Thalwil

Mit Krawatte und steifem Hut verteilte er seine ersten Briefe

Georg Widmer geht in Thalwil nach 50 Jahren bei der Post in Pension. Auf dem Land und in der Stadt, als Briefträger und Paketbote, als Vorgesetzter und nah am Kunden hat er einiges erlebt.

Hat in seiner Karriere viele Änderungen erlebt: Georg Widmer, Pöstler in Thalwil.

Hat in seiner Karriere viele Änderungen erlebt: Georg Widmer, Pöstler in Thalwil.

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Etwas seltsam kommt er sich schon vor. «Wo geht es zur Post?», fragt er die Passanten. Und das, notabene, gekleidet in Krawatte und steifem Hut – der Uniform der Briefträger. «Das war ziemlich peinlich», sagt er, Georg Widmer, heute und lacht. Mitte der Siebzigerjahre ist es, als er sich in Zürich-Wollishofen verläuft und seinen Arbeitsplatz nicht mehr findet. Eben erst hat er da seine neue Stelle in der noch unbekannten Stadt angetreten. «Man hat mich einfach mit dem Posthandkarren ins nächste Tram gesetzt», erinnert er sich. «Dann musste ich selber schauen.»

Doch er lebt sich «rassig» ein. Nach zwei Tagen findet er die Strassen und Häuser ohne Hilfe. Bald kennt er sich in der Stadt fast so gut aus wie in der 800-Seelen-Gemeinde Gähwil SG. Dort ist er aufgewachsen; dort beginnt er seine Berufskarriere. Lange Jahre wird sich diese auch am linken Zürichseeufer abspielen. Nun kommt sie am Freitag in Thalwil zu ihrem Abschluss: Dann wird Widmer zum letzten Mal auf Tour gehen. Genau 50 Jahre hat der in Horgen Wohnhafte dann im Dienste der Schweizerischen Post gestanden.

Arbeitsbeginn um vier

Eine lange Zeit mit vielen Veränderungen: nicht nur, was die Uniform oder das Zustellgefährt betrifft. Öfters kommt Widmer denn auch seine Flexibilität zugute – die ihm einst die Gewöhnung an die Zürcher Arbeitsgepflogenheiten erleichtert hat.

Am Freitag geht Widmer in Pension. 50 Jahre hat der in Horgen Wohnhafte im Dienste der Schweizerischen Post gestanden.

So anfangs der 2000er-Jahre. Er arbeitet da seit bereits gut acht Jahren in Horgen. Und wird dann, im Zuge einer Teamumstrukturierung, an einen internen Kurs nach Magglingen geschickt. In drei Tagen lernt er das Rüstzeug für das Amt des Dienstchefs. Bald darauf steht er auf einen Schlag allen Horgner Briefträgern vor. 50 Leute sind das. Für diese gilt es etwa, die Diensteinsätze zu planen. Er sieht sich «ins kalte Wasser geworfen». Denn, «wir hatten saisonbedingt gerade zu wenig Leute.» Dazu kommt, dass er noch «keine Ahnung vom Computer» hat. Dass der vorherige Stelleninhaber den Posten schon verlassen hat und sich Widmer ohne Einarbeitung zurecht finden muss. Er schickt sich drein, auch wenn es hie und da zwölfstündige Arbeitstage gibt – angefangen um vier Uhr früh für die eigene Zustelltour. «Aber», relativiert er, «da war ich noch jung und mochte sowas schon ‚verliede‘.» Sieben Jahre bleibt er in der Funktion. Dann wird in Wädenswil das Logistikzentrum gebaut – und wieder stehen Veränderungen an.

Mag Kundenkontakt

Die Post Horgen wird zur reinen Schalterstelle; die Pöstler arbeiten fortan von Wädenswil aus. Widmer erfährt bald von einer freien Dienstchefstelle in Oberrieden, bewirbt sich, erhält sie. «Dort waren wir zu sechst», erklärt er, «das war etwas anderes als in Horgen.» Nicht lange: Die Filiale Oberrieden wird geschlossen, Widmer mit seinen Mitarbeitern nach Thalwil versetzt. Ihnen und den alsbald auch dazu stossenden Rüschliker Kollegen steht er als Teamleader vor. Die neue Funktionsbezeichnung meint dasselbe wie zuvor die des Dienstchefs.

Unter anderem: viele Sitzungen, viel Büroarbeit. Widmer aber liebt an seinem Beruf vor allem, «am Morgen auf Tour zu gehen und den Kontakt mit den Kunden». Vor ein paar Jahren gibt er darum die Führungsposition ab. «Karrierestreben war mir nie wichtig.»

«Jeder kannte jeden und für mich stand oft Kaffee oder Most bereit.»

Just der Kundenkontakt hat sich aber in den 50 Jahren stark verändert. «Heute sieht man viel weniger Leute», sagt er. Und das, obwohl die Touren immer grösser werden – dem Rückgang an Briefpost geschuldet. Das ist freilich anders, als Bestellungen noch per Nachnahme geliefert oder Renten vom Postboten ausbezahlt werden. Erst recht in dem Bauerndorf, wo er herkommt. «Jeder kannte jeden», sagt er, «und für mich stand oft Kaffee oder Most bereit.» Bis heute kennt er zudem seine Kundschaft aus der Horgner Zeit, war er da doch auch Paketträger. «Ich hatte es immer gut mit allen Kunden.»

Sein Fazit erstaunt darum nicht: «Ich würde den Beruf wieder ergreifen.» Ursprünglich aber hatte er Käser werden wollen und konnte auch schon selbständig Käse und Butter herstellen. Doch der Rücken zwingt den dann 16-Jährigen zum Umdenken. Als ihn ein Kollege aus dem Nachbardorf, selber ein Briefträger, vom Postberuf erzählt, zögert Widmer nicht lange. Drei Jahre bevor er die Lehre macht, steigt er direkt in den Beruf ein. «Es hat gleich gepasst.»

Erstellt: 01.07.2019, 15:00 Uhr

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