Wädenswil/Frankfurt

Plötzlich steht Wädenswil im Fokus der internationalen Medien

Liveschaltungen und ein Stadtpräsident im medialen Dauereinsatz: Dass der mutmassliche Täter von Frankfurt im Wädenswiler Ortsteil Schönenberg wohnte, hat die Stadt auf Trab gehalten.

Mehrmals meldete sich Ulrich Klose bei RTL in diesen Tagen live aus Wädenswil.

Mehrmals meldete sich Ulrich Klose bei RTL in diesen Tagen live aus Wädenswil. Bild: Screenshot: PD

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Es ist wieder Ruhe eingekehrt im Schönenberger Ortsteil Tanne. Der Weiler stand in den vergangenen Tagen im internationalen Medienfokus. Hier wohnte der mutmassliche Täter vom Frankfurter Hauptbahnhof bis zu seiner Tat. Der Eritreer soll dort am Montag eine Mutter und ihr Kind vor einen Zug gestossen haben. Das Kind starb, die Mutter überlebte nur mit viel Glück.

Nur kurz nachdem die Kantonspolizei Zürich am Dienstag an einer Medienkonferenz die Wohngemeinde des Mannes bekannt gegeben hatte, standen Journalisten vor dem Haus des 40-Jährigen im Wädenswiler Ortsteil Schönenberg. Nicht nur lokale Medien wie diese Zeitung oder andere Schweizer Medien, sondern auch Reporter der grossen deutschen Medien wie der «Bild»-Zeitung oder des Nachrichtenmagazins «Focus».

Gefragter Interviewpartner

«Das ist für unsere Verhältnisse sehr ungewöhnlich, aber in diesem Fall natürlich auch verständlich», sagt Wädenswils Stadtpräsident Philipp Kutter (CVP). «Viele deutsche Journalisten wollten einfach wissen, wie die Menschen hier in der Region auf den Fall reagieren», sagt er weiter.

Philipp Kutter war auch vom deutschen Fernsehen gefragt. Screenshot:PD

Wie viele Interviews er in den letzten Tagen deutschen Medien gegeben hat, hat Kutter nicht gezählt. Aber selbst am 1. August musste er morgens nochmals vor die Kamera der deutschen Privatsender RTL und n-TV. Die Privatsender waren gleich mit mehreren Teams in Wädenswil. Kutter sagt, er habe sich darauf eingestellt, viele Fragen beantworten zu müssen. Aber: «Ich bin froh, dass die Karawane nun weitergezogen ist.» So könne in der Stadt wieder Ruhe einkehren.

Vom BVB nach Wädenswil

Einer der deutschen Reporter ist Ulrich Klose. Er berichtet seit über 30 Jahren für die Mediengruppe RTL aus allen Ecken der Welt, Krisengebiete gehören ebenso dazu wie glamouröse Anlässe. «Ich war in Bad Ragaz im Trainingslager von Borussia Dortmund im Einsatz, als wir den Auftrag bekamen, nach Wädenswil zu fahren», erzählt Klose. In einem seiner Liveberichte zeichnet er das Bild der starken Kontraste zwischen dem «Wahnsinnsverbrechen», wie er es nennt, und dem traumhaft schön gelegenen Weiler Tanne über dem Zürichsee. Es sei RTL und n-tv mit der Reportage vor Ort darum gegangen, mehr über das Leben des mutmasslichen Täters herauszufinden.

Eine Schaltung von RTL nach Wädenswil. Video:RTL

Aber, sagt Klose: «Wir haben darauf verzichtet, das Wohnhaus des Mannes aus nächster Nähe zu zeigen oder uns gar mit dem Übertragungswagen davor zu stellen.» Der Grund: Als Sender, der praktisch in ganz Europa zu empfangen sei, wolle man darauf verzichten, «Wirrköpfe» auf dumme Ideen zu bringen. Dies auch, weil die Tat von Frankfurt einen grossen politischen Nachhall habe. Allerdings: Kloses eigene Zurückhaltung hat RTL nicht konsequent durchgezogen und in Beiträgen von anderen Mitarbeitern das Wohnhaus gezeigt.

Lob für die Polizei

Und dennoch, sagt Klose: «Wir haben im Vergleich zu anderen Medien auch ganz klare Regeln, den Namen eines mutmasslichen Täters nicht vollständig zu nennen oder das Gesicht nur verpixelt zu zeigen.» Bei Gesprächen mit der Bevölkerung habe er zudem meist auf Kamera und Mikrofon verzichtet – nicht nur weil man in Schönenberg im Kontakt mit den Medien zurückhaltend war. «In anderen Fällen kam es auch schon vor, dass Leute einfach vor die Kamera getreten sind und ihre Meinung kundtaten, obwohl sie die Täter gar nicht kannten.»

