verdauen». Der Arzt schreibt auf Anfrage: «Es liegt kein Zerwürfnis vor zwischen den Belegärzten und der Spitalleitung, vielmehr sind beide Gremien besorgt, dass durch eine tendenziöse Berichterstattung grundlos der gute Ruf der medizinischen Versorgung mit persönlicher Betreuung durch die Belegärzte am See-Spital Kilchberg gefährdet wird.» Er hält in seiner Stellungnahme fest, dass an der Generalversammlung der Belegärzte 2018 nur festgestellt wurde, «dass Sparmassnahmen und organisatorische Lücken zu einer Gefährdung der medizinischen Betreuung der Patienten am Standort Kilchberg führen könnten». Von einer Gefährdung der Patientensicherheit sei nie die Rede gewesen. Der Artikel in der «NZZ am Sonntag» sei durch eine «unglücklich gewählte Formulierung» ausgelöst worden.

Die Briefe an den Stiftungsratspräsidenten, geschrieben vom heutigen Präsidenten des Belegarztvereins, Christian Roth, weichen – so bestätigt es der Sprecher des See-Spitals – in ihrem Wortlaut vom Inhalt der Diskussion an der GV des Belegarztvereins ab.Dass Riniker versucht, den Ball flach zu halten, erstaunt nicht. Rinikers Wahl in den Stiftungsrat sollte nach den Querelen im Spital 2015 und 2016 eine Art Neuanfang bedeuten. «Die Wahl von Christoph Riniker ist auch ein Ergebnis der Gespräche zwischen Vertretungen von Spitalleitung und Belegärzteschaft und Ausdruck der Entschlossenheit, das See-Spital gemeinsam weiter zu entwickeln», wurde die Ernennung Rinikers damals vom See-Spital kommentiert.

Am See-Spital herrsche «kein Aufruhr», schreibt Riniker zu den aktuellen Vorkommnissen weiter. Der jetzige Präsident des Belegarztvereins, Christian Roth, haben denn auch der Gesundheitsdirektion gegenüber in diesen Tagen angegeben, dass «keine Gefährdung von Patienten vorliegt». Riniker schreibt, Roth habe argumentiert, dass er sich aber seit langem für eine breitere medizinische Versorgung am Standort Kilchberg einsetze «und seinem emotionalen Temperament entsprechend auch die Wortwahl emotional gewählt hat». Christian Roth selbst will zur Sache nicht mehr viel sagen, bestätigt aber, dass Riniker im Besitz seines Briefes an die Gesundheitsdirektion ist. Er selbst habe sich aus dem Medizingeschäft zurückgezogen. Konkret heisst das: Weil die interne Kritik an den Stiftungsratspräsidenten des See-Spitals von einer Drittperson an die NZZ weitergegebenwurde, tritt Roth als Präsident des Belegarztvereins zurück. Gegenüber der ZSZ sagt er dazu: «So kann man nicht mehr konstruktiv für ein Ziel kämpfen.»

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