Kilchberg

Schlaflos im Schlaflabor

Wie schläft es sich umgeben von Hightech im Schlaflabor? Ein Selbstversuch.

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Als ich im Schlaflabor in Kilchberg eintreffe, bin ich der Überzeugung, alles zu wissen über mein Schlafverhalten. Ich bin ein Murmeltier. Liege ich einmal im Bett, lese ich im besten Fall einige Seiten. Dann fallen mir die Augen zu. Werde ich nicht gestört, erwache ich am anderen Morgen mehr oder weniger in der Position, in der ich eingeschlafen bin.

Das könne gar nicht sein, hat mir Susanne Jesse schon beim Vorgespräch gesagt. Sie ist die technische Leiterin des Schlafzentrums Zürichsee, eine gemeinsame Einrichtung des See-Spitals und des Sanatoriums Kilchberg. Seit gut einem Jahr betreibt dieses ein Schlaflabor. Dort wird der Schlaf jener unter die Lupe genommen, die das Schlafen verlernt haben.

Verkabelt von Kopf bis Fuss

Das ist zum Glück nicht mein Problem. Bin ich tagsüber müde, hat das in der Regel den Grund, dass ich zu spät ins Bett gegangen bin. Oder mich das kranke Kind geweckt hat. «Aber auch wenn Sie das Gefühl haben, die ganze Nacht hindurch tief und fest zu schlafen, durchlaufen Sie verschiedene Schlafzyklen», hat mir Susanne Jesse im Vorfeld erklärt. Nur eine kurze Zeit davon seien Tiefschlaf – 15 bis 20 Prozent pro Nacht seien normal. Und dass jemand sich die ganze Nacht nicht bewege, könne nicht sein. «Dann hätten Sie Druckstellen.»

Dies alles geht mir durch den Kopf, während ich das Eintrittsformular ausfülle. Schon bald habe ich jedoch keine Zeit mehr nachzudenken. Denn nun betritt Liliane Weber das Zimmer. Für die bevorstehende Polysomnografie verkabelt sie mich nun buchstäblich von Kopf bis Fuss. Am Kopf, am Kinn, am Bauch, an Händen und Beinen fixiert sie mit Klebeband Elektroden und Messgeräte. Sie werden meine Herzfrequenz, Hirnströme und Atmung, aber auch die Muskelspannung – der Beine genauso wie des Kinns – sowie die Bewegungen meiner Augen messen. Eine aufs Bett gerichtete Infrarotkamera wird mich zudem filmen.

Abgetaucht, aufgeschreckt

Weil ich verkabelt werde, bevor die Messgeräte eingeschaltet werden, habe ich Zeit, mich an die Hightech-Umgebung zu gewöhnen. Da ich in der Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt bin, gelingt mir das recht gut. Dank kabelloser Datenübertragung ist der Gang zur Toilette beispielsweise ohne Weiteres möglich. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings der Gedanke, dass jemand im Nebenzimmer die ganze Nacht die Aufzeichnungen beobachten wird.

Als Seiteneinschläferin stören mich die Messgeräte vor Bauch und Brust anfangs nicht sonderlich.

Als Seiteneinschläferin stören mich die Messgeräte vor Bauch und Brust anfangs nicht sonderlich. Ich höre von fern, wie die Kirche Kilchberg auf dem Berg eine volle Stunde schlägt. Müde wie ich bin, schlafe ich alsbald ein. Kurz darauf schrecke ich auf, habe den Eindruck, aus einer Tiefschlafphase aufzutauchen. Sind es die Messgeräte, die mich geweckt haben, weil sie im Weg waren, als ich mich auf den Bauch drehen wollte? Oder die neuerlich schlagenden Kirchenglocken? Oder die sich anbahnende Erkältung, die mir ein klammes Gefühl beschert und das Atmen erschwert?

