Sprachen

«Mehrsprachige Kinder haben Vorteile beim Spracherwerb»

Als 2004 das Frühenglisch eingeführt wurde, dachte Beatrice Lauber, sie müsse ihren Funtastic English-Club in Horgen schliessen. Das Gegenteil war der Fall: Die Nachfrage nach Englischunterricht stieg an.

Was erst nur für Beatrice Laubers Kinder gedacht war, wuchs schnell zum Funtastic English-Club an. Dieser zählt heute 100 Kinder pro Woche. Nach 22 Jahren gibt Beatrice Lauber den Club nun an ihre Nachfolgerin Maria Càzares ab.

Was erst nur für Beatrice Laubers Kinder gedacht war, wuchs schnell zum Funtastic English-Club an. Dieser zählt heute 100 Kinder pro Woche. Nach 22 Jahren gibt Beatrice Lauber den Club nun an ihre Nachfolgerin Maria Càzares ab. Bild: Moritz Hager

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Vor 22 Jahren haben Sie den Funtastic English-Club Horgen gegründet. Wie kamen Sie dazu?
Beatrice Lauber: Aus beruflichen Gründen zogen mein Mann, ich und unsere beiden Kinder für mehr als ein Jahr nach London. Meine Tochter und mein Sohn lernten in der 1. Klasse und der Kita Englisch. Als wir in die Schweiz zurückkehrten fand ich es schade, dass sie diese Sprachkenntnisse wieder verlieren würden. Ich engagierte eine Englisch-Lehrerin. Innert kürzester Zeit hatten wir eine Gruppe von fünf Kindern zusammen.

Wie ging es weiter?
Das Interesse stieg laufend. 2001 zogen wir deshalb in grössere Räumlichkeiten an der Löwengasse 18 um. Wir erweiterten das Angebot auf Kinder im Vorschulalter und Erwachsene. Heute kommen wöchentlich etwa 100 Kinder aller Altersgruppen ab 3,5 Jahren. Aber auch Pensionierte.

1997 gab es noch kein Frühenglisch. Was waren damals die Gründe, weshalb Eltern ihre Kinder zu Ihnen schickten?
Vielen ging es wie uns, sie wünschten sich, dass die Kinder ihr Englisch nicht verlernten. Einige Familien planten ins Ausland zu ziehen und wollten ihre Kinder vorbereiten. Wir hatten und haben aber auch viele Kinder, denen es einfach Spass macht, eine Sprache zu lernen. Es war uns immer ein Anliegen, dass Kinder aus allen möglichen Bevölkerungskreisen bei uns Englisch lernen können.

Heute haben alle Kinder ab der 3. Klasse Englischunterricht. Wie hat das Ihre Klientel beeinflusst?
Als das Frühenglisch eingeführt wurde, dachten wir, das sei unser Untergang. Erstaunlicherweise war das Gegenteil der Fall. Die Leute reisen mehr und wollen, dass sich ihre Kinder im Kids-Club mit den anderen unterhalten können. Wir haben ausserdem etliche Kinder von englischsprechenden Expats, die finden, ihre Kinder brauchen neben dem Schulunterricht noch spezifische Förderung von einer Fachperson englischer Muttersprache. Oder die Eltern haben die Erfahrung gemacht, dass Englisch im Berufsleben sehr wichtig ist und wollen ihre Kinder vorbereiten.

Wie gehen Sie mit überehrgeizigen Eltern um?
Wir haben ab und zu Eltern, die ihr Kind um jeden Preis früh fördern wollen. Wir versuchen diese Kinder zu unterrichten in der Hoffnung, dass sie Spass an der Sprache erhalten. Wenn sie nicht zu motivieren sind und die Gruppe stören, sprechen wir mit den Eltern. Oft hilft eine Umteilung in eine andere Gruppe, selten führt es zu einer Auflösung des Vertrages.

Kommen die Kinder wegen des Schulenglisch vermehrt zur Nachhilfe?
Einige wenige Kinder kommen zur Nachhilfe, weil ihre Eltern kein Englisch sprechen und ihnen nicht helfen können. Zu uns kommen jedoch hauptsächlich die Kinder, die motiviert sind, Englisch zu lernen. Aus dieser Sicht haben wir einen Schoggijob.

