Thalwil/Langnau

Der Stollen zwischen Sihl und Zürichsee soll 2024 bereit sein

Der Entlastungsstollen aus der Sihl in den Zürichsee wird öffentlich aufgelegt. Wird er gebaut, wäre Zürich vor extremem Hochwasser geschützt. Kosten sollen die Massnahmen 135 Millionen Franken.

Das Sihltal und die Stadt Zürich soll mit einem Entlastungsstollen vor Extremhochwasser geschützt werden.
Video: Kanton ZH/Tamedia

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Die Lage ist ernst. Mehrfach betont Regierungsrat Markus Kägi (SVP), welche verheerenden Konsequenzen ein Hochwasser der Sihl für die Stadt Zürich haben würde. Schäden von bis zu 6,7 Milliarden Franken werden erwartet. Er hoffe, dass die Rechtsmittel in diesem Fall nicht ausgeschöpft werden und es somit zu keinen Verzögerungen kommt, meint Kägi. Von den geplanten Massnahmen zeigt er sich überzeugt. «Ich stehe zu 100 Prozent hinter dem Projekt», sagt er.

Ein Projekt, dessen letzte Etappe geschätzt 135 Millionen Franken kostet. Kein Verhältnis zu den potenziellen Schäden, findet der Baudirektor. Auch wenn er bei der Realisierung längst nicht mehr Regierungsrat sein wird, dürfte der Hochwasserschutz an der Sihl als grösstes Projekt Kägis in Erinnerung bleiben.

Video: So testet die ETH den Hochwasser-Stollen

Was passiert im Fall eines Extremhochwassers? Wissenschaftler der ETH Zürich haben den geplanten Hochwasser-Entlastungsstollen in einem Massstab von 1:30 nachgebaut und auf Herz und Nieren getestet.

Auf Grossereignis gefasst

Frühestens 2024 würde der Entlastungsstollen von der Sihl in den Zürichsee fertig – die ergänzende Massnahme zum Schwemmholzrechen in Langnau. Die Dimensionen der Bauwerke sind schwindelerregend. Ein Hochwasser, wie es statistisch gesehen nur alle 500 Jahre vorkommt, könnte so weit abgefangen werden, dass Zürich vor Überschwemmungen geschützt wird. Wenn das Wasser mit bis zu 600 Kubikmeter pro Sekunde fliesst, reicht die Kapazität des Stollens, um mehr als die Hälfte davon aufzunehmen.

Der Entlastungstollen würde von der Sihl oberhalb Langnau in den Zürichsee bei Thalwil verlaufen.

Um aufzuzeigen, dass das alles funktioniert, haben Mitarbeiter der Versuchsanstalt für Wasserbau (VAW) an der ETH Hönggerberg monatelang zwei Modelle getestet. Das Einlaufmodell an der Sihl wurde im Massstab von 1:30 erstellt, das des Auslaufs in den Zürichsee im Massstab 1:17. Getestet wurde etwa, ob Geschiebe oder Schwemmholz in den Stollen gelangen kann. Oder was passiert, wenn das Schlauchwehr am Einlauf, das den Einlass des Wassers regelt, kaputtgeht oder blockiert. Auch ein Extremhochwasser wurde simuliert.

Die Tests am Einlauf verliefen zufriedenstellend. Auch wenn etwas Schwemmholz in den Stollen gerät, funktioniert das Werk. Wie der Stollen bei einem Ex­tremhochwasser reagiert, demonstrieren die VAW-Mitarbeiter den Medienvertretern. Der Schlauch wird entfernt, das Wasser fliesst ungehindert in den Stollen.

Gewaltige Kräfte

Eindrücklich ist vor allem der zweite Teil. Wenn das Wasser mit voller Wucht das 3,3-prozentige Gefälle hinabrauscht, prallt es in die Toskammer. Das Bauwerk, das neben der neuen ARA Thalwil zu stehen kommt, muss einiges aushalten. Die Fliessgeschwindigkeit des Wassers beträgt hier 15 Meter pro Sekunde, etwa 54 km/h. Der Oberflächenstrahl prallt an die Wand, es entstehen mehrere Walzen. Durch die Kammer reduziert sich die Geschwindigkeit auf vier Meter pro Sekunde.

Durch einen rechteckigen Kanal fliesst es Richtung Zürichsee. Erst rund 100 Meter vom Ufer entfernt landet es im See. Auch an diesem Modell sind die Versuche zufriedenstellend ausgefallen. So entstehen zwar Wellen im Zürichsee, die aber höchstens einen halben Meter hoch werden. Das ist weniger als bei Wind.

