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Nach 60 Jahren kommt die Seeschlange wieder ins Trockene

Auf dem Zürichsee zwischen Thalwil und Herrliberg ist zurzeit eine schwimmende Arbeitsplattform zu sehen. Sie beseitigt ein Kapitel Elektrizitätsgeschichte.

Bei garstigem Wetter wird derzeit auf der Plattform vor dem linken Zürichsee-Ufer gearbeitet.

In der Ferne blinkt die Sturm­vorwarnung, der See ist wellig, und über der Wasseroberfläche ist es eiskalt. Die vier Männer, die auf dem 40 Meter langen Ponton vor Thal­wil arbeiten, würden vielleicht lieber in der warmen Stube sitzen. Aber ihre schwimmende Arbeitsplattform legt bald ab, um ein Stück Geschichte der Elektrizitätswirtschaft ein­zu­­rollen. Mithilfe eines Rades, das auf dem Ponton befestigt ist, wird das erste von zwei ausgedienten Hochspannungskabeln der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) eingezogen.

Diese waren 1954 zwischen Thalwil und Herrliberg verlegt worden und verbanden bis 2009 die Unterwerke der beiden Gemeinden miteinander. 2700 Meter lang verlaufen die beiden ­Kabel über den Grund – wie zwei riesige, träge Seeschlangen, die sich die letzten sechs Jahrzehnte lediglich im sanften Takt der Strömung bewegten.

Schon 2017 musste die EKZ ein Hochspannungskabel aus dem See bergen.
Schon 2017 musste die EKZ ein Hochspannungskabel aus dem See bergen.
Manuela Matt
Das Kabel wog damals satte 81 Tonnen und...
Das Kabel wog damals satte 81 Tonnen und...
Manuela Matt
Das Relikt der Elektrizitätsgeschichte wurde dann zerschnitten und schliesslich fachgerecht entsorgt.
Das Relikt der Elektrizitätsgeschichte wurde dann zerschnitten und schliesslich fachgerecht entsorgt.
Manuela Matt
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Material wird recycelt

Zwei Tage benötigt die mit den Arbei­ten beauftragte Wasser­bau­firma Willy Stäubli AG aus Hor­gen, um eine der rund 40 Tonnen schweren Leitungen zu bergen. Alle sechs Meter wird ein Stück abgeschnitten und in einer Mulde deponiert. «Dadurch gelangt das Öl in den Kabeln nicht ins Wasser, wenn es auslaufen sollte», sagt Bauingenieur und Geschäfts­führer Norbert Schlauri.

Das Öl im Kabel diente der Isolation. Es ist auch ein Grund, weshalb die nicht mehr benötigten Leitungen geborgen werden: Sollten sie mit der Zeit kaputtgehen, würde das Öl in den See fliessen und das Wasser verschmutzen. Die Kabel wurden deshalb schon vor einigen Jahren vorsichts­hal­ber ausgespült. In ihnen befinden sich aber schätzungsweise noch immer 1200 Liter Altöl.

Ist das erste Kabel eingeholt, bringt der Ponton die Fracht zum Werkplatz in Tiefenbrunnen, ­damit das Material recycelt werden kann. Beispielsweise werden Kupfer und Blei wiederverwertet. Danach geht es zurück nach Thalwil, um das zweite Kabel zu bergen. Es liegt etwa 100 Meter parallel zum ersten und wurde verlegt, weil die Stromversorgung auch im Störfall funktionieren sollte.

Einsame Muschel am Ufer

Mit dem zweiten Kabel geht die Arbeit wieder von vorne los. Stück für Stück wird die Leitung aus dem Seeboden gezogen. Sie liegt bis zu 135 Meter tief und unter einer gut 20 Zentimeter dicken Sedimentschicht. Eine Putz­vorrichtung 20 Meter unterhalb der Arbeitsplattform reinigt das Kabel vom Dreck. Für den Fall, dass es unter Wasser ein Problem gibt, ist ein Taucher vor Ort.

Mit diesem möchte man die Arbeit bei diesem Wetter nicht tauschen. Dass die Bergung gerade jetzt stattfindet, hat allerdings einen Grund: Um die Unterwasserflora nicht allzu stark zu beeinträchtigen, wurde der Termin für die Arbeiten auf die vegetationsarme Zeit gelegt. Die Fachleute haben auch die Fauna berücksichtigt: Taucher suchten im Herbst die Uferbereiche nach seltenen Muscheln ab, die es ins­besondere auf Thalwiler Seite ­geben soll. Gefunden und versetzt wurde dabei: eine einzige Teichmuschel.

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