Wädenswil

«Plötzlich konnte ich nicht mehr antworten»

Die Erinnerungen von Franz Inauen erlöschen. Er leidet unter Demenz. Sich zu verstecken ist jedoch nicht seine Art. In Wädenswil stellt er seine Bilder und Texte aus.

Seit sechs Jahren weiss Franz Inauen, dass sein Verstand langsam entschwindet. Er und seine Frau Bernadette Inauen haben sich entschlossen, offen umzugehen mit der Diagnose Demenz.

Seit sechs Jahren weiss Franz Inauen, dass sein Verstand langsam entschwindet. Er und seine Frau Bernadette Inauen haben sich entschlossen, offen umzugehen mit der Diagnose Demenz. Bild: Moritz Hager

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Ein riesiges, schwarzes Rad rollt auf ein Strichmännchen zu. Dieses stemmt sich dagegen, wird aber dennoch überfahren. So zeichnet der demente Franz Inauen sich und seine Krankheit. «Am liebsten würde ich mich vor Scham verstecken, mich schützen und mich bis zum Hals zudecken», steht im Gedicht zur Zeichnung. «Mein Lieblingsbild», sagt der 69-Jährige. Er sitzt mit seiner Frau am Esstisch in ihrer Wohnung in Luzern. Überall stehen Pflanzen, vom Balkon aus ist durch das Grün der Bäume ein Stück Vierwaldstättersee zu sehen. Hier fühlt sich Franz Inauen geborgen. Im Bild ist die Wohnung als rote Höhle dargestellt, seine Frau als Strichmännchen, das ihn an der Hand nimmt.

Franz und Bernadette Inauen, Eltern von drei erwachsenen Kindern, sprechen offen über die Krankheit, die ihr Leben verändert hat – nicht nur im privaten Umkreis, sondern auch in den Medien. «Es braucht Leute, die das Tabu durchbrechen und so bewirken, dass die Öffentlichkeit die Krankheit und die Erkrankten akzeptiert», sagt Franz Inauen.

«Er hörte nicht mehr richtig zu»

Sechs Jahre ist es her, seit er die Diagnose «dementielle Entwicklung» erhielt. «Es war am 13. Februar», sagt Franz Inauen. Er und seine Frau sassen bei einem Glas Wein zusammen und planten ihre Ferien. «Plötzlich konnte ich nicht mehr denken, nicht mehr antworten. Es war bedrohlich.» Er stockt, sein Blick geht ins Leere. Dann wendet er sich seiner Frau zu, wie er es während des Gesprächs noch mehrmals tun wird: «Schatz, übernimmst du? Ich weiss grad nicht mehr, wo ich bin.»

«Jahre schon habe ich gemerkt, dass etwas mit meinem Mann nicht stimmte. Er vergass viel und hörte nicht mehr richtig zu.»Bernadette Inauen

Bernadette Inauen nimmt den Faden auf und erzählt von den Untersuchungen im Spital und vom Tag der Entlassung, der «eine Katastrophe» war: «Die Ärzte diskutierten mögliche Diagnosen über unsere Köpfe hinweg und teilten uns das Resultat in knappster Form mit.» Für sie war der Bescheid einerseits erschreckend, andererseits befreiend. «Jahre schon habe ich gemerkt, dass etwas mit meinem Mann nicht stimmte. Er vergass viel und hörte nicht mehr richtig zu.» Das Umfeld aber habe ihr nicht geglaubt. «Das war furchtbar», erinnert sich Bernadette Inauen. «Dabei wäre es für Angehörige eine grosse Hilfe, wenn man ihre Beobachtungen und Fragen ernst nehmen würde.»

Als er von seiner Krankheit erfuhr, war der studierte Theologe als Seelsorger im Blindenheim Horw angestellt. Eine Arbeit, die er gerne machte. Wie würde der schleichende Verlust seines Verstandes sich darauf auswirken? Sein Arbeitgeber reagierte auf die bestmögliche Weise. Franz Inauen ist heute noch gerührt, wenn er davon erzählt: «Er nahm mich bei der Schulter und sagte: Wie es weitergeht entscheiden wir miteinander, wir lassen dich nicht im Stich.» Inauen arbeitete 70 Prozent weiter, später 50 Prozent, bevor er sich mit 64 Jahren frühpensionieren liess.

Aus seinen Nöten entstand ein Buch

Zwei Monate nach der Diagnose reisten die Inauens in die Ferien. Eines Abends überreichte Bernadette Inauen ihrem Mann ein Malbuch mit leeren Blättern. «Wenn es dir nicht gut geht und du das Bedürfnis hast, deine Gefühle auszudrücken, dann hättest du hier die Möglichkeit dazu», sagte sie. «Zuerst bin ich wütend geworden», sagt Franz Inauen, denn er könne weder malen noch schreiben. Schon tags darauf aber habe er die Energie dazu gefunden. 2016 veröffentlichte der Verlag Hogrefe sein Buch «Demenz – eins nach dem anderen» mit 85 Bildern.

«Mein Wunsch war es immer, nach der Pension auf die Alp zu gehen.»Franz Inauen

Die Reaktionen aus dem Umfeld waren gemischt. Die einen akzeptierten seine Krankheit, andere wollten sie nicht wahrhaben. «Du bist lustig, machst Sprüche, die Ärzte täuschen sich, du bist nicht dement», höre er oft von Bekannten, sagt Franz Inauen. Die Krankheit zu verleugnen aber helfe weder ihm noch seiner Frau. Denn im Alltag ist seine Demenz spürbar. Alleine einkaufen kann er nur noch in der Nähe. Auch schon hat er sich in Luzern verirrt. Seine Frau übernimmt sämtliche planerischen Aufgaben und sorgt dafür, dass er seine Termine wahrnimmt. «Mein Wunsch war es immer, nach der Pension auf die Alp zu gehen», sagt Franz Inauen. Beim Schnuppern zeigte sich jedoch, dass er damit überfordert war. Zwei Reisen aber kann er noch selbständig machen: Jene nach Schüpfheim, ins Haus der Gastfreundschaft, das Menschen in schwierigen Situationen Unterkunft bietet und jene nach St. Gallen zu einer Gesprächsgruppe für Demenzkranke.

Franz Inauen sieht seine Frau liebevoll an: «Meine Frau hat es nicht immer einfach mit mir.» Er geniesse es, daheim zu wohnen, aber zu stark einschränken wolle er das Leben seiner Angehörigen nicht: «Wenn ein Pflegeheim nötig wird, sollen sie nicht zu lange überlegen.» Kurz zögert er, dann fügt er hinzu: «Ich hoffe, dass meine Gesinnung so bleibt.»

Vernissage mit Apéro am Donnerstag, 19. September, um 19 Uhr in der Kulturgarage, Florhofstrasse 15 in Wädenswil. Begrüssung durch Stadträtin Astrid Furrer.

Erstellt: 17.09.2019, 16:17 Uhr

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