Zürcher Obergericht

Gericht reduziert Strafe für vermeintlichen Stalker

Ein 37-Jähriger soll seiner Ex-Freundin nachgestellt haben. Die zweite Instanz spricht den Langnauer davon frei, verurteilt ihn aber zu einer Geldstrafe.

Ein 37-jähriger Vater musste sich vor dem Zürcher Obergericht verantworten. Der Vorwurf: Stalking.

Ein 37-jähriger Vater musste sich vor dem Zürcher Obergericht verantworten. Der Vorwurf: Stalking. Bild: Keystone

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Der Fall ist ungewöhnlich. Mit dieser Einleitung zur Urteilsbegründung liegt der vorsitzende Richter sicher nicht falsch. Ein Paar trennt sich kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes. Seither läuft vieles schlecht.

Der 37-Jährige ist überzeugt, dass seine frühere Freundin das Kind bewusst von ihm entfremdet. Gesehen hat er es seit mehreren Jahren nicht. Warum genau es mit den begleiteten Besuchen nicht klappt, ist für Aussenstehende schwierig zu verstehen.

Dreimal vor Gericht

Eigentlich müsste das Ganze familienrechtlich geklärt werden. Nun steht der Vater aber schon zum dritten Mal vor einem Strafgericht. Im Frühling wurde er am Bezirksgericht Horgen zu einer neunmonatigen, bedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Wenige Monate später wurde er in einem weiteren Verfahren wegen Drohung und Nötigung in Horgen freigesprochen.

Wegen der erneuten Vorwürfe musste er einen Monat in Untersuchungshaft verbringen, wo er laut seiner Verteidigerin komplett zusammengebrochen war. Gegen die Verurteilung in Horgen ist er vorgegangen, das Obergericht befasst sich jetzt damit.

Massive Vorwürfe

Die Vorwürfe sind zahlreich und können ausnahmslos alle auf den Streit um das gemeinsame Kind zurückgeführt werden. So hat der Beschuldigte mehrere Briefe an Behörden und die Polizei geschickt, in denen die Rede davon ist, dass das Kind missbraucht und misshandelt werde oder massive Gewalt durch die Kindsmutter gegen das Kind und ihn ausgeübt werde.

Sieben Mal alarmierte der Langnauer auch die Notrufzentrale der Kantonspolizei. Wieder sprach er von Misshandlung und Missbrauch. Angeblich soll er auch während eineinhalb Jahren immer wieder die Ex-Freundin abgepasst haben, selbst als schon ein Rayonverbot ausgesprochen worden war. Rund 20-mal im Monat soll es zu unerwünschten Begegnungen gekommen sein, sagt die Staatsanwaltschaft.

Länger krank geschrieben

Selber will sich der 37-Jährige nicht zu den Vorwürfen äussern. Seit mehreren Jahren ist er jetzt schon krank geschrieben und lebt von der Sozialhilfe. Die Situation setzt ihm offenbar stark zu. Seine Verteidigerin hält fest, dass er der Schweizer nie behauptet habe, sein Sohn werde verletzt. Er habe Ausdrücke wie Misshandlung stets in einem psychischen Sinn gemeint. Es sei die Entfremdung von seinem Sohn, die er so erlebe. Die Behörden wüssten das.

Alarm geschlagen habe er, weil er wirklich nicht gewusst habe, wie es seinem Sohn gehe. Schliesslich habe die Mutter des Kindes jegliche Information verweigert. Er habe also nicht wider besseren Wissens etwas behauptet, er habe es schlicht nicht gewusst.

Die häufigen unerwünschten Treffen wiederum übertreibe die Ex-Freundin. In einem Stalking-Tagebuch habe sie nur wenige Fälle pro Monat eingetragen, mit wenigen Details. Viele Treffen könnten auch zufällig gewesen sein, weil sie an einem Ort wohnt, wo sein sozialer Mittelpunkt ist. Die Verteidigerin verlangt einen Freispruch.

Zu grosser Widerspruch

Das Obergericht reduziert die Strafe nach einem Teil-Freispruch. Die Richter geben der Verteidigerin bezüglich der Nötigung, also dem Nachstellen recht. Der Widerspruch zwischen der Behauptung der Ex-Freundin und dem Stalking-Tagebuch sei zu gross.

Die im Tagebuch aufgezählten Taten seien zu wenig, um den Tatbestand Nötigung zu erfüllen. Verurteilt wird der 37-Jährige zu einer Geldstrafe von 180 mal 30 Franken und einer Busse von 2000 Franken. Für die Geldstrafe gilt eine lange Probezeit von vier Jahren, weil die Richter die Gefahr sehen, dass der Beschuldigte sein Verhalten wiederholt.

Zivilisierten Umgang finden

Der vorsitzende Richter sagt, dass der Beschuldigte zumindest in Kauf genommen habe, dass die Mutter seines Kindes unverschuldet in ein Strafverfahren verwickelt wird. Er habe ein dramatisches Bild gezeichnet und nie präzisiert, dass es um die Entfremdung gehe und nicht um physische Misshandlung.

Dem Beschuldigten legt der Richter ans Herz, einen zivilisierten Umgang mit der Situation zu finden – auch zu seinem Besten. Die schwierige Situation möge der Hintergrund für sein Verhalten sein, eine Rechtfertigung sei das aber nie und nimmer.

Erstellt: 27.01.2020, 17:22 Uhr

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