Im Gespräch

«Mit Wutbürgern habe ich Mitleid»

Die reformierte Kilchberger Pfarrerin Sibylle Forrer kämpft in den sozialen Medien unter anderem für Gleichberechtigung und eine Ehe für alle. Für ihr Engagement erhielt sie den «PrixNetzCourage» – aber auch heftige Beleidigungen.

Die Kilchberger Pfarrerin Sibylle Forrer sieht sich in den sozialen Medien immer wieder Hasskommentaren ausgesetzt.

Die Kilchberger Pfarrerin Sibylle Forrer sieht sich in den sozialen Medien immer wieder Hasskommentaren ausgesetzt. Bild: Manuela Matt

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In den letzten vier Jahren haben sie über 3400 Nachrichten auf Twitter in die Welt gesetzt. Wie viel Zeit verbringen Sie in den sozialen Medien?
Weniger als man denken könnte. Ich mache es mehr nebenbei, wenn ich zum Beispiel im öffentlichen Verkehr unterwegs bin.

Sie haben eine Aussage von Gottfried Locher, dem Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, kritisiert. Dafür ernteten Sie in den sozialen Medien teilweise massiven Gegenwind. Dort erhalten sie auch Kritik, wenn Sie sich für eine Ehe für alle einsetzen. Wie erleben Sie die Diskussionskultur im Internet?
Grundsätzlich schätze ich die niederschwellige Art der Kommunikation in den sozialen Medien sehr. In den meisten Fällen ist sie fair, auch wenn sie kontrovers ist. Wenn mich aber jemand auf das Übelste beschimpft, ist das der Diskussionskultur sicher nicht förderlich.

Wie reagieren Sie auf solche Beschimpfungen?
Gerade bei Twitter reagiere ich oft nicht. Grundsätzlich freuen sich die Verfasser der Hasskommentare, wenn sie eine Reaktion erhalten. Am schlimmsten ist es für sie, wenn die Beleidigung einfach verhallt. Ich bin zum Glück mit viel Humor ausgestattet. Wenn mir jemand sagt, dass meinetwegen die Scheiterhaufen wieder eingeführt werden sollen, finde ich das eher amüsant.

Lustig ist es nicht.
Nein, wirklich lustig ist es natürlich nicht. Beleidigende Äusserungen können strafbar sein und müssen dementsprechend geahndet werden. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, das müssen die Verfasser solcher Kommentare merken.

Haben Sie schon mal jemanden angezeigt?
Bisher habe ich es noch nicht für nötig befunden, da keine der Beleidigungen eine massive Persönlichkeitsverletzung oder direkte Drohung enthielt. Die schlimmste Nachricht erhielt ich in einem anonymen Brief. Da habe ich mir überlegt, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten, es dann aber bleiben lassen.

Sie sagen, das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Verurteilungen sind heute aber eher selten.
Die Möglichkeiten, Hasskommentare strafrechtlich zu verfolgen, sind auf gutem Weg. Es sind aber auch Organisationen wie Netzcourage nötig, die Hilfe anbieten. Dank der Pionierleistung von Netzcourage könnte die nötige Beobachtung und Fahndung strafrechtlich relevanter Kommentare im Netz in ein paar Jahren institutionalisiert sein.

«Was im virtuellen Raum passiert, hinterlässt reale Spuren.»

Netzcourage ist ein Verein, der sich gegen Hassrede, Diskriminierung und Rassismus im Internet einsetzt. Letztes Jahr hat er zum ersten mal den «PrixNetzCourage» verliehen, den Sie gewonnen haben. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Der Preis bedeutet mir sehr viel und ehrt mich auch. Die Arbeit von Netzcourage ist sehr wichtig. Das Ziel des Vereins ist es nicht, so viele Leute wie möglich anzuzeigen, sondern vor allem eine Versöhnung und einen Vergleich zu erzielen. Die Täter sollen sich in einer realen Begegnung mit ihren Opfern für ihr Verhalten verantworten, ohne sich feige hinter dem Bildschirm verstecken zu können.

Erreicht Netzcouarge wirklich die richtigen Leute und kann zu einer Veränderung des Verhaltens führen?
Für Wutbürger ist Netzcourage ein rotes Tuch. Die Leute, die Hass im Netz verbreiten, müssen erkennen, dass ihre Kommentare unmittelbare Konsequenzen haben. Cybermobbing vor allem unter Jugendlichen kann bis hin zu Suizid führen. Was im virtuellen Raum passiert, hinterlässt reale Spuren. Darum muss das, was dort passiert, auch reale Konsequenzen haben.

