Thalwil

Mit Wohncoaching zurück zur Eigenständigkeit

Die Wohnchetti bietet Menschen Zuhause und Betreuung, wenn sie aus psychischen oder körperlichen Gründen nicht selbstständig wohnen können.

Hell und einladend wirken die Räume der Wohnchetti in Thalwil. Im geschützten Umfeld lernen die Bewohner, wie man eigenständig wohnt.

Hell und einladend wirken die Räume der Wohnchetti in Thalwil. Im geschützten Umfeld lernen die Bewohner, wie man eigenständig wohnt. Bild: Moritz Hager

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Alles ist neu im renovierten Obergeschoss an der Alpenstrasse 24. Die Küchen strahlend weiss und noch nicht eingeräumt, der Gemeinschaftsraum zeigt sich einladend und weihnachtlich geschmückt. Herr F., einer der Bewohner, gibt der ZSZ bereitwillig Auskunft. Seinen Namen will er allerdings nicht in der Zeitunglesen. «Diese Anonymität ist den Bewohnern wichtig», sagt Betriebsleiterin Vreni Eichenberger. Der 60-jährige F. lebt seit sechs Jahren in der Wohnchetti. Nun zügelt er nach oben, wo die Betreuung nicht so engmaschig ist wie in der Wohngruppe im Erdgeschoss.

Ankommen und genesen

Im Projekt Wohncoaching sollen die Bewohner für ein selbstständiges Leben geschult und motiviert werden. Gemeinsam bestreiten sie von Montag bis Freitag das Mittagessen. Im Übrigen können sie ihr Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten, aber dennoch an den Angeboten wie Kreativ-Atelier teilnehmen. Sollte es ihnen psychisch oder körperlich schlechter gehen, besteht die Möglichkeit, wieder die Rundumbetreuung des Erdgeschosses zu nutzen.

Bewohner F. ist handwerklich begabt, stellt künstlerische Objekte her und malt. Er hatte eine Werkstatt und bedauerte es sehr, als er sie verlor. «Nun habe ich in dem Zweizimmerstudio mehr Platz für meine künstlerischen Arbeiten», sagt er. «Das Leben in der Wohnchetti, das ist für mich ein Ruhepol, ich fühle mich da wieder sicher und geniesse die schöne Umgebung.» Vor kurzem sei er schwer krank gewesen. Nun wolle er ankommen und wieder gesund werden. Auch das gemeinsame Kochen mag er. «Kochen ist mein Hobby.» Wie sieht er seine Zukunft und ein Verlassen der Wohngruppe? «Wenn eine Chance besteht, will ich sie nutzen. Es ist mit meinem Lebenslauf schwierig, eine günstige Wohnung zu finden.»

«Wir bieten drei Wohnangebote an», sagt Gruppenleiterin Anita Vogel. «Eine engmaschige Betreuung an der Alpenstrasse, fortgeschrittenes Wohntraining im Freihof und neu das Wohncoaching, das ist austrittsorientiert.» Bisher habe die Erfahrung leider gezeigt, dass es für austrittswillige Bewohner kaum möglich sei, eine geeignete Wohnung zu finden. Dieser Umstand nehme den Menschen jegliche Perspektive und viele fühlten sich ohnmächtig.

In der Wohnchetti wolle man Hand bieten, damit die Bewohner in einem geschützten Umfeld das selbstständige Wohnen üben können, sagt Vogel. Vreni Eichenberger ergänzt: «Ziel wäre, innert drei Jahren mit unserer Hilfe eine Wohnung zu finden. Wir können dann einem Hausbesitzer sagen, wir kennen den Menschen, und Referenzen abgeben.» Einige wenige ehemalige Bewohner der Wohnchetti hätten es geschafft und lebten heute selbstständig in der Umgebung von Thalwil.

Struktur und Gemeinschaft

Das Leben in der Wohnchetti bietet eine Tagesstruktur sowie ein Leben in der Gemeinschaft. Es gibt regelmässige Haussitzungen, da werden eventuelle Konflikte besprochen sowie Aufgaben verteilt, beispielsweise das Putzen der Gemeinschaftsräume. Für die Ordnung in den Zimmern und Studios sind die Bewohner verantwortlich. Eine Hausordnung regelt das Zusammenleben, dazu zählt beispielsweise das Rauchverbot in den Zimmern. «Es ist ein familiärer Betrieb, der Zusammenhalt ist sehr stark», sagt Anita Vogel.

