Palliativpflege

«Meine Angst ist kleiner geworden»

Schmerzen lindern, drängende Fragen beantworten, über das Sterben und den Tod sprechen: Für Sabrina Küng gehört das zum Arbeitsalltag. Die ZSZ hat die Onkologie-Pflegefachfrau zu zwei Patientinnen begleitet.

Pflegefachfrau Sabrina Küng von Onko Plus misst die Blutwerte der Patientin Marja Albrecht.

Pflegefachfrau Sabrina Küng von Onko Plus misst die Blutwerte der Patientin Marja Albrecht. Bild: Michael Trost

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Marja Albrecht ist immer noch aufgeregt. Eben hat sie einen seltsamen Anruf erhalten. Ob sie ihn denn nicht kenne, hat der Mann gefragt, dann aber rasch aufgelegt. Die Aufregung tut der 69-Jährigen nicht gut. Marja Albrecht leidet an einer chronischen Lungenkrankheit, ist permanent auf Sauerstoff angewiesen.

In ihrem Schlafzimmer stehen zwei grosse Kompressoren, mit denen die Frau durch einen meterlangen dünnen Schlauch verbunden ist. Im Sommer, als es wochenlang heiss und trocken war, sei es schlimmer geworden mit der Krankheit, erzählt Albrecht. «Manchmal habe ich Angst gehabt zu ersticken.» Ihre Tochter hatte dann die Idee mit Onko Plus.

Seither erhält Marja Albrecht regelmässig Besuch von der Onkologie-Pflegefachfrau Sabrina Küng; vor allem aber weiss sie, dass sie im Notfall jederzeit den Pikettdienst anrufen und Hilfe anfordern kann. Das habe ihr enorm geholfen. «Seither habe ich viel weniger Angst.»

Sabrina Küng bespricht mit Marja Albrecht zuerst die Medikamentendosierung, erkundigt sich nach den Ergebnissen des letzten Arztbesuches und misst dann den Sauerstoffgehalt im Blut. Dieser ist sehr tief, eine Folge der Aufregung. In der Physiotherapie hat die Patientin gelernt, wie sie in einem solchen Fall atmen muss. Nach kurzer Zeit steigt der Sauerstoffwert und Küng ist zufrieden.

Viel Sport, viele Schmerzen

Onko Plus, eine private gemeinnützige Stiftung, die spezialisierte Pflege zu Hause anbietet, wurde ursprünglich von Onkologen für Krebspatienten gegründet. Inzwischen werden auch andere Patienten betreut, beispielsweise Herz- oder Lungenkranke wie Marja Albrecht.

Die Lunge ist nicht das einzige, was ihr Probleme bereitet. Ständig plagen sie Schmerzen, die von ihrer Osteoporose und ihrem Rheuma herrühren. Sie habe in jungen Jahren wohl zu exzessiv Sport getrieben, erzählt die quirlige Frau: Langlauf, Leichtathletik und vor allem Eishockey.

Albrecht wuchs in Finnland auf und kam vor fünfzig Jahren als junges Aupair in die Schweiz, wo sie heiratete und zwei Töchter bekam. Stolz zeigt Albrecht eine Ausgabe der Zeitschrift Brigitte aus dem Jahr 1979, die ihr in einer Reportage über Ausländer in der Schweiz eine Doppelseite widmete. Der Arzt habe auch schon von der Möglichkeit einer Lungentransplantation gesprochen, erzählt Marja Albrecht. «Aber das will ich nicht mehr.» Man dürfe nicht immer noch mehr wollen, umschreibt sie ihr Lebensmotto.

Widersprüchliche Verfügung

Albrecht hat denn auch klare Vorstellungen darüber, was sie will und was nicht. Sie holt einen Ordner, in dem sie ihre Patientenverfügung aufbewahrt. Das Dokument möchte sie mit Sabrina Küng demnächst einmal eingehend besprechen. Die Pflegefachfrau weiss um die Problematik solcher Verfügungen: Manches ist widersprüchlich oder zumindest nicht eindeutig formuliert. Onko Plus unterstützt die Patienten daher bei der Formulierung einer Patientenverfügung, welche die gesamte Lebenseinstellung berücksichtigt und beispielsweise unterscheidet zwischen einer Notfallsituation und einer längeren Krankheitsphase.

