Im Gespräch

«Mein Herz schlägt für die schönen Hotels»

Der Journalist Karl Wild stellt für die Sonntagszeitung jedes Jahr ein Ranking mit den besten Hotels der Schweiz zusammen. Er erzählt, weshalb die Hotels am Zürichsee nicht dabei sind.

Hoteltester Karl Wild beobachtet gerne das Treiben in Luxushotels.

Hoteltester Karl Wild beobachtet gerne das Treiben in Luxushotels. Bild: Moritz Hager

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In Ihrem Rating «Die 100 besten Hotels der Schweiz» ist keines aus der Zürichseeregion zu finden. Warum?
Es wird wahrscheinlich bald eines den Weg ins Rating finden, nämlich dasjenige, in dem wir nun sitzen, das Hotel Alex. Auch sonst hat es ziemlich viele gute Hotels und Restaurants in der Region, wie das Sedartis in Thalwil, das Belvoir in Rüschlikon oder das Romantikhotel Sonne in Küsnacht. Den Hirschen in Meilen finde ich auch sehr schön. Von den Hotels sind das diejenigen, die über dem Durchschnitt liegen.

Über dem Durchschnitt, aber nicht ganz in der Topliga?
Es ist natürlich auch schwierig, weil ich Kategorien wie zum Beispiel «Stadthotels» führe, in welche diese Hotels nicht passen. Thalwil ist aufgrund der guten Anbindung an die Stadt ein Grenzfall. Aber sonst haben es Hotels in der Region schwer, weil Geschäftsreisende in der Stadt wohnen. Nur wenn jemand etwas Abwechslung will, wählt er einen Landgasthof oder ein kleines Hotel hier in der Region. Die sind gut, aber es reicht eben nicht in die 100 besten Hotels der Schweiz.

Die Zahlen für letztes Jahr zeigen, dass die Übernachtungen in der Zürichseeregion zurückgegangen sind. Wie schätzen Sie das ein?
Die Region Zürich ist nicht ganz so berühmt und bekannt wie zum Beispiel die Region Vierwaldstättersee. Der Zürichsee ist einfach ein Schlauch. Der Vierwaldstättersee hingegen ist verwinkelt und verwachsen. Die Leute wird es längerfristig immer häufiger in die Stadt ziehen, wo die trendigen Hotels sind. Auf dem Land ist das Alex derzeit das einzige Hotel mit grosser Ausstrahlung.

Was gefällt Ihnen an Hotels so sehr, dass Sie ihnen quasi Ihr Leben gewidmet haben?
Ich hoffe, es klingt nicht überheblich, aber es ist schon schön, in den weltbesten Hotels zu wohnen, das Leben dort zu beobachten und zu geniessen. Ein Hotel, das mich besonders fasziniert, ist das Badrutt's Palace in St. Moritz. Erich Maria Remarque hat dort «Arc de Triomph» fertig geschrieben und Alfred Hitchcock ist regelmässig mitten in der Nacht sturzbetrunken vom Barstuhl gefallen. Viele Hotels leben von solchen Geschichten. Wenn ich ab und zu ein verstaubtes Dreisternhotel anschaue, kann das schon ein wenig bedrückend sein. Oder ein langweiliges Dreisterne-Kettenhotel, in dem alles genormt ist. Da bin ich froh, wenn ich wieder draussen bin. Mein Herz schlägt für die schönen Hotels.

Wie geht man als Hoteltester vor?
Viele Leute, die für mich arbeiten möchten, würden ein Hotel am liebsten nach 100 verschiedenen Kriterien bewerten. Das ist Mumpitz. Die zehn Kriterien, die in meinem Führer aufgelistet sind, reichen völlig. Wenn ich den Guide Michelin und die Restaurantführer studiert habe, weiss ich bereits, ob ich ein Hotel selbst besuchen möchte. Extrem wichtig ist die Lage. Das Hotel Alex wäre sicher nicht so attraktiv, wenn es nicht am See läge. Dann beurteile ich etwa die Gastfreundschaft, den Charakter des Hauses oder das Preis-Leistungs-Verhältnis. Und ich unterhalte mich mit den Mitarbeitern. Da erfährt man viel Interessantes. Ich bleibe aber nie länger als zwei Tage. Sonst wird mir vorgeworfen, ich würde Ferien machen.