Welche Themen rufen besonders viele Hasskommentare hervor?
Spitzenreiter ist klar das Thema Feminismus. Viele abschätzige Kommentare habe ich auch beim Thema Lohngleichheit erhalten. Als Reaktion auf einen Beitrag über mein Eintreten für die «Ehe für alle» hat mir jemand wöchentlich per Post Bilder mit Darstellungen von der Hölle geschickt. Oft muss ich auch hören, dass ich mich als Pfarrerin aus der Politik raushalten soll.

Auf Twitter schrieben Sie einst, «Glaube ist politisch». Gibt es da trotzdem eine Rollenteilung zwischen politisch engagierter Bürgerin und reformierter Pfarrerin in Kilchberg?
Grundsätzlich darf ich mich als Bürgerin zu allem äussern. Wenn ich aber auf der Kanzel predige, darf ich keine Parteipolitik betreiben. Das wäre Missbrauch meines Amtes. Wenn ich aber beispielsweise energiepolitische Themen mit dem Gebot der Bewahrung der Schöpfung in Übereinstimmung bringe oder mit dem Evangelium argumentiere, dass Inklusion ein christliches Grundanliegen ist, dann ist das theologisch begründet. Als Kirche haben wir die Aufgabe, auf der Seite der Schwachen zu stehen. Das hat immer einen politischen Anspruch

Wer steckt hinter den Hasskommentaren?
Man muss zwischen zwei Personengruppen unterscheiden. Einerseits ist es eine Gruppe aus wenigen Wutbürgern, die ist laut und massiv. Wer dermassen in die unterste Schublade greifen muss, braucht wohl ein Ventil, um den Lebensfrust abzureagieren. Solche Leute wurden in ihrer Biografie wohl irgendwann verletzt und fühlen sich vom Leben und der Welt verraten. Ich habe eigentlich Mitleid mit ihnen.

«Die Freude am Schlagabtausch unter der Gürtellinie nimmt zu.»

Und wer ist die andere Gruppe?
Jene, welche Wutbürger für ihre Zwecke instrumentalisieren. Zum Beispiel Politiker, die mit ihren Beiträgen Kommentare von Wutbürgern bewusst provozieren und für sich nutzen. Wer die Hasskultur im Internet ganz gezielt befeuert, anstatt eine vertiefte politische Diskussion zu führen, ist als Politiker nicht wählbar. Bei dieser Gruppe muss man ansetzen.

Wie?
Indem man die Beiträge festhält und der Öffentlichkeit aufzeigt: Das ist ein gewählter Politiker, der solche Kommentare zulässt. Überlegt euch gut, ob ihr den wieder wählen wollt und ob so jemand in einem politischen Amt überhaupt tragbar ist.

Wird die Hasskultur im Internet künftig zunehmen?
Die Kultur, die den Ausgleich sucht, geht mehr und mehr verloren. Es gibt immer mehr extreme Positionen, und die Freude am Schlagabtausch unter der Gürtellinie nimmt zu. Ich würde mir eine im besten Sinne kontroverse Diskussion wünschen. Eine, die durchaus sehr kritisch, aber mit Respekt, Anstand und auch der nötigen Demut geführt wird.

Sie haben vor wenigen Monaten eine Tochter zur Welt gebracht. Was geben Sie ihr diesbezüglich mit auf den Weg?
Es ist meine Aufgabe als Mutter, aber auch jene der Schule und der Kirche, emphatische Menschen zu erziehen. Da ist die Bildungspolitik gefragt. Man muss Kindern nicht nur beibringen, wie man programmiert, sondern auch wie man diskutiert. Da sehe ich dringenden Verbesserungsbedarf.

Erstellt: 03.03.2019, 14:45 Uhr

Sibylle Forrer

Sibylle Forrer ist Pfarrerin in der reformierten Kirche Kilchberg. Die 39-Jährige studierte Theologie und wuchs in Erlenbach auf. Bevor sie Pfarrerin in Kilchberg wurde, war sie von 2009 bis 2015 Pfarrerin in Oberrieden. Sie sprach während zwei Jahren das Wort zum Sonntag im Schweizer Fernsehen. Sie ist verheiratet und ist seit letztem Jahr Mutter einer Tochter. 2018 hat sie den ersten «PrixNetzCourage» erhalten. Der Verein lobte sie insbesondere dafür, dass sie «eine sexistische Aussage von Gottfried Locher, dem Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, öffentlich kritisierte.» Anschliessend musste sie hasserfülltem Gegenwind in den sozialen Medien standhalten. (hid)

NetzCourage

NetzCourage ist ein Verein, der sich gegen Hassreden, Diskriminierung und Rassismus im Internet stellt. Der Verein wurde 2016 von der ehemaligen Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin gegründet, die vor einigen Jahren selbst ins Visier von Kritikern geriet. Im letzten Jahr hat NetzCourage zum ersten Mal einen Preis verliehen. (red)

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