Wochengespräch

«Mit DJ Antoine leert man Zürcher Clubs»

Alex Flach gehört zu den grössten Kennern des Zürcher Nachtlebens. Er hat eine Kolumne im «Tages-Anzeiger» und ist für die Pressearbeit von ­diversen Clubs verantwortlich.

Alex Flach gilt als Schnittstelle zwischen dem Nachtleben und den Medien.

Alex Flach gilt als Schnittstelle zwischen dem Nachtleben und den Medien. Bild: Manuela Matt

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Alex Flach, welcher Club ist momentan der angesagteste im Zürcher Nachtleben?
Alex Flach: Momentan ist es wohl der Club Klaus an der Langstrasse. Das ist ein reiner Members- Club. Wenn du auf der Gästeliste stehst, kommst du rein, sonst nicht.

Toll, wie komme ich auf diese Gästeliste?
Das funktioniert meistens über ein Netzwerk. Die Leute, die den Club betreiben, sind gut vernetzt. Verkehrt man in ähnlichen Kreisen, steigen die Chancen.

Was macht den Club speziell?
Die Einrichtung ist verspielt. Es gibt da beispielsweise ein Fenster mit einem Einhorn, das leuchtet. Der Club ist überhaupt nicht elitär, trotz der strikten Türpolitik. Ein gewisser Brockenhaus-Charme ist momentan angesagt. Überall steht überflüssiges Zeug rum. Schnickschnack halt. Man kann durch den Club laufen und auch mal ein Lämpchen anzünden, wenn einem danach ist.

Sie gelten als einer der besten Kenner des Zürcher Nacht­lebens. Mittlerweile sind Sie 46 Jahre alt. Haben Sie nicht langsam genug vom Partymachen?
Nein, was mich bei der Stange hält, ist die Musik. Es ist spannend, zu erleben, wie sie sich ­immer wieder verändert und mit neuen Trends verschmilzt. Und es gibt immer wieder neue Ver­anstaltungsreihen, die mich faszinieren. Beispielsweise die Wundertüte, ein Label, das jeweils sonntags im Hive im Kreis 5 stattfindet. Das Spezielle an diesem Anlass ist, dass er am Sonntagmorgen um 10 Uhr beginnt und bis in den Abend andauert.

Quasi die Party für die ältere Generation, die am Samstagabend nicht mehr bis in die frühen Morgenstunden durchfeiern mag?
Falsch. Um die sogenannten Day­time-Partys gibt es gerade einen regelrechten Hype. Es geht sogar so weit, dass jüngere Leute am Samstagabend nicht mehr in den Ausgang gehen, weil sie am Sonntag an die Party gehen wollen.

Erklären Sie mir die Faszination dahinter.
Solche Partys haben diverse Vorteile. Beispielsweise kann man einen Katertag vermeiden. Man geht an einem regnerischen Sonntag ins Hive, quatscht mit Freunden, tanzt, trinkt ein, zwei Drinks. Dann geht man gegen22 Uhr oder 23 Uhr vielleicht leicht beschwipst nach Hause und am nächsten Tag normal zur Arbeit.

Das Zürcher Nachtleben macht auch immer wieder negative Schlagzeilen, weil es zu Aus­ein­ander­setzungen zwischen ­Partygästen kommt. Ist dasan Daytime-Partys anders?
Eine aggressive Stimmung geht von den Leuten aus, die eine Party besuchen. Die Uhrzeit spielt da keine entscheidende Rolle. Ein Club wie das Jade am Pelikanplatz oder ein Vior an der Löwenstrasse ziehen ganz andere Leute an als beispielsweise ein Club wie die Zukunft an der Langstrasse. Ich will niemandem etwas unterstellen, aber ich denke mal, dass das Bildungsniveau in der Zukunft höher ist als im Jade.

Warum?
In einen Club wie die Zukunft geht man, wenn man sich mit elektronischer Musik beschäftigt und sich für aktuelle DJs inter­essiert, die an einem speziellen Abend auflegen. In einen Club wie das Jade geht man, um zu flirten oder jemanden für ein schnelles Abenteuer kennen zu lernen. Da findet man Frauen mit auf­geblasenen Lippen, jede sieht aus wie eine kleine Kim Kardashian. Diese sprechen dann mit Typen, die ihre komplette Freizeit im Fitnessstudio verbringen. Die Musik rückt in den Hintergrund, es geht um Statussymbole. Die Stimmung ist sexuell aufgeheizt. Bei so viel Testosteron kommt es schneller zu Auseinandersetzungen.