Immerhin – einmal bin ich abgetaucht, obwohl ich nicht damit gerechnet hatte, im Schlaflabor überhaupt einzuschlafen. Doch den Rest der Nacht drehe ich mich wegen der Erkältung ruhelos hin und her. Weil mir dabei die Messgeräte in den Weg kommen, habe ich Mühe, wieder einzuschlafen. Daher achte ich viel mehr als zu Hause auf die Umgebungsgeräusche. Kurz: Ich habe den Eindruck, dass ich ab Mitternacht bis kurz nach 6 Uhr kein Auge mehr schliesse.

Tiefer geschlafen als gedacht

Das stimmt nicht, wie mich Susanne Jesse am anderen Morgen nach der morgendlichen Entkabelung und einer erfrischenden Dusche aufklärt. Zwar stellt sie beim Blick auf die Aufzeichnungen fest, dass ich Mühe hatte in Tiefschlafphasen zu fallen. Und dass sich diese nicht stabil gehalten haben. «Es hat wenig gebraucht, um eine Weckreaktion auszulösen», bestätigt die technische Leiterin des Schlaflabors meinen eigenen Eindruck. Doch entgegen meiner Wahrnehmung habe ich in dieser Nacht ganz normal fünf Schlafzyklen durchlaufen, in dreien davon bin ich in Tiefschlaf gefallen, nicht nur in einem.

Zwar verlasse ich das Schlaflabor nicht so beschwingt, wie jemand, der unter Schlafapnoe leidet und im Schlaflabor dank einer Maske zum ersten Mal seit langem wieder durchgeschlafen hat. Doch offenbar ist mein Schlaf auch in jenen Nächten tiefer und gesünder, die ich als schlaflos erlebe. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.05.2019, 14:40 Uhr

Das Schlafzentrum Zürichsee

Das Schlafzentrum Zürichsee wird vom See-Spital und dem Sanatorium Kilchberg betrieben. Es ist Alexander Turk, der das Schlafzentrum initiiert hat, gemeinsam mit Annkathrin Pöpel, Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie am Sanatorium Kilchberg. Turk ist Chefarzt Innere Medizin am See-Spital und hat einen zweiten Facharzttitel in Pneumologie sowie einen Fähigkeitsausweis in Schlafmedizin. Bevor der gebürtige Thalwiler im See-Spital seine Stelle antrat, war er Chefarzt Pneumologie und Innere Medizin am Zürcher Rehazentrum Wald. Er leitete auch das dortige Schlafzentrum. Auch im Raum Zürichsee ortete er Bedarf an Therapiemöglichkeiten für Schlafstörungen. Bei Annkathrin Pöpel vom Sanatorium ist er damit auf offene Ohren gestossen.

Lanciert haben sie die Idee für das Schlafzentrum Zürichsee 2017. Damit ein Schlafzentrum von den Krankenkassen anerkannt wird, ist ein Schlaflabor Voraussetzung. Ein solches betreibt das Schlafzentrum Zürichsee seit März 2018. Ein interdisziplinäres Team bestehend aus Pneumologen, Neurologen, Ohren-Nasen-Hals-Ärzten, Psychiatern und Psychologen untersucht und behandelt die verschiedenen Arten von Schlafstörungen. Die Fachleute treffen sich alle sechs Wochen zum Besprechen der Fälle.

Zu den Schlafstörungen zählen Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnien) aber auch Parasomnien wie Schlafwandeln. Das häufigste körperlich bedingte Schlafproblem ist das Schlafapnoe-Syndrom. Dabei verschliesst sich ein Teil der oberen Atemwege, was zu Atemaussetzern und einer Weckreaktion führt. Bis fünf Aussetzer pro Stunde gelten als normal, ab 15 ist eine Behandlung angezeigt. Die Folge sind eine ausgeprägte Schläfrigkeit am Tag.

Das Schlaflabor in Kilchberg verfügt über drei Zimmer, die parallel genutzt werden können, an zwei Nächten pro Woche.

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