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«Noch vor 20 Jahren wäre niemand mitten in der Nacht durch den Wald gejoggt»

Ulrich von Rickenbach ist Jagdaufseher und Pächter im Jagdrevier Adliswil sowie Wildhüter im Revier Kilchberg und Rüschlikon. Dass er auf seinen Streifzügen mitten in der Nacht auf Wanderer und Jogger trifft, wundert ihn schon längst nicht mehr. Doch die Auswirkungen auf das Wild sind massiv.

«Bei Wildunfällen muss das Tier so schnell als möglich von seinen Schmerzen befreit werden», Jagdaufseher im Revier Adliswil, Ulrich von Rickenbach.
«Bei Wildunfällen muss das Tier so schnell als möglich von seinen Schmerzen befreit werden», Jagdaufseher im Revier Adliswil, Ulrich von Rickenbach.
Sabine Rock

Der Aufwand für die Jäger wird durch die Freizeitnutzer des Waldes immer grösser. Wie äussert sich das in der täglichen Jagdarbeit?Ulrich von Rickenbach:Hündeler, Gleitschirmflieger und Sportler drängen das Wild immer mehr in den Wald zurück. Haben vor 30 Jahren beispielsweise fünf bis zehn Rehe tagsüber auf einer Wiese geäst, so konnte ein Jäger vom Waldrand aus ein geschwächtes oder krankes Tier in der Gruppe leicht identifizieren und dann auch abschiessen. Heutzutage halten sich die Tiere mehrheitlich nur noch im schützenden Wald auf. Mittlerweile sind wir Jäger in erster Linie zur Waldjagd gezwungen. Das ist viel aufwändiger und vor allem zeitintensiv.

Der Kanton hat mit der Reduktion der Pachtzinsen für die Jagdreviere auf den Mehraufwand der Jäger reagiert. Wie gross ist dieser im Vergleich vor 20 Jahren?Er ist viel grösser als noch vor 20 Jahren. Durch die Beunruhigung der Tiere und deren Rückzug in den Wald, hat sich der Aufwand eines Jägers mindestens verdoppelt. Die Freizeitsportler sind heutzutage 24 Stunden am Tag im Wald unterwegs.

Aber irgendwann werden die Bewohner im Bezirk Horgen auch mal schlafen.Das sollte man meinen. Es ist jeddoch so, dass ich auf der Buchenegg oder auch auf dem Felseneggweg mitten in der Nacht, also zum Beispiel morgens um drei, regelmässig auf Jogger und Wanderer treffe. Zudem rennen die oft kreuz und quer durch den Wald. Verändert hat sich dieses Freizeitverhalten vor allem mit dem Aufkommen dieser LED-Stirnlampen mit einer enormen Batterieleistung. Noch vor 20 Jahren wäre es niemandem in den Sinn gekommen, mitten in der Nacht durch den Wald zu rennen. Früher gab es höchstens Militärtaschenlampen als Beleuchtungsmittel. Die waren aber nach einer Stunde leer.

Gibt es weitere Faktoren, die als moderne Zeiterscheinung das Wild beunruhigen?Ja. Ein grosses Ärgernis ist beispielsweise die Situation im Rüeschliker Chopfholz. Dorthin werden sehr viele Hunde von ihren Besitzern mit ihren Autos «spazieren gefahren». Die Hundehalter laden die Tiere aus ihren Autos aus und lassen dann ihre Tiere frei herumrennen. Ein Hund abseits des Waldweges stört das Wild massiv. Von jagenden Hunden ganz zu schweigen. So werden die Rehe aufgescheucht, queren Strassen und werden in der Folge oft von Autos angefahren. Dann muss ich als Jäger ausrücken.

Die Jagd an sich gehört nicht zwangsläufig zu den Hauptaufgaben eines Jägers, sie sind stets auf Abruf. Wie oft müssen Sie ausrücken, eben beispielsweise zu einem verletzten Tier?Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Tage, da werde ich vier- bis fünfmal aufgeboten – und es gibt Tage, an denen passiert überhaupt nichts. Aber tatsächlich macht die Jagd an sich lediglich rund fünf Prozent der Aufgaben eines Jägers aus. Nebst dem Ausrücken zu Wildunfällen, bei denen das Tier so schnell als möglich von seinen Schmerzen befreit werden muss, kommt ein Jäger in vielen weiteren Bereichen zum Einsatz. Zum Beispiel, wenn sich ein Marder im Dach eines Hausbesitzers eingenistet hat, oder auch bei verwilderten Haustauben, die geschossen werden müssen. Ich rücke aber auch aus, wenn sich ein Fuchs auf einem Hühnerhof oder in einem Garten tummelt.

Füchse sind heutzutage sehr oft in besiedelten Gebieten anzutreffen. War das schon immer so?Keinesfalls. Noch vor 20 Jahren gab es in Adliswil, Kilchberg oder Rüschlikon keinen einzigen Fuchs im Siedlungsgebiet. Heute halten sich in den drei Gemeinden mindestens hundert Füchse auf. Zum Vergleich: in der Stadt Zürich sind es gar über 1000. Füchse sind Kulturfolger. Durch die dichte Besiedlung der Zimmerbergregion finden die Tiere hier ein top Nahrungsangebot in den Dörfern und durch die vielen Häuser zudem eine gute Deckung.

Was unternehmen Sie als Jäger gegen dieses Problem?Viel können wir dagegen nicht unternehmen. Denn in einem Siedlungsgebiet einen Fuchs abzuschiessen, ist selbstverständlich zu riskant. Manchmal stellen wir Fallen auf. Doch meist tappen dann Hauskatzen rein. Die lasse ich logischerweise wieder frei. Trotzdem kann das für schlechte Stimmung bei den Katzenbesitzern sorgen. Die eigentliche Problematik bezüglich der Füchse fängt aber erst dieser Tage wieder an: Bald sind die Jungfüchse aktiv, werden oft überfahren oder verwaisen. Dann haben die Jäger wieder alle Hände voll zu tun.

In welche Richtung sollten die Nutzer des Waldes ihr Verhalten anpassen?Ich würde mir wünschen, dass alle, die grün denken, sich auch tatsächlich grün verhalten. Es würde schon helfen, wenn die vielen Freizeitsportler auf den Waldwegen bleiben.

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