Rund ein Drittel der Bewohner arbeitet stundenweise auswärts, meist in einem betreuten Arbeitszentrum, ein weiteres Drittel ist pensioniert. Die Bewohner stammen nicht nur aus Thalwil, sondern viele aus dem Bezirk Horgen oder von noch weiter her. «Wir haben Anfragen von ausserhalb, weil es wenig derartige Plätze hat. Unser Modell hat wenig Auflagen, weil wir uns selbst finanzieren und keine Subventionen beziehen», sagt Präsidentin Hildegard Löhrer.

Das Team der Wohnchetti betreut Menschen mit psychischen wie auch suchtbedingten Beeinträchtigungen und teilweise komplexen Krankheitsbildern. Tendenziell sind es mehr Männer als Frauen. «Wir arbeiten eng mit Beiständen, Hausärzten und Psychiatern zusammen», sagt Vogel. Hilfreiche Unterstützung bietet der Einsatz von Freiwilligen. Sie begleiten bei Arztbesuchen, Spaziergängen, Ämtern oder Einkäufen, bringen durch gemeinsames Backen und Spielnachmittage Abwechslung in den Alltag der Wohngruppen. «Den zeitlichen Aufwand bestimmt der Freiwillige. Wer Interesse hat, möge sich melden», sagt Betriebsleiterin Vreni Eichenberger.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.12.2018, 14:59 Uhr

Drei Jahrzehnte betreutes Wohnen in Thalwil

Die Stiftung Wohnchetti gibt es bereits seit 1988. Sie arbeitet selbsttragend und erhält keine Subventionen.

Die Stiftung Wohnchetti ist eine private, gemeinnützige Stiftung, die von der Gemeinde Thalwil im Jahr 1988 gegründet wurde. Ihre Aufsichtsbehörde ist der Thalwiler Gemeinderat. Die Liegenschaften Alpenstrasse und Freihof sind im Besitz der Gemeinde Thalwil.
Die Wohnchetti startete 1988 mit einer Wohnung für zwei, später für vier ältere, alleinstehende Männer. 2005 konnte im Freihof eine weitere Wohnung mit sieben Zimmern dazugemietet werden. 2011 kam noch die Wohngemeinschaft an der Alpenstrasse dazu. Heute finden sich in der Wohngruppe Alpenstrasse im Erdgeschoss sechs Einzelzimmer und vier Ein-Zimmer-Studios plus ein Gemeinschaftsraum. Das Angebot Wohnbetreuung richtet sich an Menschen, die für ihre Stabilisierung über einen längeren Zeitraum Unterstützung suchen. Daneben besteht die Wohngruppe Freihof mit derzeit neun Bewohnern. Hier bietet man Wohntraining für eine selbstständigere Bewältigung des Alltags. Im Sommer 2018 konnte die Wohnchetti auch noch das Obergeschoss des Hauses an der Alpenstrasse übernehmen. Dieses war an Studenten vermietet, zuvor war da die Spitex Plus zu Hause. Hier werden seit Mitte Dezember drei Zwei-Zimmer-Studios, zwei Ein-Zimmer-Studios und ein Einzelzimmer sowie ein Gemeinschaftsraum genutzt. Diesen Bewohnern wird Wohncoaching angeboten.
Die Wohnchetti arbeitet selbsttragend, ohne Unterstützung durch Gemeinden und Kanton. Auch die Umbaukosten für das Obergeschoss (rund 180 000 Franken) finanzierte die Wohnchetti selbst. Die Kosten für Betreuung und Wohnen betragen zwischen 160 und 170 Franken pro Tag und werden durch die Bewohner, das heisst deren AHV/IV, Ergänzungs- oder Sozialleistungen, getragen. Spenden und Legate ermöglichen den Bewohnern Ausflüge oder Ferienaufenthalte. Derzeit sind alle Zimmer und Studios vermietet. Es besteht eine Warteliste. gs www.wohnchetti.ch

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