Zürichsee

Schicht um Schicht untersuchen sie den See

Die Mitarbeiter des Limnologischen Instituts aus Kilchberg fahren alle zwei Wochen auf den See und entnehmen ihm Proben. Dabei entdecken sie kleine Krebse, aggressive Gewächse und ab und an neue Bakterienarten.

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Mittwochmorgen, kurz vor zehn Uhr auf dem Zürichsee. Die ­Glar­ner Alpen scheinen blau und grau in der Ferne; das Boot des Limnologischen Instituts der Uni­versität Zürich schwankt leicht auf dem Wasser.

Farbige Kühlboxen, beschrif­tete Flaschen und mehrere eigen­tüm­liche Geräte stehen auf dem Deck. Es herrscht emsiges Treiben. Vier Mitarbeiter des Instituts sind mit geübten Hand­griffen dar­an, ihre Proben zu entnehmen. Thomas Posch, Professor für Gewässerbiologie, befes­tigt eine Sonde am Draht­seil einer elektrischen Winde, die an der einen Seite des Bootes befestigt ist. Mit einem Ruck setzt das Seil sich in Bewegung. Ein dumpfes «Platsch!» ertönt, als die ­Sonde ihren Tauchgang in die Tiefen des Zürichsees antritt. 120 Meter tief wird sie sinken und alle zwei Sekunden die Temperatur und den Sauerstoffgehalt messen.

Messen auf unter 100 Metern

«Alle zwei Wochen fahren wir mit dem Boot hier raus, zur Mitte des Sees zwischen Erlenbach und Thal­wil, entnehmen verschie­dene Proben und machen Tests», erklärt Thomas Posch. Der Standort, den die Wissenschaftler alle vierzehn Tage befahren, liegt über der tiefsten Stelle des Sees. 135 Meter geht es dort ­hinab. Untersucht werden die Langzeitentwicklung und die Qualität des Gewässers. Während für ei­nige­ dieser Proben komplizierte Geräte nötig sind, ist bei anderen in einem ersten Schritt vor allem Muskelkraft gefragt.

Hinter Posch lehnt sich die Biologin Deborah Knapp über den Bootsrand. Langsam zieht sie das Plankton-Netz aus 20 Meter Tiefe­ aufs Boot zurück. Das Netz sieht aus wie ein riesiger Spritzbeutel mit einem Auffangbecken am unteren Ende. Dort sammelt sich das Wasser mit den Algen­beständen. Bei genauem Hinschauen erkennt man ein winzig kleines, weisses Etwas, das der Scheibe entlangschwadert. Ein Kleinkrebs, erklärt Knapp. Augen­fällig ist aber vor allem die rotbraune Verfärbung des Wassers. «Das ist die Burgunderblutalge. Die hat sich im See zwischen 10 und 20 Metern unter Wasser breitgemacht», sagt die Biologin.

Langzeitentwicklung des Sees

Eine andere Weise zu bestimmen, wie die Burgunderblutalge sich auf dem Zürichsee ausgebreitet hat, ist, ein Lichtprofil des Sees zu machen. Dafür hat Techniker Eugen Loher eigens ein Mess­gerät entwickelt, das aussieht wie eine Glühbirne. Dieses lässt er in die Tiefen des Sees hinunter. Der Kugelsensor, wie das Instrument heisst, misst, wie viel Licht ihn von allen Seiten erreicht.

«So erkennt man eindeutig, wo genau die Burgunderblut­alge sitzt. Denn sie hat sich derart flächen­deckend im See ausgebreitet, dass sie kaum mehr Licht durchlässt», sagt Loher.

Limnologie, vom griechischen Wort für See, ist die Wissenschaft von Binnengewässern als Ökosys­teme. Seit 1977 gibt es das Institut auf dem Naville­gut in Kilchberg. Über die Jahrzehnte ergab sich so eine detailreiche Langzeitstudie über den Zürichsee, wie es sie weltweit nur für ­wenige andere Süsswasserseen gibt. «Mit den Daten können wir unter anderem auch aufzeigen, wie die Klimaerwärmung auf den See einwirkt», erklärt Posch. Erste Auswirkungen würden sich bereits jetzt in den Resultaten ihrer Proben widerspiegeln. Durch die fehlende Durch­mischung (siehe Kasten) weist der Zürichsee seit ungefähr zehn Jahren einen immer kleiner werdenden Nährstoffgehalt auf. Dies zeigt sich bislang vor allem deutlich im Rückgang der Algen.

Das wird zwei Tage später auch die Auswertung der Proben zeigen. Eigentlich sind für den Zürich­see über 200 Algenarten verzeichnet. Doch unter dem Mikroskop konnten die Wissenschaftler nur noch wenige Algen entdecken.

Neue Arten entdecken

Auf dem Boot dreht Daniel ­Marty, wissenschaftlicher Mitarbeiter, an einer Kurbel. Tropfend kommt ein mit Wasser gefüll­ter Glaszylinder an die Wasser­oberfläche. Aus elf verschiedenen Tiefen zwischen 0 und 120 Metern werden so Proben entnommen und in bereit­gestellte Plastikflaschen abgefüllt. Später dann, im Labor, werden die Proben daraufhin untersucht, wie viele Bakterien sich in den einzelnen Gewässertiefen befinden. «Im Zürichsee gibt es 2500 verschiedene Arten Bakterien, doch mit den modernen Gerä­ten werden regelmässig neue Arten entdeckt», sagt Marty. Erst 2011 entdeckte eine Mitarbeiterin von Marty so das LD12-Bakterium, eines der häufigsten Süsswasserbakterien.

Nach einer knappen ­Stunde sind alle Messungen erledigt. Die vier Wissenschaftler packen ihre Instrumente wieder ein, die Flaschen mit den Wasserproben in die Kühlboxen getan, der Anker gelichtet. Zurück geht die Fahrt nach Kilchberg, wo die Mikro­skope schon bereitstehen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 08:28 Uhr

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