Street Parade

«Raver der 90er kommen noch heute an die Parade – aber mit der Familie»

Seit 23 Jahren ist der Thalwiler Kerim Jamal Aldin an der Street Parade dabei – und zwar an vorderster Front. Zusammen mit Gleichgesinnten baut er jedes Jahr ein Love-Mobile, eine 34 Meter lange Tanzfläche auf Rädern.

Während zweier Tage bauen Jamal Aldin und das Team von Orbit Events mit über einem Dutzend Helfer ihr Love-Mobile auf. Bild: Moritz Hager

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Noch bevor am Zürcher Seebecken am Samstag die Bässe pumpen, sind sie schon am Donnerstag hinter einem Möbelhaus im Kanton Schwyz zu hören. Wenn auch bedeutend leiser. Auf dem Parkplatz in Galgenen in der Nähe der Autobahnausfahrt steht ein Sattelschlepper, daneben die Quelle der Technomusik: ein portabler Lautsprecher. Ein Kran hievt Stahlelemente auf den Anhänger des Lastwagens. Ein herumliegender Bauplan verrät: Hier entsteht ein 34 Meter langes Gefährt mit einem Generator, Bassanlagen mit Tausenden Kilowatt Leistung und gar zwei Toilettenkabinen im Inventar. Einer der Anwesenden trägt noch seine Flip-Flops und schwarze Kleidung. Es ist Kerim Jamal Aldin. Zusammen mit drei Freunden und über einem Dutzend freiwilligen Helfern organisiert und baut er zum vierundzwanzigsten Mal ein Love-Mobile. So heissen die rollenden Bühnen, die sich während der Street Parade ihren Weg durch die Massen bahnen und auf denen Leute tanzen. «Die Street Parade ist Weihnachten, Ostern und Geburtstag in einem», sagt Jamal Aldin.

Bevor er in die Arbeitsschuhe schlüpft, nimmt er sich Zeit für die Fragen des Journalisten. Der 53-Jährige wohnt seit bald 15 Jahren in Thalwil, aufgewachsen ist er in Rapperswil-Jona. Auf eine dieser Fragen reagiert er mit Abwinken. Was die schlechten Wetterprognosen für Samstag bedeuten. «Ich bin seit vorgestern depressiv», sagt er nicht ganz ernst. Aber die Zuversicht kehrt schnell zurück, denn Jamal Aldin ist überzeugt: «God is a raver» – und dieser werde sich um anständiges Wetter kümmern. Die Sprache des Befragten strotzt vor Anglizismen, wie sie sich in der Szene der elektronischen Musik nicht vermeiden lassen. Dies beginnt bei der Musikrichtung Trance, die es Jamal Aldin und Freunden besonders angetan hat, und reicht zum Motto der Gruppe: Love, Peace and Tolerance.

Gegen Abend des ersten Tages nimmt das Gefährt langsam Gestalt an.

Seit fünf Jahren respektiert

Im Jahr 1992 gründete Jamal Aldin zusammen mit Roger Graf, Claude Graf und Sandro Schuler Orbit Events – als Hobby. Für Ersteren bedeutet es einen Ausgleich zum Beruf als Leiter des Kundensupports in einem grossen Versicherungsunternehmen. Die Gründung von Orbit Events erfolgte aus Begeisterung für die damals aufkommende Technomusik. Die vier wollten selber Partys organisieren und taten dies vor allem in Rapperswil-Jona. Heute lassen sie unter anderem in regelmässigen Abständen ein Boot voller Festfreudiger über den Zürichsee tuckern. Die Freunde waren überzeugt, das Techno Zukunft hat. Es gab einen regelrechten Wirbel – einen «Hype» – um die elektronische Musik. «Im jugendlichen Leichtsinn dachten wir damals, im Jahr 2010 würde am Bellevue nonstop Techno laufen», sagt Jamal Aldin.

1996 erhielt er dank persönlicher Kontakte den Auftrag, einen Film über die fünfte Austragung der Street Parade zu drehen. «Um einen authentischen Film hinzubekommen, brauchten wir selber ein Love-Mobile», sagt Jamal Aldin. Schon damals lockte der Anlass rund 30 Love-Mobiles und mehrere Hunderttausend junge Teilnehmer ans Zürcher Seebecken. Bei der letzten Austragung waren es bei schönstem Wetter über eine Million Tanzwütige und 28 rollende Bühnen. «Die Raver der 90er-Jahre kommen noch heute an die Parade – aber nun mit der Familie», sagt Jamal Aldin. Auch seine Thalwiler Nachbarn seien jeweils mit von der Partie.

Der Bauplan des Love-Mobiles.

