Thalwil

Heizen mit Seewasser ist im Trend

Die Gemeinde Thalwil hofft, dass in ihrem Zentrum bald gegen 100 Liegenschaften mit Seewasser geheizt werden. Es wäre ziemlich genau das 50. Projekt am Zürichsee.

Das Seewasser für den Thalwiler Energieverbund Zentrum würde vor der Schiffstation Thalwil gefasst, 250 bis 450 Meter vom Ufer entfernt. Dorthin würde es auch zurückgeleitet.

Das Seewasser für den Thalwiler Energieverbund Zentrum würde vor der Schiffstation Thalwil gefasst, 250 bis 450 Meter vom Ufer entfernt. Dorthin würde es auch zurückgeleitet. Bild: Moritz Hager

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lindt & Sprüngli in Kilchberg machts vor, Knies Kinderzoo in Rapperswil und das Gemeindehaus in Meilen ebenfalls: Sie alle nützen die relativ konstante Temperatur des Zürichsees, um im Winter Gebäude zu heizen. Denn auch wenn der See im Winter nur 4 bis 10 Grad Celsius warm ist, können Wärmepumpen daraus Wärme gewinnen und eine Wärmeträgerflüssigkeit auf 60 Grad Celsius und mehr erwärmen. Das reicht, um Liegenschaften zu beheizen– und gleichzeitig tonnenweise CO2 einzusparen.

Die Gemeinde Thalwil will ebenfalls auf diese Technologie setzen. Gemeinsam mit der Energiedienstleisterin Energie 360° plant sie den Energieverbund Zentrum: Mehrere Dutzende bis 110 Liegenschaften in einem Perimeter von der Seestrasse bis über die Bahnlinie hinaus könnten künftig mit Seewasser geheizt und gekühlt werden.

15 Anlagen pro Bezirk

Die Thalwiler Anlage, die ab Herbst 2022 den Betrieb aufnehmen möchte, wäre in guter Gesellschaft. Gemäss den aktuellsten Zahlen der Eawag, dem Eidgenössischen Wasserforschungsinstitut mit Sitz in Dübendorf und Kastanienbaum, gab es 2018 im Bezirk Meilen 15 Anlagen, im Bezirk Horgen deren 14, in der Stadt Zürich ebenfalls deren 15. In diesen Zahlen sind die jüngsten Anlagen wie beispielsweise jene des neu eröffneten Hotels Alex in Thalwil noch nicht mitgezählt. Auch jene nicht, die zurzeit gebaut werden, wie beispielsweise jene der Midor AG in Meilen.

Neuartig ist für die Gemeinden am Zürichsee, sieht man von der Stadt Zürich ab, die Grössenordnung des Thalwiler Projekts. Ähnlich gross ist nur jenes in Uetikon. Auf dem Areal der ehemaligen Chemie Uetikon sollen dereinst das geplante Gymnasium, Gewerbebauten und Wohnungen für 600 bis 800 Menschen mit Seewasser beheizt und gekühlt werden. Bei dieser Zunahme solcher Anlagen stellt sich immer dringlicher die Anfrage: Was bedeutet das für den Zürichsee? Mehrere Leser haben sich mit genau dieser Frage an die Redaktion gewandt.

Noch sind die Details zur Thalwiler Anlage nicht bekannt. Die Verhandlungen mit dem Kanton um die entsprechende Konzession sind laut Bruno Hofer, Projektleiter bei Energie 360°, in vollem Gang. Klar ist aber, dass das Seewasser relativ weit – 250 bis 450 Meter – weg vom Ufer gefasst und zurückgeleitet wird, dies in einer Tiefe von 11 bis 20 Metern, wo die Temperaturschwankungen geringer sind als an der Oberfläche. Im Winter ist es dort 4 bis 6 Grad Celsius warm, im Sommer 12 bis 14 Grad Celsius.

Hier wird die thermische Nutzung von Seen und Flüssen betrieben oder geplant:

Laut Hofer wird das Wasser aufgrund der Energieentnahme praktisch immer kühler in den See zurückgeleitet als entnommen. «Einzig im unwahrscheinlichen Fall, dass in keiner angeschlossenen Liegenschaft warmes Wasser gebraucht wird, während alle gleichzeitig kühlen, könnte es leicht wärmer sein.

Die Gewässerschutzverordnung aus dem Jahr 1998 ist diesbezüglich vage. Für Fliessgewässer hält sie fest, dass die maximale Temperaturdifferenz 3 Grad Celsius nicht überschreiten darf, in Forellengebieten liegt der Maximalwert bei 1,5 Grad Celsius. Für Seen nennt sie keinen konkreten Wert. Die Verordnung verlangt jedoch, dass die natürlichen thermischen Verhältnisse, die Verteilung der Nährstoffe und die Lebens- und Fortpflanzungsbedingungen für die aquatischen Organismen nicht nachteilig verändert werden. Laut dem Gewässerphysiker Alfred Wüest von der Eawag sind die Auswirkungen der thermischen Nutzung von Oberflächengewässern vorwiegend lokal (siehe Interview).

«Angst ist unbegründet»

Auch der Energiebeauftragte der Gemeinde Thalwil, Martin Schmitz, beschwichtigt: «Die Angst um den Zürichsee im Zusammenhang mit unserem Energieverbund ist unbegründet. Wir entziehen dem See primär Wärme und leiten kühleres Wasser zurück in den See.» Aus Schmitz spricht nicht nur der Energiebeauftragte, sondern auch der Biologe und Umweltwissenschaftler, wenn er sagt, was dem See schade, sei die Klimaerwärmung. «Und genau dem wirken wir mit dem Energieverbund Zentrum entgegen.»

«Die Angst um den Zürichsee im Zusammenhang mit unserem Energieverbund ist unbegründet.»Martin Schmitz

Um jährlich 2800 Tonnen könnte die Gemeinde den CO2-Verbrauch reduzieren. Das entspreche rund 3 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen der Gemeinde oder den CO2-Emissionen aus der Verbrennung von rund 1 Million Liter Heizöl.

Ob der Thalwiler Energieverbund realisiert wird, ist übrigens noch nicht sicher. Zurzeit läuft die Akquise. Nur wenn sich von den angeschriebenen 110 potenziellen Abnehmern genügend Kunden – insbesondere auch grössere Verbraucher – dem Verbund anschliessen, rechnen sich die Investitionen für die Energiedienstleisterin Energie 360°, die einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investiert. Denn den Kunden wird ein für erneuerbare Energien moderater Preis von durchschnittlich 15,5 Rappen pro Kilowattstunde berechnet.





Erstellt: 14.02.2020, 17:00 Uhr

Artikel zum Thema

SVP zieht Initiative für Seewasser-Heizung zurück

Kilchberg Die SVP forderte vom Kilchberger Gemeinderat, eine Heizung mit Seewasser zu prüfen. Die Partei hat die Initiative nun zurückgezogen. Die Forderung aber bleibt bestehen. Mehr...

SVP will Heizung mit Seewasser prüfen lassen

Kilchberg Mit einer Initiative verlangt die Kilchberger SVP vom Gemeinderat zu prüfen, ob ein Teil der Gebäude mit Seewasser beheizt und gekühlt werden kann. Mehr...

Mit Seewasser ein ganzes Dorfzentrum heizen

Thalwil Die Gemeinde Thalwil möchte den klimapolitischen Zielen auch Taten folgen lassen und weite Teile des Dorfzentrums mit Seewasser heizen und kühlen. Das könnte funktionieren – vorausgesetzt, es finden sich genügend Interessenten. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare