Thalwil

Mit Schreiben auf die Krankheit antworten

Ruth Schweikert las am Samstagabend im Kulturraum Thalwil aus ihrem Buch «Tage wie Hunde». Wäre in dieser Stunde eine Stecknadel zu Boden gefallen, man hätte sie gehört.

Ruth Schweikert schreibt über ihren Krebs.

Ruth Schweikert schreibt über ihren Krebs. Bild: Archiv, PD

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Es ist ihr persönlichstes Buch. Ruth Schweikert, vielfach ausgezeichnete Schweizer Schriftstellerin, verarbeitet in «Tage wie Hunde» ihre Brustkrebserkrankung. Im Februar 2016 erhält sie die Diagnose, an einem besonders aggressiven Tumor erkrankt zu sein, und für die damals gut 50-Jährige ist sofort klar: Auf diese Krankheit will sie mit Schreiben antworten. Das sei wie ein Reflex gewesen, sagt die Schriftstellerin.

Während der fast ein Jahr dauernden Behandlung - Operation, Chemotherapien, Bestrahlungen - reicht die Kraft immerhin für Notizen. In den Monaten danach werden sie ausformuliert und zu einem Bericht verdichtet, der weder die Gattungsbezeichnung Roman trägt, noch ein Erfahrungsbericht aus dem Genre der Betroffenheitsliteratur sein will. Am Samstag las sie im Kulturraum Thalwil aus ihrem Buch «Tage wie Hunde».

Mit Perücke zur Frisur

Larmoyanz ist Schweikert, die 1994 mit dem Erzählband «Erdnüsse. Totschlagen» einen neuen, fulminant-verstörenden Ton in die Schweizer Literaturszene brachte, gänzlich fremd. Auch wenn ihr die Haare ausfallen. Plötzlich hätten Freundinnen ihr zu ihrer Frisur gratuliert, erzählt sie. «Vorher hatte ich nur Haare auf dem Kopf, durch die Perücke brachte ich es zu einer Frisur.» Die Aufzählung all der Superfood-Nahrungsmittel, die Ruth Schweikert zum Frühstück konsumiert, kommentiert sie mit der trockenen Bemerkung, dass sie sich an jedem einzelnen Tag beim Überlebenswunsch ertappe.

Auch vor heiklen Bekenntnissen hat Ruth Schweikert keine Scheu. Dass eine Frau mit Brustkrebs während der Behandlung vom Arzt - sie nennt ihn Doktor Schön - gerne auch mal als Frau und nicht immer nur als Patientin wahrgenommen würde, erzählt sie genauso ungeschminkt wie die Szene mit dem Postautochauffeur, der ihr an den Hintern fasst. Was sie angesichts ihrer Perücke und der zehn hinter ihr liegenden Chemotherapien einen Augenblick lang als gar nicht mal so schlimm empfindet.

Ein Abend gegen Jahrzehnte

Schweikert interessiert sich auch für die Frage, was die Krankheit mit ihrer Erinnerungsfähigkeit macht. Eindrücklich beschreibt sie, wie der Abend beim Lieblingsitaliener im Quartier kurz nach der Diagnose in ihrer Erinnerung eine singuläre, herausragende Bedeutung bekommt. Von den Dutzenden Besuchen in all den Jahrzehnten zuvor ist hingegen fast nichts mehr präsent.

Das Schlimmste am Krebs sei, so sagt Ruth Schweikert, dass er allen Raum einzunehmen drohe. Mit dem Buch habe sie versucht, einen Blick auf das Leben mit der Krankheit, aber auch auf die Welt ausserhalb zu werfen. Sie versuche damit etwas zu transportieren, das in anderen Menschen nachhallen könne. Dass ihr dies gelungen ist, zeigen die Reaktionen im Anschluss an die Lesung. Zahlreiche der anwesenden Frauen und Männer drücken ihre Dankbarkeit aus und zeigen sich berührt über die offenen Worte der Schriftstellerin, denen trotz der Schwere des Themas auch Leichtigkeit innewohne.

Doch die literarische Entäusserung hat ihren Preis. Vor kurzem sei ihr an einer Lesung im schwäbischen Todtnauberg gesagt worden, man sehe ihr die Krankheit an. Das habe sie tief getroffen, erzählt Schweikert. Unwillkürlich ertappt man sich dabei, wie einem der leicht gebückte Gang der Schriftstellerin beim Hereinkommen auffiel. Sie habe sich beim Skifahren einen Kreuzbandriss zugezogen, erklärt sie. Man spürt Erleichterung.

Erstellt: 12.01.2020, 16:31 Uhr

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