Ausgesteuerte

«Plötzlich hast du viel Zeit und wenig Geld»

Wer im Alter von über 55 Jahren arbeitslos wird, hat es schwer, wieder eine Stelle zu finden. Ein Lied davon singen kann die Wädenswilerin Christin Gisler. Die 62-Jährige ist schon seit über drei Jahren auf Stellensuche.

Christin Gisler muss sich nicht schämen: Am Zürichsee werden pro Jahr hunderte Personen ausgesteuert.

Christin Gisler muss sich nicht schämen: Am Zürichsee werden pro Jahr hunderte Personen ausgesteuert. Bild: Sabine Rock

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Abgemacht war, dass das Porträt anonym erscheint. Aber dann überlegte es sich Christin Gisler doch anders. «Es gibt nichts, wofür ich mich schämen muss», sagt die Wädenswilerin. Die 62-Jährige macht einen gepflegten Eindruck. Als erstes fällt der Blick auf ihre dunklen Augen. Die schwarzen langen Haare trägt sie halboffen. Halskette, Ohrenringe und Armband sind aufeinander abgestimmt. Wüsste man ihr Alter nicht, würde man Gisler zehn Jahre jünger schätzen. Und müsste man erraten, wie sie ihren Lebensunterhalt verdient, würde man so schnell nicht darauf kommen, dass sie seit einem Jahr auf Sozialhilfe angewiesen ist.

«Die Arbeitslosigkeit kann jeden treffen, das hat nichts mit dir als Mensch zu tun», sagt die ehemalige Verkäuferin, die vor einem Jahr ausgesteuert wurde. Dass sie jetzt doch mit ihrem Namen und Gesicht hinsteht, um auf die Situation der Ausgesteuerten aufmerksam zu machen, hat einen Grund. «Ich möchte anderen Betroffenen Mut machen und Klischees durchbrechen.»

450 erfolglose Bewerbungen

Vorurteile über Langzeitarbeitslose – etwa die einer verwahrlosten Messiewohnung – legt man tatsächlich schon an der Eingangstüre ab. Gelbe Vorhänge, weisse Möbel, Engel und Tauben aus Porzellan: Draussen regnet es in Strömen, aber in Gislers Wohnung wirkt es, als scheine die Sonne. «Ich bin Meisterin darin, aus wenig viel zu machen», sagt sie und deutet auf ihre Einrichtung.

Die Kunst der Genügsamkeit hat Gisler im vergangenen Jahr perfektioniert. «Seit ich auf Sozialgeld angewiesen bin, lebe ich am absoluten Existenzminimum.» Ihren letzten Job hatte sie als Verkäuferin in einer Bäckerei. Die genauen Umstände der Entlassung nach einem dreijährigen Arbeitsverhältnis will sie nicht preisgeben, nur so viel: «Ich wurde gemobbt und als ich mich gewehrt habe, wurde mir gekündigt.» Damals war sie 58 Jahre alt. Seither sind sind 3,5 Jahre und 450 Bewerbungen vergangen – bislang erfolglos. Zu gross seien die Vorurteile vieler Arbeitgeber. «Wenn man so lange nicht mehr im Arbeitsleben war und 62 ist, ist es fast aussichtlos etwas zu finden.»

«Seit ich auf Sozialgeld angewiesen bin, lebe ich am absoluten Existenzminimum.»

Nach zwei Jahren auf dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) folgte im Frühjahr 2017 die Aussteuerung. «Da wird deine Lebenssituation genau durchleuchtet», erzählt Gisler. «Um Betrug vorzubeugen, wollen sie sogar, dass du ein Formular unterschreibst, dass es ihnen erlaubt, dich zu beschatten.» Blossgestellt oder unter Druck gesetzt gefühlt habe sie sich aber nie. «Ich wurde sehr einfühlsam begleitet», betont sie.

Auf den bürokratischen Prozess folgten Existenzängste und Einsamkeit. «Plötzlich hast du viel Zeit und wenig Geld.» Gisler wirkt nachdenklich, überlegt einen Moment bevor sie ergänzt: «Am Einschneidensten waren schon die finanziellen Einbussen – Ferien, auswärts Essen oder Geschenke liegen einfach nicht mehr drin.» Ihre Wohnung konnte sie nur dank einer Studentin behalten, die sich als Untermieterin an den Kosten beteiligt.

Kinder statt Ausbildung

Aber auch daran, die Tage fortan alleine Zuhause zu verbringen, musste sich Gisler gewöhnen. «Damit dir die Decke nicht auf den Kopf fällt, musst du deinem Alltag selbst eine Struktur geben.» Inzwischen habe sie sich ein Hobby daraus gemacht, Sachen zu unternehmen, die nichts kosten. «Ich gehe Wandern, besuche meine Enkel oder bastle etwas.»

Das enge Verhältnis zu ihren drei Töchtern gebe ihr in den schwierigen Zeiten Halt. «Sie sind meine besten Freundinnen und waren für mich in den letzten Jahren eine wichtige emotionale Stütze.» Die enge Bindung habe sie der Entscheidung zu verdanken, dass sie 20 Jahre als Hausfrau bei den Kindern geblieben ist – statt sich beruflich weiter zu bilden. Das Geld für die Familie verdiente der Mann.

Mittlerweile ist Gisler vom Vater ihrer Töchter geschieden. Ob sie ihren Lebensweg im Nachhinein bereue? «Wenn ich nochmals entscheiden könnte, würde ich sicherlich etwas für meine Ausbildung tun», sagt die gelernte Servicefachassistentin. «Andererseits hatte ich die Möglichkeit, für meine Familie da zu sein und dafür bin ich sehr dankbar.»