«Wir haben ganz klare Regeln, den Namen eines mutmasslichen Täters nicht vollständig zu nennen oder das Gesicht nur verpixelt zu zeigen.»Ulrich Klose, RTL

Klose lobt im Gespräch mit dieser Zeitung auch die Polizei. «Die Bevölkerung wurde darauf aufmerksam gemacht, dass man nicht zwingend mit den Medien sprechen muss, wenn man nicht will.» Das sei eine gute Sache, die er so in all seinen Berufsjahren noch nicht gesehen habe. «Mir hilft aber so etwas, weil ich aus einer Reportage für mich mit einem guten Gefühl rausgehen möchte.»

Harter Umgangston

Die Kantonspolizei Zürich will sich zu ihren Einsätzen im Zusammenhang mit dem Frankfurt-Fall aus taktischen Gründen nicht äussern. Einer, der weiss, was eine Polizei alles beachten muss, wenn ein Fall international für Schlagzeilen sorgt, ist Simon Kopp. Der ehemalige Journalist ist mittlerweile selber als Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft tätig, bietet aber auch Schulungen in Krisenkommunikation an.

Simon Kopp lobt die Kantonspolizei Zürich.

Die Kantonspolizei Zürich habe ihre Arbeit im aktuellen Fall sehr gut gemacht, sagt Kopp (siehe Kasten). Auch weil man im Umgang mit Journalisten aus anderen Ländern einiges beachten müsse: «In der Schweiz ist der Umgang zwischen Medien und Behörden feiner.» Ein Schweizer Journalist frage: «Können Sie das bestätigen?» Gerade bei deutschen oder englischen Boulevardmedien sei der Ton härter: «Sie müssen bestätigen, dass… etwas anderes können Sie sich gar nicht erlauben.» Damit müsse man umgehen können, sagt Kopp. «Und wenn man fünfmal Nein gesagt hat, dann ruft bei ausländischen Medien einfach noch der Bürokollege an.»

Erstellt: 02.08.2019, 19:05 Uhr

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Gute Noten für die Kommunikation der Kantonspolizei

Erst schien es so, als wäre es einfach eine schreckliche Tat in Deutschland. Doch im Lauf des Montags wurde klar: Der Täter vom Hauptbahnhof Frankfurt hat Schweiz-Bezug und lebte im Kanton Zürich. «Die Kantonspolizei Zürich hat diese Herausforderung hervorragend gemeistert», sagt Kommunikationstrainer Simon Kopp. Die Behörden hätten es an ihrer Medienkonferenz vom Dienstag geschafft, so viele konkrete Informationen bekannt zu geben, sodass wenig Raum für Spekulationen geblieben sei.

Das sei gar nicht so einfach: «Die Medienkonferenz ist nur die Spitze des Eisbergs in einem solchen Fall.» Überlegen müsse man sich im Vorfeld etwa, was man kommunizieren könne, ohne eigene Ermittlungen zu gefährden. «Zudem ist es wichtig, sich über die Betreuung der Opfer oder betroffenen Familie Gedanken zu machen. Auch die gilt es zu schützen», sagt Kopp, der auch als Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft tätig ist. Die Familie des mutmasslichen Täters etwa wurde an einen anderen Ort gebracht, damit sie nicht von Medien in ihrer Wohnung aufgespürt wird.

Keine Inselkommunikation

Erschwerend kommt laut Kopp bei der Medienarbeit dazu, dass die Welt informationstechnisch zusammengerückt sei. «Ein Ereignis in Frankfurt ist heute ebenso nah wie eines im Nachbarort.» Früher hätten Behörden häufig Inselkommunikation betrieben. «Gerade in diesem Fall ist spürbar, dass sich die Polizei auch mit den deutschen Kollegen abgesprochen hat», sagt Kopp. Zudem habe man mit der Vorinformation der Stadt Wädenswil auch dafür gesorgt, dass die Behörden von Medienanfragen nicht überrollt wurden. Er bezeichnet die Leistung der Zürcher Polizei als «Lehrstück».

Auch Wädenswils Stadtpräsident Philipp Kutter bestätigt, dass die Kantonspolizei die Stadt gut informiert und offene Fragen beantwortet habe. «So waren wir auf Anfragen vorbereitet und konnten auch unsere Mitarbeiter entsprechend informieren.» (ckn)

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