Onko Plus finanziert sich nach den gleichen Grundsätzen wie die Spitex: Die direkten Pflegeleistungen werden von den Krankenkassen übernommen und die Gemeinden leisten einen Anteil gemäss Definition der Gesundheitsdirektion. Den Patientinnen und Patienten bleibt ein Selbstbehalt von acht Franken pro Tag.

Seit dem letzten Besuch von Pflegefachfrau Sabrina Küng hat Marja Albrecht ihre Beschwerden in einem Formular auf einer Skala von 0 bis 10 festgehalten. Was ihr neben den Schmerzen besonders zu schaffen mache, sei die Appetitlosigkeit, klagt sie. Und dabei habe sie doch in den letzten zwei Jahren bereits zwanzig Kilo abgenommen. Ein bisschen besser sei es nur, wenn sie sich über etwas wirklich freuen könne. Wie über die gelungene Aktion vor wenigen Tagen, als sie es geschafft habe, ganz allein in einem Möbelgeschäft etwas einzukaufen.

Bitterer Geschmack

Der fehlende Appetit ist auch Thema bei Sabrina Küngs zweiter Patientin an diesem Tag. Anna Lohmann (Name geändert) klagt, alles, was sie in den Mund nehme, schmecke bitter. Die Pflegefachfrau schaut zuerst in Lohmanns Mund, ob sich allenfalls ein Pilz gebildet hat. Das ist nicht der Fall. Die 80-Jährige leidet an einem Lebertumor. Ihr Bauch sei ganz hart und sie fühle sich schwach, erzählt sie. «Und dabei sollte ich so vieles im Kopf haben.»

Lohmann und ihr Partner kommen gerade von einem Behördengang zurück. Der Mann, ein Amerikaner, müsste in wenigen Tagen ausreisen, weil sein Visum abläuft, doch Anna Lohmann hat Angst, allein zurückzubleiben. Nun wurde das Visum zwar bis Mitte April verlängert, aber der viele Papierkram hat die Frau enorm mitgenommen. Die Krankheit zehrt an ihren verbliebenen Kräften, immer wieder kommen neue Beschwerden dazu. Dank einer Körperlotion, die ihr Sabrina Küng empfohlen hat, ist nun wenigstens der quälende Juckreiz verschwunden, und auch der Schwindel sei nicht mehr so stark, berichtet sie. «Aber ich bin so mager geworden, richtig ausgezehrt.»

Beruf als Lebensschule

Auch bei Anna Lohmann misst die Pflegefachfrau den Sauerstoffgehalt im Blut, dazu Blutdruck und Puls. Sie hört die Patientin, die inzwischen auf dem Sofa liegt, ab und verspricht ihr, noch am gleichen Tag mit dem Hausarzt zu telefonieren. Zwei Medikamente müssen wohl etwas höher dosiert werden, doch Küng kann das nicht allein entscheiden. Nach einer Stunde verabschiedet sie sich, nachdem sie einen nächsten Telefontermin mit Anna Lohmann abgemacht hat.

Küng hat vor ihrer Tätigkeit bei Onko Plus auf der Onkologieabteilung eines Spitals gearbeitet. Natürlich sei die Arbeit mit schwer kranken oder sterbenden Menschen bisweilen belastend, sagt sie. Doch das Wissen, dass sie diesen Menschen helfen könne, die letzte Lebensphase ihren Wünschen entsprechend zu gestalten, helfe ihr über vieles hinweg. Supervision und der Austausch im Team seien ebenfalls hilfreich. In einem medizinischen Notfall kann Küng ausserdem auf zwei Konsiliarärztinnen zurückgreifen, von denen eine immer erreichbar ist. Auf der Rückfahrt ins Spitexbüro Thalwil sagt sie: «Mein Beruf ist für mich eine richtige Lebensschule.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.01.2019, 15:56 Uhr

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