Horgen

Bei schönen Orangenpapieren glänzen ihre Augen

Sophie Schmukle sammelt seit 35 Jahren Orangenpapiere. Orangen essen mag sie aber nicht.

Sophie Schmukle, umringt von ihren «Schätzen». Im Rahmen befinden sich Orangenpapiere mit typischen Schweizer Motiven, davor auf dem Tisch liegt das Herstück der Sammlung: das Konterfei eines Indianers.

Sophie Schmukle, umringt von ihren «Schätzen». Im Rahmen befinden sich Orangenpapiere mit typischen Schweizer Motiven, davor auf dem Tisch liegt das Herstück der Sammlung: das Konterfei eines Indianers. Bild: Michael Trost

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Wer die Türe zur Vier-Zimmer-Wohnung von Frau Schmukle öffnet, betritt sogleich auch das Leben der Horgnerin. Jeder noch so kleine Platz wird von Erinnerungsstücken in Beschlag genommen. An der Türe hängen Postkarten, das Büchergestell ist voller Romane, Kochbücher, Bildbände und Wörterbücher. Auf den Simsen stehen Porzellanfiguren, in den Vitrinen sind verzierte Tee Services ausgestellt und die Wänden sind voll mit unzähligen eingerahmten Familienfotos.

In ihrem geblümten Kleid geht die 72-Jährige vom Eingangsbereich in das Wohnzimmer. Dort auf dem Esstisch befindet sich die wahre Sammlung: Orangenpapiere. Die Wachspapiere, welche zum Einwickeln von Orangen gebraucht werden, liegen zu Hunderten in fein säuberlich angeordneten Stapeln auf dem Tisch oder befinden sich in Ordnern, geschützt durch Sichtmäppchen.

Vom Jagen und Sammeln

Eines Tages beim Einkaufen stiess Sophie Schmukle auf eine Orange, die in ein ebensolches Orangenpapier eingewickelt war. Darauf zu sehen war das Konterfei eines Indianers, eingrahmt von geometrischen Mustern in kräftigem Rot. Dieser Fund war der Auslöser für ihre Sammelleidenschaft.

Das war vor 35 Jahren. Mittlerweile sind über tausend Stücke des bunt bedruckten Wachspapiers zusammengekommen. Die Sujets variieren, von Tieren, zu Menschen fremder Länder, Musikinstrumenten, geometrischen Formen, Schriftzügen, Märchenfiguren, die Liste ist endlos und die Ordner voll. «Manchmal bin ich mir gar nicht sicher, ob ich ein Papier mit dem selben Motiv nicht bereist besitze», sagt Schmukle. Die Papiere findet die Sammlerin beim Einkaufen in kleinen Geschäften oder auf Märkten: «Die meisten Ladenbesitzer der Umgebung kennen mich bereits und geben mir die Papier umsonst. Nur selten muss ich die Früchte kaufen.» Denn Sophie Schmukle sammelt zwar die Papiere, doch die Zitrusfrucht selber mag sie nicht. Weder Orangenschnitze, noch Orangencrème oder Orangensaft. «Das ist mir alles zu sauer».

Da die Einwickelpapiere der Früchte durch den Transport und die Lagerung zerknittert sind, wenn die Sammlerin sie entdeckt, wird jedes einzelne Papier zuhause vorsichtig mit dem Bügeleisen geglättet. Was ist der Grund, warum jemand die Wegwerfverpackung von Orangen sammelt? Für Frau Schmukle sind es die Motive. «Ich bekomme jedes Mal glänzende Augen, wenn ich ein schönes Papier sehe», sagt Schmukle.

Die Horgnerin ist mit ihrer Begeisterung für Orangenpapiere nicht allein. Im Internet finden sich Sammler in Foren, in Deutschland ist den Wachspapieren gar ein ganzes Museum gewidmet. Sophie Schmukle hat zwei Kontakte im nahen Ausland, mit denen sie ab und an Orangenpapiere austauscht. Auf die Frage hin, warum sie nicht auch Kaffeerahmdeckelchen sammelt, antwortet sie: «Weil ich Kaffee nicht mag». An dem Widerspruch scheint sie sich nicht zu stören.

Von Budapest nach Horgen

Im Hintergrund läuft im Radio Ländler Musik, während Sophie Schmukle ihre Geschichte erzählt. Seit 42 Jahren lebt die Rentnerin schon in dieser Wohnung hoch über dem Zürichsee. Eine gebürtige Horgnerin ist sie aber nicht.

Sophie Schmukle ist 1945 in Ungarn geboren. Mit ihrer verwitweten Mutter und ihrer Schwester wuchs sie in Budapest auf. Der Vater war im Krieg verschollen. Ihre Kindheit und Jugend war geprägt von der Nachkriegszeit: «Ich bin in einer Zeit gross geworden, in der man die Dinge nicht einfach weggeschmissen, sondern wiederverwertet hat.» Ursprünglich gelernt hat die gebürtige Ungarin Elektrotechnikerin. Im Alter von 21 Jahren ging sie als Fremdarbeiterin in die damalige DDR und lernte dort Deutsch. Wegen der Liebe kam Sophie Schmukle 1971 nach Horgen.

In der neuen Heimat absolvierte sie die Ausbildung zur Kaufmännischen Angestellten, gründete in den 1990-er Jahren einen Verein zur Rumänienhilfe, machte eine weitere Ausbildung zur Shiatsutherapeutin und zog als Alleinerziehende zwei Söhne gross. Diesen Januar hat die Rentnerin zum zweiten Mal geheiratet. Ihr frisch Angetrauter sitzt auf dem Balkon und liest seine Zeitung. Was hält er vom Sammeleifer seiner Frau? Sophie Schmukle zuckt mit den Schultern: «Es stört ihn nicht».

Vor fünf Jahren hatte sie mit den Orangenpapieren eine Ausstellung im Alterszentrum Baumgärtli. Doch grundsätzlich sammelt die Pensionärin nur für sich, ein konkretes Ziel verfolgt die Orangenpapier-Liebhaberin mit ihrer Sammlung nicht. Ab und an blättere sie ihre Sammlung durch, die meiste Zeit jedoch seien die bunten Papiere gut verstaut in den Sichtmäppchen. «Irgendwann werde ich den Punkt im Leben erreichen, an dem ich mich von all meinen Schätzen trennen muss». Bis dahin dauert es aber noch, denn die Hauptsaison der Orangen steht erst noch bevor. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.08.2017, 15:51 Uhr

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