Rückschläge als Kapital

Den Mut hat Gisler trotz der Rückschläge nie verloren. Vor einigen Jahren entdeckte sie die Welt der Spiritualität. «Diese hat mir Kraft gegeben.» Zurzeit macht sie eine Ausbildung zur Numerologin – diese wird ihr von privater Seite vorfinanziert – und träumt von einer eigenen Praxis. Als Prozessbegleiterin wolle sie ihre Erfahrungen an Menschen in schwierigen Lebenssituationen weitergeben.

«Mein Kapital ist, dass ich über einen reichen Fundus an Lebenserfahrung verfüge und deshalb mit anderen Betroffenen ehrlich mitfühlen kann.» Auch dem Arbeitsmarkt hat Gisler noch nicht ganz abgeschworen. Noch immer verschicke sie monatlich mindestens fünf Bewerbungen – das auf Anordnung des Sozialdienstes. Offen sei sie für Vieles: «Ich könnte mir gut vorstellen als Gesellschafterin für eine betagte Person zu arbeiten oder auch wieder im Verkauf.» Sie hoffe weiterhin darauf, dass ein Arbeitgeber ihr trotz ihres Alters eine Chance gebe. «Ich will beweisen, dass ich alles andere als ein graues Müetti bin.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.03.2018, 15:31 Uhr

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Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) und das Sekretariat für Wirtschaft schlugen Anfang März Alarm: Die Zahl der über 55-jährigen Sozialhilfebezüger hat sich von 2010 bis 2016 um 50 Prozent erhöht. Die starke Zunahme lässt sich nur bedingt demografisch erklären. Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist der Anteil der 56- bis 64-Jährigen in der gleichen Zeitspanne nur um 12 Prozent gestiegen. Die Skos verlangt deshalb, dass über 55-Jährige von der Arbeitslosenversicherung nicht mehr ausgesteuert werden. Doch nicht nur ältere Personen haben ein erhöhtes Risiko aus der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert zu werden und in der Sozialhilfe zu landen. «Vermehrt betroffen sind auch Menschen mit psychischen oder physischen Beeinträchtigungen – teilweise auch mit einer Suchtproblematik», sagt Didier Mayenzet Gemeindeschreiber von Meilen. Andreas Alther, Leiter der Sozialen Dienste in Horgen, nennt zwei weitere Personengruppen: «Es ist statistisch schon lange erhärtet, dass Ausländer und Niedrigqualifizierte einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Arbeitslosen respektive Sozialhilfebezügern stellen.»

Die Aussage Althers lässt aber nur bedingt Rückschlüsse auf die Ausgesteuerten zu. Zu beachten gilt, dass nicht alle Arbeitslosen ausgesteuert werden und dass nicht alle Ausgesteuerten bei der Sozialhilfe landen. Damit die Sozialhilfe zahlt muss das Vermögen auf 4000 Franken aufgebraucht und das Wohneigentum verkauft werden. Umgekehrt gilt dass nicht alle Sozialhilfebezüger, aus der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert wurden – nämlich dann, wenn sie gar nie auf dem Arbeitsmarkt waren. Das trifft etwa auf Flüchtlinge zu. Nichtsdestotrotz dürften die von Alther genannten Eigenschaften auch auf viele Ausgesteuerte zutreffen. Die Zahlen des regionalen Arbeitsvermittlungszentrums Rapperswil-Jona zeigen etwa, dass von den Ausgesteuerten 2017 tatsächlich fast die Hälfte – nämlich 48,7 Prozent – ausländischer Herkunft waren.

Hilfe für Betroffene

Ausgesteuerte können im regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) angemeldet bleiben und Beratungen in Anspruch nehmen. «Damit haben sie weiterhin Zugang zu offenen Stellen und ab Inkrafttreten der Stellenmeldepflicht einen Informationsvorsprung bezüglich der Vakanzen, die der Meldepflicht unterliegen», sagt Lucie Hribal von der Medienstelle des Amts für Wirtschaft und Arbeit. In Zusammenarbeit mit den Gemeinden bietet das RAV zudem Weiterbildungs- und Beschäftigungsprogramme an. Viele Gemeinden bieten für Betroffene auch individuelle Hilfe an. So etwa Stäfa, wo Hilfsangebote situativ und personenbezogen eingesetzt werden. «Dabei wird auf das Alter, die Ausbildung und auch auf den Migrationshintergrund geachtet», sagt Kanzleimitarbeiter Erich Maag.

Am linken Ufer organisiert etwa das Soziale Netz Horgen Arbeitsprogramme mit sozialem Charakter. Die Tätigkeitsbereiche umfassen etwa Gastronomie, Reinigung oder Recycling. In Thalwil werden die Ressourcen der Sozialdienste vor allem dort eingesetzt, wo eine Reintegration in den Arbeitsmarkt realistisch und sinnvoll erscheint. «Aber auch wer kleine oder keine Chancen hat, soll die Möglichkeiten erhalten, seine Fähigkeiten zugunsten der Gesellschaft einzusetzen – etwa durch Freiwilligenarbeit oder Nachbarschaftshilfe», sagt Kommunikationsbeauftragte Joana Büchler. Im Linthgebiet können sich Betroffene an die beiden Regionalen Beratungszentren Rapperswil-Jona und Uznach wenden.

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