Video: Markus Kägi zur Kritik aus Richterswil

Baudirektor Markus Kägi äussert sich im Interview zu den Projektkosten, den geplanten ökologischen Ersatzmassnahmen am Zürichsee-Ufer und der wachsenden Kritik aus Richterswil.

Flutwelle verhindern

Ohne die Toskammer, wenn also das Wasser direkt im dreiprozentigen Gefälle in den See geschossen wäre, hätte es bei starkem Hochwasser zu einer Flutwelle kommen können, die das rechte Zürichseeufer erreicht hätte. Der Auslaufbereich müsste im Ex­tremfall durch die Seepolizei gesperrt werden.

Gebaut werden soll der Stollen von der Sihl her. Die Tunnelbohrmaschine wird sich dann zum Zürichsee vorarbeiten. Das Aushubmaterial wird ins Sihltal zurückgeschafft und per Bahn abtransportiert. Der Bau des 2,1 Kilometer langen Stollens kann nur noch auf dem Rechtsweg gefährdet werden.

Erstellt: 19.03.2019, 10:40 Uhr

Die ökologischen Ersatzmassnahmen sollen der Natur und den Menschen nützen

Eine wildere Sihl und ein natürlicheres Zürichseeufer versprechen sich die Verantwortlichen von den ökologischen Ersatzmassnahmen. Diese sind Pflicht, weil der Bau des Entlastungsstollens einen Eingriff in die Natur bedeutet. Die Garnhänki in Richterswil wurde ausgewählt, weil hier schon 2003 ein Projekt der Gemeinde existierte. Aber auch, weil sich das Gebiet ideal eignet, wie Projektleiter Adrian Stucki sagt.

Der 240 Meter lange Abschnitt zwischen Badi und Kantonsgrenze sei ökologisch nicht besonders wertvoll, und zudem befände sich belastetes Material in der Aufschüttung. Werde ein natürlicheres Seeufer gestaltet, gäbe man der Natur etwas zurück. Geplant sind zwei lange Schilfgürtel. Getrennt würden diese durch eine Plattform, die den Blick auf den Zürichsee freigibt. Die bestehende Weide soll weiterhin ihren Platz haben. Dies im Gegensatz zur Kastanienallee. «Es werden aber nicht nur Bäume gerodet», betont Stucki. So sei etwa ein Platz mit Aussichtsturm und mehreren Bäumen geplant.

Blick auf See erhalten

Aufgrund des Schilfgürtels haben Passanten keinen direkten Zugang zum See. Dafür will der Kanton nahe der Kantonsgrenze einen rund 50 Meter breiten Zugang schaffen. Über Treppenstufen könnten Spaziergänger direkt zum Zürichsee gelangen. Der Fussweg wird Richtung Geleise zurückversetzt und um einen Meter erhöht. So könne der Blick weiter über den Schilfgürtel auf den See schweifen, versichert Stucki. In Planung sind auch Spielgelegenheiten für Kinder. Richtung Geleise würde eine zwei Meter hohe Hecke erstellt.

Für die Ersatzmassnahme rechnet der Kanton mit Kosten von 3,1 Millionen Franken. Sollte sich «übles Material» in der Aufschüttung verbergen, könnten die Kosten ansteigen. 700000 bis 800000 Franken müsste Richterswil übernehmen, das dem Kanton nach dem Bau des Hafens noch eine Ersatzmassnahme schuldig ist.

In der Sihl kommen die meisten Massnahmen den Fischen zugute. So soll das Wehr Gartendörfli durch eine fischgängige Rampe ersetzt werden. Ein alter Abwasserkanal der Spinnerei würde als Seitenarm der Sihl wiederbelebt. Er soll Fischen als Rückzugsgebiet dienen. Auch der Gontenbach an der Grenze von Langnau zu Adliswil wird fischtauglich gemacht. An der Mündung in die Sihl wird eine Rampe erstellt, und Schwellen bachaufwärts würden so angepasst, dass die Fische sie überwinden können. Die Sihl wird das rechte Ufer in einer Linkskurve als Prallwand nutzen können, ein Wanderweg soll aufgehoben werden. Der Weg wird an das andere Ufer versetzt. Zudem soll man von Gattikon aus direkt an den Bahnhof Langnau/Gattikon gelangen. Ein Weg und eine Fussgängerbrücke sollen dafür gebaut werden.

Die Massnahmen wurden am Dienstagabend in Gattikon und Samstagern der Bevölkerung vorgestellt.

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