Wochengespräch

«Literatur birgt grosses Reflexionspotenzial»

Boris Previšic ist Musiker und Dozent für Literatur- und Kulturwissenschaften. Daneben versucht der gebürtige Richterswiler die Welt durch Pflanzenkohle zu retten.

Boris Previšic versteht sich als Brückenbauer zwischen der südosteuropäischen und der Schweizer Kultur.

Boris Previšic versteht sich als Brückenbauer zwischen der südosteuropäischen und der Schweizer Kultur. Bild: Michael Trost

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Sie kommen aus einer multikulturellen Familie. Ihr Vater ist Jugoslawe, ihre Mutter Schweizerin. Inwiefern hat Sie das geprägt?
Ich habe mich immer als Brückenbauer zwischen diesen zwei Kulturen verstanden. In meinem Fall war die Familienkonstellation von dieser Zweiheit geprägt: Mein Vater arbeitete als Elektroniker in Horgen, meine Mutter war Krankenschwester im Spital Richterswil. Neben der nationalen Zugehörigkeit hatte meine Mutter also eine soziale Rolle, während mein Vater der Techniker war.

Waren Sie nie «der Jugo»?
Diesen Begriff gab es in meiner Kindheit noch nicht. Jugoslawien war bis in die 80er Jahre eine Feriendestination. Von einem Konflikt war noch nichts zu spüren. Die Schweiz hat Jugoslawien ja gar bewundert. Ich erinnere mich noch gut, wie Leute zu meinem Vater kamen und kondoliert haben, als Tito gestorben ist. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Bis zu seinem Zerfall war Jugoslawien neutral und das einzige europäische Land, welches eine vergleichbare Geschichte hatte mit derjenigen der Schweiz.

Sie sind hier in der Schweiz gross geworden, haben in ihrer Familie stets Schweizerdeutsch gesprochen. Dennoch haben Sie sich schon als Jugendlicher intensiv mit der Heimat ihres Vaters, dem heutigen Kroatien, auseinandergesetzt.
Ja, als Jugendlicher habe ich früh gemerkt, dass das Jugoslawien, wie ich es als Kind gekannt habe, ein labiles Gebilde ist. Im Alter von 15 Jahren habe ich dem damaligen Aussenminister René Felber deshalb auch einen Brief geschrieben. Ich war der Meinung, der Zeitpunkt sei gekommen, dass die Schweiz etwas unternehmen müsse. Ich habe die aufsteigenden Nationalismen und Konflikte früh erkannt. Doch mein Musikstudium hat dann alles zunächst wieder in den Hintergrund rücken lassen.

Bis zu Ihrer Habilitation. Diese setzt sich mit den postjugoslawischen Kriegen auseinander. Was genau verstehen Sie darunter?
Der Zerfall von Jugoslawien fing für mich mit Milosevic an. Mitte der 80er war das Ende bereits absehbar. Die Kriege ab 1991 sind für mich daher zeitlich nach dem Zerfall des sozialistischen Jugoslawien anzusiedeln, deshalb postjugoslawisch.

Sie haben sich hauptsächlich mit der literarischen Verarbeitung der postjugoslawischen Kriege in der Literatur beschäftigt. Was war Ihr Antrieb?
Mich hat interessiert, wie die Kriege eine Eigendynamik entwickelten. Interessant bei den postjugoslawischen Kriegen ist, dass just dort der Krieg ausgebrochen ist, wo die Leute vorher am besten zusammengelebt haben. Wenn man Anfang der 80er Jahre gefragt hätte, wo ein Krieg starten könnte, dann hätte man bestimmt nie Slowenien oder Kroatien genannt. Genau deshalb kann man nicht einfach nur zeithistorisch die Abfolge der Ereignisse betrachten, sondern muss auch den jeweiligen Diskurs verfolgen.

Ihre Habilitation hat eine Kontroverse ausgelöst, weshalb?
Ich habe mich damit beschäftigt, was man im Moment und am Ort der Entstehung eines Textes wissen konnte. Ich stellte mir also die Frage, worauf sich die Autoren stützen konnten und unterschied es von dem, was einfach kolportiert wurde.

Was ist das Besondere am Medium Literatur?
Die Literatur birgt das grösste Reflexionspotenzial. Sie muss nicht alles auf einer Ebene abhandeln. Sie ist vielstimmig. Das hat mich interessiert. Daher habe ich zunächst einmal Literatur und Augenzeugenberichte wie etwa Tagebücher miteinander verglichen. Und meine Erkenntnis war, dass die Literatur in ihren konstruierten Geschichten viel einstimmiger und platter daher kommt, als etwa Überlebenszeugnisse. Denn diese versuchen sich in die Situation anderer Menschen zu versetzen, möglichst viele Stimmen einzufangen und zu reflektieren.

