Schädlinge

Neue Obstschädlinge sind im Anflug

Immer mehr Schädlinge sorgen für Ernteausfälle. Wie sie bekämpft werden können, ist zurzeit noch unklar. Hagen Thoss, Experte für Obstbau, spricht über die aktuelle Situation in der Landwirtschaft.

Obstbauexperte Hagen Thoss auf dem Areal vor dem Strickhof in Wülflingen. In der Hand hält er eine Falle, mit der Insekten angelockt werden.

Obstbauexperte Hagen Thoss auf dem Areal vor dem Strickhof in Wülflingen. In der Hand hält er eine Falle, mit der Insekten angelockt werden. Bild: Marc Dahinden

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Die Schäden durch die Kirschessigfliege und die Marmorierte Baumwanze in der Zürichsee-Region sind erheblich. Erst kürzlich hat diese Zeitung den Fall eines Landwirten aus der Au bekannt gemacht, der seine Birnenproduktion deswegen möglicherweise gar aufgeben muss. Die Situation scheint sich nicht zu beruhigen. Im Gegenteil: Immer mehr Schädlinge finden ihren Weg in die Schweiz. Tagtäglich damit konfrontiert ist Hagen Thoss. Er arbeitet als Obstbauexperte beim Strickhof – dem kantonalen Kompetenzzentrum für Bildung und Dienstleistungen in Land- und Ernährungswirtschaft. Bezüglich der Schädlingsproblematik steht er Landwirten im Kanton Zürich beratend zur Seite.

Hagen Thoss, welche zusätzlichen Schädlinge werden uns in Zukunft Probleme bereiten?
Ich kann Ihnen mindestens fünf weitere Hauptschädlinge aufzählen: Seit zwei bis drei Jahren ist die Mittelmeerfruchtfliege vor allem im Raum Wädenswil unterwegs, im Wallis greift die Bananenschildlaus Früchte an, der Japankäfer sorgt in Norditalien für erhebliche Schäden und ist nun bereits im Tessin zu finden, und dann gibt es noch die grüne Reiswanze und die Fleckenminiermotte, die vor der Tür stehen.

Wie können sich die Produzenten und Landwirte gegen die Schädlinge schützen?
Es gibt keine einfachen und schnellen Lösungen. Aktuell beschäftigt uns die Marmorierte Baumwanze intensiv. Schon seit zehn Jahren verursachte sie Schäden in Norditalien. Und seit fünf Jahren gibt es auch bei uns Schäden in Obst und Gemüsekulturen, aber man weiss noch immer nicht, wie man sie bekämpfen kann. Ein letzter Strohhalm, an den wir uns klammern, ist die Samuraiwespe. Sie ist einzig natürlicher Feind der Baumwanze, die aus Asien stammt. Doch wir wissen nicht, wie sich die Wespe in der Schweiz verhalten wird, wenn man sie aussetzt, was zurzeit nicht erlaubt ist.

«Wir müssen uns warm anziehen, wenn keine Lösungen gefunden werden.»

Weshalb ist es so schwierig, eine Lösung gegen die Marmorierte Baumwanze zu finden?
Die Marmorierten Baumwanzen fühlen sich hier mittlerweile sehr wohl. Die Winter sind mild und sie können somit gut überleben. Die Baumwanzen bilden in einem heissen Sommer wie 2018 nicht mehr nur eine, sondern sogar zwei Generationen aus. Zusätzlich sind sie zäh und können lange Zeit ohne Wasser und Nahrung überleben. Ebenfalls entscheidend: Ein einzelnes Tier wird bis zu 15 Monate alt – ein hohes Alter für ein Insekt. Dadurch wird die Population immer grösser.

Kann man nicht einfach Netze verwenden?
Netze nützen nur bedingt, zum einen weil die Wanzen einfach auf das Netz fliegen und durch die Spalten zwischen den einzelnen Netzen hindurchkriechen. Zum anderen kann man Hochstamm-Bäume nicht einnetzen.

Bei den Kirschessigfliegen scheinen die Netze jedoch zu helfen?
Das ist so. Die Kirschessigfliegen sind sehr speziell in ihrem Verhalten. Wir verstehen ihr Flugverhalten noch immer nicht. Denn bei ihnen genügt ein seitliches Netz, das die Anlagen schützt. Sie könnten die Anlage von oben befallen, doch das machen sie nicht. Obwohl wir wissen, dass Kirschessigfliegen sehr hoch fliegen können.

Das Problem mit den Kirschessigfliegen ist also gelöst?
Es ist ein Kompromiss. Zum einen werden die Anlagen eingenetzt. Zum anderen werden die Früchte etwas früher geerntet. Überreife Früchte werden, wenn möglich, aus der Anlage entfernt, um den Entwicklungszyklus der Kirschessigfliege zu unterbrechen.

Wieso wird nicht einfach Spritzmittel gegen die Insekten verwendet?
Dank einer Notzulassung vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) kann man in der Schweiz im Bioanbau oder in der Integrierten Produktion Pflanzenschutzmitteln gegen Kirschessigfliegen einsetzen. Um die Nützlinge in den Obstanlagen zu schützen, versuchen Produzenten den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gegen Insekten aber wenn immer möglich zu vermeiden. Auch um keine Rückstände auf den Früchten zu haben.