Das ist ein hartes Urteil für einen Club wie das Jade.
Ich habe mich viele Jahre gegen solche Pauschalisierungen gewehrt. Ich musste im Laufe der Zeit aber realisieren, dass es Gründe dafür gibt, warum es in einigen Clubs mehr Probleme gibt als in anderen. Ein Fakt ist, dass es friedlicher zu und her geht, wenn ein Veranstalter auf anspruchsvolle Musik und Events setzt. Diese Diskussion hat übrigens nichts mit Natio­nalitäten zu tun – das ist ein Vorurteil. Ich war noch nie selber in eine Schlägerei verwickelt, aber bei allen, die ich erlebt habe, waren mindestens so viele Schweizer beteiligt wie Ausländer.

Wird die Aggressivität im Nachtleben von den Medien auch aufgebauscht?
Definitiv. Wenn jemand auf der Strasse tot zusammenbricht, liest man davon nichts in der Zeitung. Passiert so was in einem Club, ist es eine Titelstory. Genauso ist es auch mit Schlägereien. Tatsache ist: Idioten gibt es überall.

Kommen wir von der Stadt ­Zürich an den Zürichsee.Es gibt zwar grosse Events wieThe Lake Open Air in Richterswil, aber keine bekannten Clubs. Warum?
Auf dem Land funktionieren Events wie The Lake Open Air, die einmal im Jahr stattfinden, besser. Interessanterweise gingen vor einigen Jahren verschiedene Clubs entlang des Zürichsees auf. Das hat den Betreibern der Clubs in Zürich ziemlich Bauchweh bereitet. Leider hat keiner dieser Clubs überlebt, ich kann mich nicht mal mehr an die Namen erinnern. Die Stadt Zürich ist am Ende halt doch zu nah und funktioniert wie ein schwarzes Loch, das alles aufsaugt. Zudem fehlen entlang des Zürichsees die Industriebrachen, die sich als Standort eignen würden undzu einem erschwinglichen Mietpreis zu haben wären.

Kürzlich öffnete in Wädenswil der Club Industrie wieder seine Tore. Der Lokalmatador Dave 202 legte auf. Lässt so wasIhren Puls höherschlagen?
Eigentlich nicht. Ich kenne Dave 202 persönlich und mag ihn. Seine Trance-Musik zieht aber ein jüngeres Publikum an. Wenn ich an einer solchen Party erscheine, fragen mich die Leute höchstens, ob ich meine Kinder abhole. Ein DJ wie Dave 202 hat sich dem Mainstream verschrieben und funktioniert vor allem auf dem Land. Genauso wie Mr. Da-Nos und DJ Antoine. Solche DJs ­würden in der Stadt Zürich nie gebucht werden.

DJ Antoine gehört zu den ­bekanntesten DJs des Landes.In Zürich hingegen will man ihn nicht hören?
Genau. Will man seinen Laden in der Stadt leeren, bucht man DJ Antoine. Er verdient sein Geld auf dem Land. An grossen einmaligen Events oder den sogenannten A-1-Autobahn-Clubs. Solche Events gibt es überall auf der Welt. Davon lebt DJ Antoine.

Und erreicht damit mehr Leute als die hippen DJs in der Stadt.
Ja. Er ist ein Hit-DJ. Man kennt ihn aus dem Radio. Dementsprechend spielt er nicht vor Leuten, die regelmässig im Nachtleben unterwegs sind, sondern vor Menschen, die vielleicht dreimal im Jahr ausgehen. Und weil 80 Prozent der Menschen in der Schweiz auf dem Land leben und nicht häufig mit dem urbanen Nachtleben in Berührung kommen, sind DJs wie Dave 202,Mr. Da-Nos oder DJ Antoine so erfolgreich. r

Erstellt: 25.02.2018, 13:34 Uhr

Zur Person

Alex Flach wurde 1971 in Winterthur geboren. Heute gilt er als Schnittstelle zwischen dem Nachtleben und den Medien. Zudem ist er Presseverantwortlicher von rund 20 Clubs wie dem Hive oder dem Supermarket in Zürich oder dem Nordstern in Basel. Seit 10 Jahren hat er seine eigene Kolumne im «Tages-Anzeiger» und ist Chefredaktor des Magazins «Drinks». Alex Flach hat keine Kinder, ist ledig und lebt momentan in Adliswil.pme

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