Wie wichtig ist eine literarische Verarbeitung von historisch bewegenden Ereignissen?
Literatur – im Unterschied zu anderen Medien und Künsten – erfordert am meisten Vorstellungskraft vom Rezipienten. Obwohl Lesen etwas sehr Stilles ist, muss man sich am tiefsten hineingeben. Deshalb, glaube ich, ist die Literatur das Medium, das ein Ereignis am nachhaltigsten für weitere Generationen aufbewahrt.

Haben Sie eine Haltung im Bezug auf den Zerfall Jugoslawiens und die darauffolgenden Kriege?
Eigentlich müsste ich mich als Kroate ja auf die Seite der Kroaten stellen. Aber mich interessiert seit jeher die Gegenseite. Deshalb ecke ich mit meiner Meinung innerhalb meiner Familie auch schon mal an. Obschon ein Krieg an einem bestimmten Punkt natürlich eine solche Eigendynamik entwickelt, dass man nicht mehr sagen kann wer Opfer und Täter sind, waren die Hauptleidtragenden die bosnischen Muslime. Das beweisen die Zahlen der zivilen Opfer. Das ist mit ein Grund, weshalb ich in Sarajevo mit meinem Musikprojekt begonnen habe.

Sie haben es angesprochen. Sie sind als Musiker immer wieder in ganz Südosteuropa unterwegs. 2001 haben sie in Sarajevo das Ensemble Sonemus gegründet. Wie kam das?
Am Ende meiner künstlerischen Ausbildung in Paris wollte ich etwas weitergeben. Ebenfalls 2001 habe ich darum in der Schweiz zusammen mit Matthias Arter den Schweizer Stützpunkt «pre-art» ins Leben gerufen. Damit touren wir durch ganz Südosteuropa. Und wir veranstalten jedes Jahr einen Wettbewerb für Komponisten unter 30 Jahren. Das Ziel ist eine nachhaltige Unterstützung der Talente vor Ort.

2001 war ein sehr bewegtes Jahr für Sie. Damals haben Sie Ihren Beruf als Musiker nämlich zum Hobby gemacht und sind an die Uni gegangen, um Literaturwissenschaften zu studieren. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Ich wurde zum Vorspielen für das Südwestfunk Radio-Symphonieorchester in Stuttgart eingeladen. Ich sass also im Zug und stellte mir die Frage: «Boris, wenn du diesen Job nun kriegst, willst du das dann bis zu deiner Pension machen?» Und diese Frage beantwortete ich mir mit Nein. Also bin ich in Tübingen aus dem Zug ausgestiegen, hab den Hölderlinturm besucht und drei Jahre später schrieb ich an meiner Dissertation zu Hölderlins Rhythmus.

Zuerst die Musik, dann die Literatur und momentan arbeiten Sie als Kulturwissenschaftler an der Uni Luzern. Was kommt als nächstes?
Ich experimentiere an der CO2-Rückbindung, indem ich Kohle aus nachwachsendem Holz herstelle. Diese Kohle mische ich dem Kompost bei und erhalte dadurch sehr speicherungsfähige und fruchtbare Erde für das Gemüse in meinem Garten. Ich muss immer grosse Pläne haben. So möchte ich auch gemeinsam mit Kollegen ein nationales Forschungszentrum gründen, welches explizit über disziplinäre Grenzen hinausdenkt. Unsere Welt kann nur dann gerettet werden, wenn vernetzt gearbeitet und geforscht wird.

Sie wollten als Kind Jugoslawien retten und nun gleich die ganze Welt. Ist das nicht etwas idealistisch?
Es geht nicht darum, ob realistisch oder idealistisch. Es ist einfach wichtig, dass wir als gut ausgebildete Menschen unsere Verantwortung auch ernst nehmen und unseren Beitrag leisten.

Erstellt: 01.10.2017, 14:02 Uhr

Zur Person

Boris Previšic wurde 1972 in Richterswil geboren. Im Alter von 20 Jahren begann er an der Musikhochschule Winterthur/Zürich Querflöte zu studieren. Es folgten das Lehr-, Orchester- und Konzertdiplom in Basel und Paris. 2001 begann er ein Studium der Germanistik sowie der Französischen und Vergleichenden Literaturwissenschaften an der Universität Zürich, wo er auch promovierte. 2012 folgte die Habilitation in Basel. Seit 2015 belegt Previšic die SNF-Förderprofessur für Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Luzern, ist verheiratet und Vater dreier Buben.

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