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Tibeterin singt Mundart mit Dementen

In der Stiftung Amalie Widmer etabliert sich Gesang als neue Behandlungsmethode für Menschen mit Demenz. Die tibetische Pflegerin Degkyi Matsang lernt intensiv Deutsch, um mit den Patienten Mundartlieder singen zu können.

Pflegerin Degkyi Matsang gelingt es mittels Gesang und Tanz, die Patienten aus einer ablehnenden Haltung herauszulocken.
Pflegerin Degkyi Matsang gelingt es mittels Gesang und Tanz, die Patienten aus einer ablehnenden Haltung herauszulocken.
Manuela Matt

«Hole duli duli du» trällert die tibetische Pflegerin und schwingt sanft die Hände eines Bewohners der Stiftung Amalie Widmer im Rhythmus des Liedes hin und her. Ihr Gegenüber singt mit, erst einen Takt hinterher hinkend, bemüht Schritt zu halten, immer sicherer werdend. Tiefe Lachfältchen bilden sich um die Augen von Degkyi Matsang. Ihr Blick fängt den ihrer betagten Schützlinge auf und signalisiert ein Einvernehmen: gemeinsam, im Hier und Jetzt, singen wir. Daneben sitzt eine Frau mit blassblauen Augen, fast tonlos formt sie mit den Lippen die Worte des Liedes, um in einem Lachen zusammenzufahren, als der letzte Ton verklungen ist — wie erwacht aus einer Trance. Da ist die Dame, die sich nicht umziehen mag, da ist der Herr, der nicht duschen gehen will. «Mal ufe, mal abe, mal links, mal rechts», setzt dann Matsang zu einem Lieblingslied vieler Bewohner an. «Kaum beginnt das Lied, werden die Leute sanfter, als hätte man einen Schalter umgedreht», sagt Matsang.

Verdutzt, scheu und zugleich, ja, fröhlich, sind die Gesichter der Patienten, wenn sie singen. Matsang gelingt es, sie mit Liedern aus einer ablehnenden Haltung herauszulocken oder aus einer in sich versunkenen Apathie zu wecken. Erinnerungen keimen auf, sobald die altbekannten Melodien erklingen.

Mundart mit Liedern lernen

Um solche wach werden zu lassen, übt die 40-jährige Tibeterin Mundart-Verse auswendig und lernt Deutsch, damit sie versteht, was sie überhaupt singt. Inzwischen kennt sie mehr als 20 Lieder.

Singen beruhige und unterstütze die Beziehung zwischen Pflegenden und Patienten, lautet die Philosophie des Projekts Memory-Plus. Zwei Sozialarbeiterinnen haben das Singprojekt im Widmerheim in Horgen lanciert. Am St. Galler Demenz-Kongress wurde Memory-Plus mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.

Ein Extra-Budget für Singstunden gibt es in der Amalie Widmer Stiftung keines. Doch seit vergangenem Herbst ist der Gesang ein wiederkehrender Bestandteil im Alltag der Demenzstation geworden. «Wir singen jeden Tag, überall; als Ritual, zur Unterhaltung oder um schwierige Situationen zu meistern», sagt die Pflegerin, die in Tibet als Bauerntochter aufgewachsen ist.

Für Matsang, die seit zwei Jahren auf der Demenzstation in Horgen arbeitet, ist der Gesang ein wichtiger Weg, um mit den Patienten zu kommunizieren. Die Menschen, die sie betreut, sind ihr ans Herz gewachsen. Manche möchte sie gar am liebsten mit nach Hause nehmen. «Oft fragen mich die Bewohner, ob wir zusammen nach Hause gehen. Was soll ich dann antworten?» Das Konzept der Fremdbetreuung kennt sie aus ihrer Heimat nicht. In Tibet würden die Verwandten bis zum letzten Atemzug in den eigenen vier Wänden betreut. Die ganze Familie schlafe unter einem Dach.

Fünf Kinder in Indien

Es falle ihr schwer, loszulassen, abzuschalten. Auch weil sie Sorgen plagen. Hinter der strahlenden Fassade der Tibeterin verbirgt sich ein Fass der Traurigkeit, das überschwappt, sobald das Thema Familie zur Sprache kommt. «Ich habe meine Familie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen», sagt sie weinend. Fünf Kinder zwischen 12 und 19 Jahren leben Tausende von Kilometern entfernt in Indien, nachdem die Familie aus Tibet geflohen ist.

«Ich vermisse sie jeden Tag.» Mit dem Familiennachzug klappte es trotz Aufenthaltsbewilligung bisher nicht. Es gab Probleme mit Dokumenten, die in Tibet nicht ausgestellt worden seien, sagt Matsang. Zum Beispiel fehlen Ehe- und Geburtsscheine. Sie habe jetzt einen Anwalt konsultiert. Als sie ihren Mann und ihre Kinder in einem Kloster in Südindien zurückliess, war ihre Tochter 13 Jahre alt, nun ist sie eben 19 geworden. Degkyi hat die Jugend ihrer Tochter verpasst.

Manchmal skypt oder telefoniert die 40-Jährige mit ihrer Familie. «Aber nicht zu oft», denn die Gespräche reissen Wunden auf. Besser, sich abzulenken. «Sonst geht man kaputt.» Diesen Mai wird die Pflegerin ihre Familie nach langer Zeit wieder sehen. Sie reist für einen Monat nach Südindien. Bis dahin sind die Bewohner der Stiftung Amalie Widmer ihre Ersatzfamilie. Gemeinsam singen sie gegen das Vergessen — und um zu vergessen.

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