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Neue Einblicke in das Gestern des Sanatoriums Kilchberg

Zu seinem 150-Jahre-Jubiläum hat sich das Sanatorium Kilchberg eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte geschenkt. «Ohne Gestern ist morgen kein Heute» führt durch die Orts- und Psychiatriegeschichte.

Michael Lennackers (Autor), Walter Bosshard (Verwaltungspräsident des Sanatorium), Dr. med. René Bridler (ärztlicher Direktor des Sanatoriums), Tobias Ballweg (leitender Psychologe) und Peter Hösly (Geschäftsführer) mit aufgeschlagenem Buch
Michael Lennackers (Autor), Walter Bosshard (Verwaltungspräsident des Sanatorium), Dr. med. René Bridler (ärztlicher Direktor des Sanatoriums), Tobias Ballweg (leitender Psychologe) und Peter Hösly (Geschäftsführer) mit aufgeschlagenem Buch
David Baer

Das Sanatorium Kilchberg war in den 150 Jahren seines Bestehens nicht nur eine abgeschottete Insel zur Pflege geplagter Seelen, in ihm spiegeln sich auch die Zeiten wider. Seine Geschichte beginnt 1867 als christliche Heilanstalt für Geisteskranke, in der die Patienten mit Bibelstunden, Andachten, Handauflegen und Wasserkuren behandelt wurden. Dass bedeutende Geister hier einen schützenden Zufluchtsort fanden, zeigt der Jubiläumsband des Sanatorium, umfassend auf. Während des Ersten Weltkriegs gewährte es Dadaisten wie Hans Arp Zuflucht, im Zweiten Weltkrieg waren es es jüdische Emigranten.

Tobias Ballweg, leitender Psychologe und Spiritus rector des Buchprojekts, betonte an der Buchvernissage vom Donnerstag, dass er und seine Mitautoren «grosse inhaltliche Freiheit» gehabt und das Eintauchen ins Gestern ihm und den Mitautoren grosse Freude bereitet hätte.

Ein kleines Monte Verità

Umfassend beschrieben und gewürdigt wird die Tätigkeit der Brüder Hans und Emil Huber, welche das Sanatorium von 1913 bis 1947 führten. Die vielseitigen Brüder waren auch literarisch aktiv. Nach 1918 engagierte sich Emil Huber im Verlag Conzett und Huber. Hans Huber ermöglichte, dass das Sanatorium zu einem kleinen Monte Verità wurde. Hans Richter, ein Dada-Künstler der ersten Stunde, schrieb über Klinikdirektor Huber: «Er war unser Freund und betrachtete uns trotz der täglichen öffentlichen Verrückterklärung keineswegs als Patienten.»

Für einige Dadaisten hatte der Aufenthalt im Sanatorium noch einen anderen Grund: Sie wollten sich während des Krieges einem Fronteinsatz entziehen. Hierfür stellte Hans Huber ihnen ein ärztliches Zeugnis aus.

«Trotz der öffentlichen Verrückterklärungen betrachtete Klinikdirektor Huber uns Künstler als Freunde, nicht als Patienten.»

Hans Richter, Dada-Künstler der ersten Stunde

Tobias Ballweg beschrieb an der Buchpräsentation die Arbeit am Kapitel Albert Ehrenstein (1886 bis 1950), einem der bedeutendsten expressionistischen Schriftsteller seiner Zeit. Es habe drei Anläufe an die Gesundheitsdirektion gebraucht, bis die Genehmigung zum Einblick in Ehrensteins Krankenakte erteilt worden sei. Während seines viermonatigen Aufenthalts im Sommer 1917 in Kilchberg kann Ehrenstein immerhin einen Gedichtband fertigstellen. Das ärztliche Zeugnis – Diagnose Hebephrenie – verschont ihn vor der militärischen Musterung.

Rückzugsort war das Sanatorium auch für die Schauspielerin Elisabeth Bergner, Paul Lasker – den Sohn von Else Lasker-Schüler – und Mia Hesse, die Frau von Hermann Hesse.

Erster Kilchberger Schwinget

Für die Ortsgeschichte Kilchbergs bedeutend ist ein weiteres Engagement von Hans Huber. Die Brüder Huber hatten nicht nur einen engen Bezug zu Künstlern. Sie besuchten auch gerne Schwingfeste. Als Emil Hubers Favorit Fritz Hagmann nicht mit einem Sieg am Edgenössischen belohnt wurde, veranstaltete er 1927 den Kilchberger Schwinget auf dem Areal des Sanatoriums, später dann im Stockengut, das von 1928 bis 1947 auch zur Klinik gehörte und heute im Besitz der Gemeinde Kilchberg ist.

Als grossartiges Zeitdokument bezeichnete Walter Bosshard, Verwaltungsratspräsident des Sanatoriums, das Jubiläumsbuch. Er sagte, das Bekenntnis der Familie Schneider zum Sanatorium, das seit 1947 in ihrem Besitz ist, sei keine Selbstverständlichkeit. Ihn freue das Committment zur Klinik, sagte er an die Vertreter der Familie gewandt, die ebenfalls zur Buchvernissage geladen waren.

Das Gestern des Sanatoriums bildet den Schwerpunkt der Publikation. Seit 1991 hat die Klinik den kantonalen Leistungsauftrag für die psychiatrische Versorgung der Bezirke Horgen und Affoltern sowie den Kreis 2 erhalten. Vom Heute und den heutigen Patienten, wie der Titel des Bands hoffen lässt, ist wenig zu erfahren. «Zur Anzahl der Betten und Ähnliches wollten wir uns bewusst kurz fassen», erklärte Tobias Ballweg. Die Zukunft beleuchtet ein Interview mit dem ärztlichen Direktor René Bridler und seiner Stellvertreterin Katja Cattapan, die sich Gedanken über internetbasierte Therapien und den Stellenwert der Neurowissenschaften machen.

Eine Kurzversion des Buches findet sich im diesjährigen Neujahrsblatt der Gemeinde Kilchberg . Das Sanatorium wird da von Gemeindepräsident Martin Berger (parteilos), der auch an der Buchvernissage anwesend war, als unverzichtbare Institution für die Gemeinde Kilchberg gewürdigt.

«Ohne Gestern ist morgen kein Heute», herausgegeben von Tobias Ballweg, Peter Hösly, René Bridler, Walter Bosshard. Verlag Orell Füssli, ISBN 978-3-280-05619-6, zirka 150 Seiten, 47.90 Franken.

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