Horgen

«Menschen werden interessant, wenn sie durch Leid gehen müssen»

Michael Theurillat war UBS-Manager mit Millionensalär. Inzwischen gehört er zu den erfolgreichsten Krimiautoren der Schweiz. Am 26. August liest er bei der Lesegesellschaft Horgen.

Hat im Alter von 41 Jahren der Bankenwelt den Rücken gekehrt, um sich dem Schreiben zu widmen: Krimiautor Michael Theurillat.

Hat im Alter von 41 Jahren der Bankenwelt den Rücken gekehrt, um sich dem Schreiben zu widmen: Krimiautor Michael Theurillat. Bild: Keystone / Ayse Yavas

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Im Sihlwald wird die Tote gefunden, mit der die ganze Geschichte ins Rollen gerät. Wieso genau dort?
Michael Theurillat: Ich liebe den Sihlwald, die Sihl, die ganze Gegend, gehe dort oft spazieren. Als ich 1998 von Basel an den Zürichsee zog, wurde dieses Gebiet schnell zu einem meiner liebsten Aufenthaltsorte. Ich musste ehrlich gesagt auch nicht lange suchen. Meine Frau stammt aus Horgen – sie hat mir diese wunderschönen Plätze gezeigt, und ich erinnere mich an unzählige Wanderungen der Sihl entlang zum Restaurant Sihlmatt.

In «Wetterschmöcker» ist erneut auch die elitäre Geschäftswelt Schauplatz des Geschehens. Sie waren selber 15 Jahre lang darin tätig. Ist die kritische Abhandlung dieser Welt in Ihren Krimis eine Art Abrechnung?
Ganz und gar nicht. Ich hatte eine wunderbare Zeit im Banking und fast nur Freunde daraus mit­genommen. Die Geschäftswelt taugt für einen Krimi ohnehin zu wenig. Bei mir treffen stets Konterwelten aufeinander. Ich schreibe über das, was ich kenne. Und ich kenne beide Welten. Mein Vater war sowohl erfolgreicher Geschäftsmann als auch Bauer. Bis im Alter von 16 Jahren war ich fast ausschliesslich auf der Alp in den Ferien. Diese Erfahrungen verarbeite ich zum Beispiel mit den Muotathaler Kindern in «Wetterschmöcker».

Nach Ihrem Krimi «Rütlischwur», wo Sie Banker um die Ecke bringen lassen, gab esvereinzelt negative Reaktionen aus der Bankenwelt. Dieses Malgeben Sie Einblick in die Welt der globalen Rohstoffhändler. Gab es erneut solche Reaktionen?
Bis jetzt nicht. Man darf diese Leute auch nicht unterschätzen, sie haben sehr viel Humor. Wenn man irgendwann selbst in der Fiktion niemandem mehr auf den Schlips treten dürfte, wäre das schlimm.

Im Buch spielen Kinder eine zentrale Rolle, die besondere zwiespältige Eigenschaftenbesitzen. Die «Eigenschaften der Sieger», wie Sie sie beschreiben, fassen Sie auf einer Liste mit neun Punkten zusammen.Skrupellos und ohne Angstzu sein, sind zwei davon.
Ich habe mich dafür viel mit Psychologie beschäftigt. Es hat mich schon immer interessiert, wie Menschen handeln und aus welchen Gründen sie etwas tun. Wenn man sich die heutigen Welteroberungstaktiken der Grosskonzerne anschaut, stelle ich mir zum Beispiel die Frage: Wie kommt jemand bei VW dazu, eine solche Entscheidung abzusegnen, wie sie im Vorfeld des Skandals gefällt wurde?

In hohem Masse skrupellos und ohne Angst zu sein, sagt man Psychopathen nach. Trifft man in den Chefetagen dieser Welt also häufiger Psychopathen an?
Diese Eigenschaften sind in den Chefetagen wohl häufiger vorhanden. Dort müssen Entscheidungen getroffen werden, bei denen man sich nicht um das Wohl jedes Einzelnen kümmern kann. Das ist aber auch woanders so. Meinem Kommissar Eschenbach zum Beispiel ist ebenfalls kein Schaden zu gross, um sein Ziel zu erreichen. Das ist eine Eigenschaft, die bei Psychopathen stärker auftreten kann. Solche Leute sind bereit, mehr Risiko auf sich zu nehmen, als andere. Sie sind fähig, ein Unternehmen zu Weltruhm zu führen. Oder eben auch ins Elend.

Sie hatten selber langeFührungspositionen in Grosskonzernen inne. Sind Sie also . . .
. . . auch ein Psychopath? (lacht) Im Buch weise ich auf einen Test im Internet hin, wo man herausfinden kann, ob man ein Psychopath ist oder nicht. Ich bin keiner. Ich habe aber wohl eine gewisse mentale Härte entwickelt, gehe grundsätzlich sehr angstfrei durchs Leben. Ausser der Höhenangst, die habe ich mit dem Vatersein und der damit verbundenen Verantwortung bekommen.

Ihren Ermittler, Kommissar Eschenbach, ziehen Sie jeweils einem langen Leidensweg unter. Weshalb?
Ich bin überzeugt, dass ein Held leiden muss. Eschenbach steht oft an, muss nachfragen, geht auch unkonventionelle Wege. Menschen werden interessant, wenn sie durch Leid gehen müssen. Oder wie ein bekanntes Sprichwort sagt: Für unsere Stärken werden wir bewundert, für unsere Schwächen geliebt.

Michael Theurillat liest am Freitag, 26. August, um 19.30 Uhr bei derLesegesellschaft Horgen im Baumgärtlihof aus seinem neuen Krimi «Wetterschmöcker». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 24.08.2016, 17:48 Uhr

Autor und Buchinhalt

Michael Theurillat, 1961 in Basel geboren, war bis zur Jahrtausendwende 15 Jahre lang im Bankengeschäft tätig und massgebend mitverantwortlich für die Fusion der Schweizerischen Bankgesellschaft. Zuletzt Geschäftsführer der UBS, begann er mit 41 Jahren einen neuen Lebensabschnitt und widmete sich seiner zweiten grossen Leidenschaft, dem Schreiben. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Zürich.

«Wetterschmöcker» ist bereits der fünfte Fall seines Polizeikommissars Eschenbach. Denn auf einem entlegenen Waldstück an der Sihl wird eine Tote entdeckt. Der Leichnam von Clara Thüring wurde verbrannt, nach indianischem Ritual. Kommissar Eschenbach steht vor einem Rätsel. Die Spur der toten Topmanagerin aus Zürich führt nach Muotathal, an eines der abgeschiedensten Fleckchen der Schweiz. Das Unternehmen, für das Clara Thüring arbeitete, handelt mit Rohstoffen. Und dort, in den Glaspalästen der Macht, stösst Eschenbach auf eine Intrige, die bald auch schon sein eigenesLeben in Gefahr bringt. (zsz)

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