Thalwil

Mit Seewasser ein ganzes Dorfzentrum heizen

Die Gemeinde Thalwil möchte den klimapolitischen Zielen auch Taten folgen lassen und weite Teile des Dorfzentrums mit Seewasser heizen und kühlen. Das könnte funktionieren – vorausgesetzt, es finden sich genügend Interessenten.

Die Pumpstation, die dem See Wasser für den Energieverbund Zentrum entnähme, würde unter diesem Parkplatz erstellt.

Die Pumpstation, die dem See Wasser für den Energieverbund Zentrum entnähme, würde unter diesem Parkplatz erstellt. Bild: Manuela Matt

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Das energiepolitische Ziel der Gemeinde Thalwil ist klar: Der Anteil der erneuerbaren Energieträger am Gesamtwärmeverbrauch soll bis 2025 auf 25 Prozent, bis 2035 auf 45 Prozent gesteigert werden– 2014, als die Gemeinde ihren Energieplan entwickelt hat, lag er bei 9 Prozent. Ihrem Ziel kommt die Gemeinde vielleicht schon bald einen entscheidenden Schritt näher.

Denn wie die Gemeinde mitteilt, hat sich ein Schlüssel-Element auf dem Weg zu einer zukunftsgerichteten Energieversorgung während der Projektentwicklung als machbar und wirtschaftlich herausgestellt: der Energieverbund Zentrum. Dessen Ziel ist es, die Geschäfts- und Wohngebäude in einem Perimeter, der von der Seestrasse über die Gotthardstrasse bis zur Sonnenbergstrasse reicht, mit Wärme und Kälte aus dem Zürichsee zu versorgen. Seit 2017 hat die Gemeinde das Projekt mit der Zürcher Energiedienstleisterin Energie 360° – vormals Erdgas Zürich– vorangetrieben. Nun ist klar, wie es aussehen könnte.

90 Prozent der Energie erneuerbar

Aus dem See würde Seewasser gepumpt. Standort für die Pumpstation wäre der Parkplatz bei der Schiffstation. Die Anlage würde unterirdisch erstellt, so dass keine Parkplätze verloren gingen. Im Dorfzentrum– in der geplanten Überbauung des Centralplatzes– würde eine Energiezentrale errichtet. Von dort aus würden die Kunden aus zwei separaten Kreisläufen mit Wasser beliefert: mit 11 Grad warmem für die Kühlung, mit 72 Grad warmem für die Heizung und fürs Warmwasser. Aufgeheizt würde das Wassers mittels Wärmepumpen.

Bruno Hofer ist der Projektleiter von Energie 360°. Er spricht mit Begeisterung vom Projekt spricht: «Es ist eine einmalige Chance, die sich in Thalwil bietet. Wir haben den See in der Nähe, mit der Central-Überbauung haben wir einen zentralen Standort für die Wärmezentrale gefunden, und das Quartier, das wir beliefern würden, zeichnet sich durch eine hohe Dichte an potenziellen Abnehmern aus.»

Den ökologischen Deckungsgrad des Projekts bezeichnet Hofer mit 90 Prozent. Einzig für das Betreiben der beiden Wärmepumpen müsste die Betreiberin Strom von der EKZ einkaufen. Dem See würde übrigens die gleiche Menge Wasser wieder zugeführt, die ihm entzogen würde. Maximal 3 Grad wärmer wäre es laut Hofer.

«Es ist eine einmalige Chance, die sich in Thalwil bietet.»Bruno Hofer, Projektleiter Energie 360°.

Teurer zu stehen kommen sollte die Liegenschaftenbesitzer das Heizen über den Verbund nicht. Energie 360° stellt einen durchschnittlichen Wärmepreis von 15,5 Rappen pro Kilowattstunde in Aussicht. Ein kantonaler Preisvergleich aus der Westschweiz beziffert den Fernwärmepreis in einem grösseren Mehrfamilienhaus mit 15,96 bis 20,39 Rappen pro Kilowattstunde. Für eine Luft/Wärmepumpe mit 15,35 Rappen pro Kilowattstunde.

Die Betreiberin würde die Fernleitung bis in die Liegenschaften erstellen. Für den Anschluss an den Energieverbund können die Eigentümer bei der Gemeinde eine finanzielle Unterstützung beantragen: Fördermittel in der Höhe von 110 Franken pro Megawattstunde Jahresenergiebezug im Fall eines Altbaus, respektive 80 Franken pro Megawattstunde Jahresenergiebezug im Fall eines Neubaus. Joana Büchler, Kommunikationsbeauftragte der Gemeinde Thalwil, sagt, dass die Bandbreite von mehreren 1000 bis mehreren 10000 Franken reicht. «Damit kann ein substanzieller Teil der Anpassung der Heizungsanlage bezahlt werden.»

110 potenzielle Interessenten angeschrieben

Ob das Projekt realisiert wird, ist allerdings noch offen. Denn die Betreiberin würde Investitionen in der Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags tätigen. Damit es sich für sie rechnet, ist eine gewisse Anschlussdichte nötig. «Wir haben 110 potenzielle Interessenten angeschrieben», sagt Bruno Hofer, «60 haben bereits ihr Interesse angekündigt.» Wenn Verträge in dieser Grössenordnung, vor allem mit einigen grösseren Kunden wie Firmen, abgeschlossen werden könnten, sähe es gut aus. Der Entscheid über die Realisierung des Energieverbunds werde im Frühjahr fallen. Das Ziel wäre, eine erste Etappe des Verbunds ab Herbst 2022 mit Wärme zu beliefern.

Energie 360° hat erste Erfahrungen mit anderen Seewasser-Heizprojekten.Zum Beispiel in Meilen, wo ein Pumpwerk entsteht, welches die Guetsli- und Glacéfabrik Midor für die Kühlung ihrer Öfen braucht. Mit der Abwärme des Betriebs soll künftig ein ganzes Quartier beheizt werden.

Auch die Gemeinde Thalwil hat bereits Erfahrungen mit Wärmeverbünden: Die EKZ betreibt einen mit Nutzung der Abwärme aus der Abwasserreinigungsanlage (ARA). In Gattikon betreibt die EWZ einen mittels Holzschnitzelheizung.

Erstellt: 20.12.2019, 18:07 Uhr

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