«Die Hotels in der Region sind gut, aber es reicht eben nicht in die 100 besten Hotels der Schweiz.»Karl Wild

Das heisst, Leute bewerben sich bei Ihnen, um als Hoteltester zu arbeiten?
Regelmässig. Wobei Hoteltester etwas hochtrabend klingt. Es sind derzeit einfach etwa 15 sehr kompetente Informanten. Vielreisende, die die Branche bestens kennen und mehrmals im Jahr in Hotels sind. Sie sind auf eigene Kosten unterwegs und unterstützen mich aus reiner Freude. Ich bezahle ihnen keine Spesen.

Wie häufig besuchen Sie selbst die Hotels?
Innerhalb von zwei Jahren besuche ich alle 100 im Buch aufgeführten Hotels selbst. Das ist wichtig, weil es immer Neues gibt, weil immer investiert wird. Ich unterhalte mich auch mit allen General Managern, bevor ich die Klassierung vornehme.

Sie gehen also nicht anonym in ein Hotel?
In der Schweiz kann ich nicht mehr anonym unterwegs sein. Aber das ist kein Problem. Das Hotel verändert sich ja nicht, wenn ich komme. Der Koch bleibt gleich, die Zimmer bleiben gleich. Früher gab es ein paar Hoteliers, die sich Vorteile verschaffen wollten und mir die verrücktesten Angebote machten. Wenn ich nur eines angenommen hätte, wäre ich längst erledigt. Sowas kommt früher oder später immer aus. Dass ich das Rating seit 23 Jahren mache und dass es in der Branche hohes Ansehen geniesst, besagt alles.

Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren denn verändert?
Es gibt heute viel mehr gute Hotels als vor 20 Jahren. Die Schweizer Luxushotellerie ist dank Milliardeninvestitionen wieder Weltspitze. Und die Akzeptanz des Hotelratings ist eine ganz andere. Zu Beginn gab es Hoteliers, die mich gar nicht ins Haus lassen wollten. Heute laden sie mich ein und geben mir damit die Möglichkeit, ihr Haus kennen zu lernen und zu bewerten. Ohne Einladung ginge das nicht. Meine Testerei würde im Jahr vielleicht eine halbe Million kosten. Das zahlt kein Verlag.

Wie schätzen sie Angebote wie Tripadvisor ein?
Sie haben ihre Berechtigung. Ich sehe mir Tripadvisor und ähnliche Portale auch an. Aber eigentlich mehr aus Neugier. Ich weiss ja nicht, wer die Bewertung geschrieben hat und was die Erwartungshaltung war. Und die Meinungen sind oft so gegensätzlich, dass ich nicht mehr weiss als zuvor. Von Hoteliers weiss ich auch, dass Gäste mit einem Verriss auf den Portalen drohen, wenn sie gewisse Leistungen nicht kostenlos erhalten. Schätzungen besagen, dass bis zu 30 Prozent der Einträge gefälscht sind.

Wie wichtig sind die sozialen Medien für sie? Sie haben Instagram- und Faceook-Konten, wo sie Fotos von Hotels posten, inklusive Leitspruch: «Man gönnt sich ja sonst nichts.»
Den Spruch wollte ich längst wieder abschaffen, aber Kollegen meinten, das müsse ich durchziehen. Als Einmannfirma ist es auch wichtig, Eigenwerbung zu machen. Zu zeigen, dass man wirklich in den Hotels ist. Meine Frau findet es zwar peinlich, wenn ich in einer Suite wohne, die eigentlich pro Nacht 30'000 Franken kostet – und das auch noch zeige. Aber die Hoteliers haben ihre Freude daran. Also mache ich das noch ein Weilchen.

Machen Sie noch lange weiter?
Ich weiss es nicht. In zwei Jahren erscheint das 25. Rating. Das mache ich wohl noch. Vielleicht noch ein paar mehr, vielleicht auch nicht. Im Moment bin ich topfit, aber man weiss ja nie. Etliche gute Freunde sind schon unter dem Boden.





Erstellt: 06.12.2019, 10:49 Uhr

Karl Wild

Karl Wild stellt jährlich ein Hotelranking mit den besten Hotels der Schweiz zusammen, dass seit mehr als zwanzig Jahren in der Sonntagszeitung erscheint. Seit 2013 erscheint das Ranking auch in Buchform. Ursprünglich war der 71-jährige Karl Wild als Wirtschaftsjournalist tätig. Er hat jahrelang für das Finanzmagazin Bilanz gearbeitet.

Als Teil des Rechercheteams der Sonntagszeitung erhielt er für die Recherchen zum Fehlverhalten des ehemaligen Armeechefs Roland Nef im Jahr 2009 den Zürcher Journalistenpreis. Karl Wild ist verheiratet und lebt in Langnau, wo er auch ein Büro für Ghostwriting betreibt.

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