Die Parade habe sich nicht nur in Bezug auf die Besucherzahlen verändert, erzählt er. «Nach der anfänglichen Euphorie um Technomusik kam es zur Kommerzialisierung.» Die Parade sei nicht nur von Kritikern aus der Gesellschaft belächelt worden, sondern auch von Zürcher Clubs. «Doch seit fünf Jahren ist die Parade respektiert.» Und einige dieser Clubs organisieren mittlerweile selber Love-Mobiles. Die Technomusik hat den Schritt aus der Subkultur geschafft. «Anfangs hat man mich bei der Arbeit schief angeschaut, wenn ich von meinem Hobby erzählte», sagt Jamal Aldin. Mittlerweile fänden es die Leute «cool». Ausserdem gehe die Parade heute professionell organisiert über die Bühne. Das Programm sei auf die Minute durchstrukturiert, jedes Gefährt erhalte gleich viel Spielzeit, nämlich vier Stunden. «Früher war die Organisation handgestrickt. Die einen fuhren zwei Stunden lang, andere sechs.»

Video: Transport des Love-Mobiles von Galgenen nach Zürich

Transport auf der Autobahn

Die Stahlträger sind in der Zwischenzeit angeschweisst. Es treffen immer mehr Helfer ein und begrüssen das Team. Sie alle kennen sich seit Jahren. Das Ziel des Tages sei es, die Technik anzubringen, sagt der Horgner Robin Egli, einer der Helfer. Er arbeitet in der Sicherheitsbranche und hat für den grossen Anlass extra Ferien bezogen. Jetzt steht er mit Hammer in der einen und Zigarette in der anderen Hand neben dem Sattelschlepper, bereit, die Holzbretter der Tanzfläche festzunageln. Nach einer kurzen Pause packt er wieder mit an.

«Die Street Parade ist Weihnachten, Ostern und Geburtstag in einem.»Kerim Jamal Aldin, langjähriger Organisator eines Love-Mobiles

Am Freitag erfolgt der Transport des 34 Meter langen Konstrukts von Galgenen nach Wollishofen, wo sich weitere Helfer der Dekoration annehmen. Einem griechischen Tempel soll das Love-Mobile schlussendlich gleichen. Es ist der letzte Schritt in den Vorbereitungsarbeiten, die seit Monaten andauern. Ende März gilt es für alle Teams jeweils, ein Konzept für ihren Wagen einzureichen, erklärt Jamal Aldin. Ein Komitee begutachte dieses und erteile grünes – oder rotes – Licht. Im Fall von Orbit Events sei es bis anhin stets grün gewesen.

«Trance kann jeder tanzen»

Der Transport verlaufe jeweils ohne Probleme. Sowieso: Negative Anekdoten des alljährlichen Bauprojekts und der Parade hat Jamal Aldin keine. Auch die Gäste verhielten sich in den allermeisten Fällen anständig. Dies zu beobachten, ist unter anderem seine Aufgabe während der Parade. «Es kommt vielleicht einmal in fünf Jahren vor, dass wir einen Gast vom Wagen nehmen müssen.» Das Love-Mobile von Orbit Events biete rund 150 Gästen einen Platz, was wenig sei: «Andere nehmen 300 Gäste auf – wobei deren Love-Mobiles nicht grösser sind als unseres.» Zwischen 190 und 220 Franken kostet ein Billett bei Orbit Events. Rund die Hälfte der Käufer sind jeweils Stammgäste. Das Orbit-Love-Mobile ist eines von nur fünf, das Trance spielt. «Trance ist abwechslungs- und facettenreich. Ausserdem kann jeder dazu tanzen, sogar ich», sagt Jamal Aldin.

Für das Jubiläum im nächsten Jahr hat der Tranceliebhaber bereits Pläne, die er aber noch nicht verraten will. Die Tatsache, dass seine Gedanken schon beim übernächsten Fest sind, zeigen deutlich: Für Jamal Aldin und das Team ist nach der Street Parade vor der Street Parade.

Video: Party oder Demonstration?
Die Sendung «10vor10» des Schweizer Fernsehens hinterfragt am 9.8.1996, einen Tag vor der Street Parade, den Sinn dieser neuartigen Form der Demonstration.

Erstellt: 09.08.2019, 09:03 Uhr

Strassen in der Innenstadt gesperrt, Fähren mit verdichtetem Fahrplan

Aufgrund der Street Parade muss am Samstag in der Zürcher Innenstadt sowie auf den jeweiligen Zufahrtsstrassen mit Verkehrsbehinderungen gerechnet werden. So ist am rechten Seeufer die Bellerivestrasse ab Höhe Hornbachstrasse gesperrt, am linken Seeufer das Mythenquai und die Alfred-Escher-Strasse ab Höhe der Schiffshaltestelle Enge. Aufgrund der Street Parade zirkulieren die Zürichsee-Fähren am Samstag mit einem verdichteten Fahrplan. Dies teilt die Zürichsee-Fähre Horgen-Meilen mit. Da während des ganzen Tages mit einem sehr hohen Verkehrsaufkommen zu rechnen sei, sind Automobilisten gebeten, im Warteraum wie auch auf der Fähre aufzuschliessen, damit der Platz optimal genutzt werden kann. Zudem sollen Benutzer der Fähre das Geld bereits passend für die Kassiere bereithalten. Samstagmorgen erfolgt der erste Kurs ab Horgen um 6 Uhr und ab Meilen um 6.15 Uhr, am Sonntag um 7 beziehungsweise 7.15 Uhr. Die letzten Abfahrten finden ab Horgen um 21.45 Uhr und ab Meilen um 22 Uhr statt.

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