Machen den Bauern der Region das Leben schwer: Die Kirschessigfliege (unten) und die marmorierte Baumwanze. Bild: Keystone.

Nochmals zu den Marmorierten Baumwanzen. Wie will die Forschung gegen die Schädlinge vorgehen?
Das Problem ist: Die Forschung kann nicht so schnell reagieren, es fehlt das Geld und das nötige Personal. Vertreter der Produktion, Beratung und Forschung, kommen aber einmal pro Jahr zusammen und setzten jeweils die Prioritäten fest. In diesem Jahr war das Thema der Marmorierten Baumwanze hoch gewichtet. Im Dezember findet am Strickhof eine entsprechende Fachtagung statt, mit Spezialisten aus dem In-und Ausland. Ebenfalls versucht die Fachstelle Obst vom Strickhof, die Produzenten im Kanton Zürich durch Beratung und eigene Versuche zu unterstützen.

Wie sehen diese Versuche aus?
Mögliche Bekämpfungsansätze bestehen aus einer Kombination von verschiedenen Massnahmen. Diese sind zum Beispiel die komplette Einnetzung von Obstanlagen mit engmaschigen Netzen oder die Verwendung von Lockstoffen, mit welchen die Wanzen angezogen werden. Im Versuch werden zusätzlich gezielte Pflanzenschutzmittel-Einsätze getestet. Dies ist aber nur dank einer Sonderbewilligung zu Versuchszwecken möglich, denn die Verwendung von Insektiziden gegen die Marmorierte Baumwanze ist in der Schweiz – im Gegensatz zum Ausland – bisher nicht erlaubt

Die Wanzen werden von Ihnen angelockt – funktioniert das?
Versuche mit Lockstoffen im Jahr 2018 haben bereits gezeigt, dass diese sehr gut funktionieren. Es handelt sich dabei um Stoffe, die die Wanzen aussenden, um sich untereinander zu finden. Doch im Umkreis um die Fallen verursachen die Wanzen erhebliche Schäden an den Früchten. Ein bisher nicht gelöstes Problem besteht darin, die durch die Lockstoffe angelockten Wanzen loszuwerden. Genau diese Frage gilt es noch zu lösen, um grosse Schäden auf den Produktionsbetrieben künftig verhindern zu können.

Wieso kann man nicht Daten und Lösungen von anderen Ländern übernehmen?
Sehr oft sind die Schädlinge in ihren Herkunftsländern gar kein Problem. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen haben sie natürliche Feinde und zum anderen ist eine andere Vegetation vorzufinden. Die Kirschessigfliege beispielsweise ist in der Schweiz im Paradies angekommen. Weil wir noch wenige Monokulturen haben, ist fast den ganzen Sommer über etwas reif und es ist ihr hier auch nicht zu heiss. Die Marmorierte Baumwanze hat hier keine Feinde und das Klima passt ihr durch die Klimaveränderung mittlerweile auch.

Wie sehen Sie die Situation in einigen Jahren?
Nach dem Motto «Die Hoffnung stirbt zuletzt» zählen wir darauf, dass sich ein natürliches Gleichgewicht einstellen wird und sich ein Gegenspieler findet. Dies kann aber zehn oder mehr Jahre dauern. Aber ich sehe es im eigenen Garten: Bevor die Kirschessigfliege und die Baumwanze hier waren, konnte man ohne Probleme im Garten anbauen. Heute wird es für Produzenten bereits existenzbedrohend. Wir müssen uns warm anziehen, wenn keine Lösungen gefunden werden.

Was heisst das konkret?
Die Landwirtschaft muss sich an die neue Situation anpassen. Es braucht wohl auch im Kernobstbau Anlagen, die vollständig mit Netzen geschützt sein müssen. Vielleicht werden wir aber auch mit den Lockstoffen weiter sein oder die Samuraiwespe breitet sich schneller aus als erwartet und dezimiert die Population der Marmorierten Baumwanze. Oder wir finden andere Gegenspieler der Wanzen wie Parasiten. Es wird mit mit jedem neuen Schädling aus dem Ausland jedoch immer schwieriger, das steht ausser Frage. Erschwerend kommt hinzu, dass gewisse Produzenten schon seit einigen Jahren betroffen sind und massive Schäden zu beklagen haben, dies aber nicht wussten und glaubten es handle sich um eine Krankheit wie beispielsweise Bormangel.

Was kann der Strickhof gegen solche Fehlannahmen tun?
Wir organisieren Veranstaltungen zum Thema und versenden einen Newsletter per Email. Auch im «Zürcher Bauer» haben wir jeweils eine Seite für Artikel zur Verfügung. Und die Landwirte werden von uns darauf hingewiesen, sich direkt beim Strickhof zu melden, falls sie Schädlinge oder neue Schadsymptome entdecken.





Erstellt: 06.11.2019, 17:03 Uhr

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