Adliswil

Sechs Zentimeter sorgen in Adliswil für juristischen Ärger

Ein neuer Bushof soll Adliswil endlich zu einem ÖV-Drehkreuz machen. Doch ausgerechnet mit diesem Projekt tut sich die Stadt schwer. Knackpunkt ist die Behindertengerechtigkeit.

Als behindertengerecht angepriesen, ruft der geplante Bushof in Adliswil die Behindertenkonferenz des Kantons Zürich auf den Plan. Die Haltekanten seien zu wenig hoch geplant.

Als behindertengerecht angepriesen, ruft der geplante Bushof in Adliswil die Behindertenkonferenz des Kantons Zürich auf den Plan. Die Haltekanten seien zu wenig hoch geplant. Bild: Visualisierung: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist ein Prestigeprojekt, der neue Bushof in Adliswil. 20 Millionen Franken will die Stadt in den Bushof samt Tiefgarage investieren. Die Stimmbürger gaben dafür im September grünes Licht.Was die meisten Stimmbürger nicht wissen: Über dem Projekt hängen dunkle Wolken.

Seit dem Frühjahr ist in Adliswil eine Einsprache der Behindertenkonferenz des Kantons Zürich (BKZ) pendent. Dies geht aus einem Protokoll der Regionalen Verkehrskonferenz Zimmerberg hervor, das der Zürichsee-Zeitung vorliegt. Die BKZ hat im Namen der einspracheberechtigten nationalen Fachstelle «Hindernisfreie Architektur» den juristischen Weg gewählt, weil sie den Bushof als nicht behindertengerecht erachtet.

22 anstatt 16 Zentimenter

Mehrere Verhandlungsrunden für eine gütliche Einigung sind gescheitert. Die BKZ wartet nun auf den Bauentscheid der Stadt Adliswil und will dann prüfen, ob sie allenfalls weitere rechtliche Schritte unternehmen will.

«Es ist nicht so, dass wir die Vorgaben des Behindertengleichstellungsgesetzes nicht umsetzen wollen», sagt die zuständige Adliswiler Stadträtin Carmen Marty Fässler (SP). «Aber es geht aus räumlichen, technischen und betrieblichen Gründen nicht.»

Problematisch seien auch die Vorgaben und Empfehlungen des Kantons Zürich und des Zürcher Verkehrsverbundes zur Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes im öffentlichen Verkehr. Galt als Rahmenbedingung noch bis Anfang 2018 eine Kantenhöhe von 16 Zentimetern als Standard für Bushaltestellen, sind es nun 22 Zentimeter.

Erst mit dieser Höhe ist gewährleistet, dass Menschen im Rollstuhl autonom den Bus benützen können. Das haben die Erfahrungen an den seit 2014 bereits umgebauten Haltestellen gezeigt. Gemeinden, welche ihre Bushaltestellen noch nicht umgebaut haben, müssen dies bis spätestens Ende 2023 tun, um die gesetzlichen Regeln einzuhalten. Für sie gilt der Standard 22 Zentimeter.

Ende September entschieden die Adliswiler an der Urne über ein 20-Millionen-Projekt. Mit einem deutlichen Ja gaben sie dem neuen Bushof grünes Licht.

Alternativen sind schwierig

Pech für Adliswil: Die Bauauflage des Bushofs erfolgte diesen Frühling, nachdem die neuen Standards definiert wurden. Gerade deshalb dürfte sich die BKZ auch so vehement für die Einhaltung der Regeln stark machen. «Wir machen dort Einsprache, wo es sinnvoll ist», meint Marianne Rybi, Geschäftsleiterin der BKZ. Besonders im Fokus stehen dabei gut frequentierte oder komplett neu gebaute Haltestellen – so wie sie in Adliswil geplant wird.

«Wir machen dort Einsprache, wo es sinnvoll ist.»Marianne Rybi, Geschäftsleiterin der BKZ.

Warum aber sind die sechs zusätzlichen Zentimeter Beton für Adliswil so schwierig umzusetzen? Aufgrund der sehr engen Platzverhältnisse würde der Bus mit seiner Karosserie bei der Haltekante «überschleppen», meint Marty Fässler. Sprich: Er stösst am Randstein an. Weil die Fahrzeuge – unter anderem auch Gelenkbusse – beim neuen Bushof aus einer Kurve anfahren, können sie nicht über die für hohe Haltekanten technisch notwendige, längere gerade Strecke an die Busperrons rollen. «Wir müssen jetzt schauen, was möglich ist», sagt Marty Fässler.

Alternativen zu den 22 Zentimeter hohen Perrons wären sogenannte Kissenlösungen, die nur an bestimmten Stellen die verlangte Höhe aufweisen oder speziell angefertigte Randsteine. Allerdings seien auch diese Optionen aufgrund der betrieblichen Anforderungen und beengten Platzverhältnisse schwierig umzusetzen.

Rampe kostet zu viel Zeit

Warum pocht die BKZ auf die 22 Zentimeter, obwohl der Kanton explizit eine Kantenhöhe von 16 Zentimetern erlaubt, wenn es nicht anders geht? «Das Behindertengleichstellungsgesetz fordert einen autonomen Ein- und Ausstieg – also ohne Hilfe des Personals», meint Geschäftsleiterin Marianne Rybi. «Bei 16 Zentimetern muss der Busschauffeur eine Rampe montieren. Das kostet gerade während der Stosszeiten Zeit, die nicht vorhanden ist.»

Ob die BKZ-Einsprache Folgen für den Baustart im kommenden Jahr hat, ist noch offen. «Wir hoffen, den Zeitplan einhalten zu können», meint Stadträtin Marty Fässler. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.11.2018, 16:39 Uhr

Artikel zum Thema

Adliswiler sagen deutlich Ja zum neuen Bushof

Adliswil Am Sonntag entschieden die Adliswiler an der Urne über ein 20-Millionen-Projekt. Mit einem deutlichen Ja geben sie dem neuen Bushof grünes Licht. Mehr...

Adliswiler Bushofprojekt stösst plötzlich auf Kritik

Adliswil Im September stimmen die Adliswiler über das 20-Millionen-Projekt für einen Bushof und eine darunterliegende Tiefgarage ab. Bisher war es politisch unumstritten. Doch nun kritisiert die GLP, dass das Projekt den ÖV kaum verbessere. Mehr...

Endlich ein würdiger Bushof

Kommentar Philipp Kleiser zum Ausgang der Bushof-Abstimmung in Adliswil. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!