«Wir übersetzen nichts, sondern tasten uns mit den Gegenständen der Umgebung an die Sprache heran.»Beatrice Lauber, Gründerin des Funtastic English- Club

Welches Alter halten Sie für das Beste, um eine Fremdsprache zu lernen?
Personen über 50 Jahre lernen Fremdsprachen natürlich nicht mehr so leicht. Bis zum Schuleintritt saugen Kinder eine Fremdsprache spielerisch auf und lernen meist schnell zu sprechen. Mit Beginn des Schulalters denken und lernen sie dann schon etwas analytischer. Meine Tochter sprach anfänglich kein Wort Englisch, als sie die 1. Klasse in London besuchte. Innerhalb von drei Monaten konnte sie fliessend Englisch sprechen. Sicher ist, dass das Sprachenlernen stark vom Talent abhängt. Ich beobachte ausserdem, dass zwei- oder mehrsprachige Kinder oft Vorteile haben beim Spracherwerb.

Weshalb?
Sie haben eine Strategie, wie sie mit einer weiteren Sprache umgehen können. Es ist für sie normal, nicht jedes einzelne Wort zu verstehen, um den Sinn eines Satzes zu erraten. Wir hatten einen zehnjährigen Jungen hier, der fliessend Russisch, Serbisch und Deutsch sprach. Er lernte sehr schnell Englisch und ich bin überzeugt, dass er auch sehr schnell Französisch sprechen wird.

Wie sieht Ihre Strategie aus, um Kindern und Erwachsenen Englisch beizubringen?
Wir übersetzen nichts, sondern tasten uns mit den Gegenständen der Umgebung an die Sprache heran, indem wir den Stuhl benennen, den Tisch. Wir machen Spiele und Rätsel und üben so spielerisch korrekt Sätze zu formulieren. Speziell an unserer Schule ist ausserdem, dass wir das Lesen stark fördern. Die Kinder können Bücher heimnehmen, die ihrem Niveau entsprechen. Lesen hilft viel.

Was ist der Unterschied zum Unterricht in der Schule?
Wir stellen fest, dass die Kinder im Englischunterricht an der Schule in der Regel einen grossen Wortschatz erwerben und recht viel verstehen. Schwierig wird es, diese Sprach-Bausteine dann auch richtig zu verknüpfen. Bei uns lernt man, die Bausteine zusammenzusetzen und sich mündlich und schriftlich korrekt auszudrücken.

Weshalb besuchen Erwachsene den Englischunterricht?
Es ist sehr spannend, wer alles kommt. Wir hatten zum Beispiel eine Hebamme, die sich mit ihren englischsprechenden Patientinnen unterhalten wollte, einen Gärtner, der sich für englische Gärten interessierte, eine sehbehinderte Frau, zwei junge Männer, die eine Reise planten oder einen älteren Mann, der sechs Jahre lang einmal pro Woche eine Privatlektion buchte. Der Vorteil bei uns ist, dass die Erwachsenen sich nicht exponieren müssen. Sie können ohne Stress lernen.

Welche Erlebnisse der letzten 22 Jahre werden Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?
Wir haben einige Familien mit bis zu vier Kindern, die alle vom Kindergarten bis zur 6.Klasse bei uns zum Unterricht kommen. Solches Vertrauen tut gut. Gerne erinnere ich mich auch an einen Ausflug mit einer Erwachsenengruppe nach London. Schön ist auch, wenn ich von den Eltern höre, wie ihre Kinder die Sprache anwenden. Ein Bub im 2. Kindergarten nahm bei uns Unterricht. Bei der Fahrt im Ausland hatten die Eltern eine Autopanne. Die Eltern konnten sich nicht mit dem Garagisten verständigen, der ein wenig Englisch sprach. Da sprang der kleine Junge als Übersetzer ein.

Werden Sie nach Ihrer Pensionierung weiter im Funtastic anzutreffen sein?
Ich unterrichte noch einzelne Stunden bis zu den Sportferien. Danach ziehe ich mich ganz zurück. Es ist auch besser für meine Nachfolgerin Maria Càzares, wenn ich ihr nicht die ganze Zeit über die Schulter sehe. Zudem ist sie bestens dafür gerüstet, den Club in eigener Regie weiterzuführen.

Erstellt: 19.12.2019, 13:58 Uhr

Fremdsprachenunterricht in der Schule

In den 1990er Jahren drängte sich in der Schweiz ein neues Sprachenkonzept auf. Einige Kantone wollten den Englischunterricht auf die Primarstufe vorverlegen, was grosse Diskussionen auslöste. 2004 fand die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren einen Kompromiss. Die erste Fremdsprache wird ab der 3. Klasse und die zweite spätestens ab der 5. Klasse unterrichtet. Die ersten Kantone starteten bereits zu Beginn der 2000er Jahre mit dem Englischunterricht.

Rund um den Zürichsee gibt es laut der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion zwölf internationale und mehrsprachige Kindergärten und Schulen, die in Englisch oder in Englisch und Deutsch unterrichten. Das sind so viele wie nirgends sonst im Kanton Zürich. (rau)

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