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Letzte Wünsche für die neue Fähre

Im Herbst erhält die Zürichsee-Fähre Horgen-Meilen AG ihr neues Flaggschiff. Es wird den Namen der auszumusternden «Meilen» tragen. Derzeit entsteht das Schiff in Linz an der Donau. Die ZSZ hat sich den Rohbau angesehen.

Auf dem Trockenen wirkt die neue Fähre für den Betrachter mächtig, auch wenn sie in der riesigen Werfthalle wieder klein erscheint.
Auf dem Trockenen wirkt die neue Fähre für den Betrachter mächtig, auch wenn sie in der riesigen Werfthalle wieder klein erscheint.
Christian Dietz-Saluz
Eines der beiden Antriebsaggregate steht bereit zum Einbau in den Rumpf.
Eines der beiden Antriebsaggregate steht bereit zum Einbau in den Rumpf.
Christian Dietz-Saluz
Gute Aussicht vom Führerstand für Fährendelegation und Linzer Werftchefs: Fährentechnikleiter Adrian Meier, Schiffsarchitekt Bernhard Utz, Öswag- Geschäftsführer Reinhard Suppan, Fährengeschäftsführer Martin Zemp, Werkstattchef Adrian Hauser und Projektleiter Reinhard Rath (von links).
Gute Aussicht vom Führerstand für Fährendelegation und Linzer Werftchefs: Fährentechnikleiter Adrian Meier, Schiffsarchitekt Bernhard Utz, Öswag- Geschäftsführer Reinhard Suppan, Fährengeschäftsführer Martin Zemp, Werkstattchef Adrian Hauser und Projektleiter Reinhard Rath (von links).
Christian Dietz-Saluz
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Schiffe an Land erscheinen immer mächtiger als im Wasser. Das gilt auch für die neue Zürichsee-Fähre in der Werfthalle der ÖSWAG im österreichischen Linz an der Donau. Als 60 Meter langer, 13,5 Meter breiter und 11 Meter hoher Rohbau thront der stahlgraue Koloss auf Holzpflöcken. Am 2. Dezember 2015 war Kiellegung, mittlerweile steht das Schiff in voller Grösse da. Im Herbst soll es im Zürichsee schwimmen - nach rund 50 000 Arbeitsstunden. Fähren-Geschäftsführer Martin Zemp geht an diesem Februar-Montagnachmittag bedächtig übers Deck, wo bald bis zu 48 Autos befördert werden. Jetzt ist es noch besetzt von Schweissgeräten, Paletten mit Dämmmaterial, Werkzeugkisten, Gerüsten, Rohren und Ketten.

Zemp fotografiert das metallisch-nackte Schiff. Funken stieben wie ein Meteoritenschweif orange im hohen Bogen von einer Schleifmaschine. Gleissend blauweisses Licht flackert beim Schweissen. Es ist höllisch laut, das Dach der Fähre reflektiert die gellenden Hammerschläge, der Schiffskörper trägt sie vibrierend wie die Wellen, die es einmal selber werfen wird, an die Füsse der Besucher weiter. Ein Schiffsbau strahlt etwas Monströses aus.

Neu Partnerschaft gesucht

Adrian Meier, Technikleiter der Zürichseefähre, richtet die Videokamera auf die Arbeiter, dokumentiert den Baufortschritt. «Ich erlebe erstmals einen solchen Bau hautnah», sagt er. Derweil leuchtet Werkstattchef Adrian Hauser mit einer Taschenlampe die dunkelsten Ecken der Fähre aus, prüft kleinste Konstruktionsmerkmale mit Kennerblick.

Zum vorletzten Mal ist die Delegation der Fährengesellschaft auf Monatsbesuch in Linz. «Als Betriebswirtschafter kann ich viel über den Schiffsbau lernen», sagt Martin Zemp, der sein «Baby» Mal für Mal ein Stück gewachsen sieht. «So etwas erlebe ich wahrscheinlich nur ein oder zwei Mal in meiner Karriere.» Mit jedem Blick in das Schiff versteht er besser, wie die neue Fähre funktionieren wird. «Faszinierend an diesem Projekt ist der Ablauf und die Logistik des Baus, damit die Fähre in bereits fast fertigen Teilen nach Zürich transportiert werden kann.». Technisch könne er nur zum Teil mitreden, «das überlasse ich unserem Leiter Technik und seinen Mitarbeitern». Dem Geschäftsführer geht es neben der Kontaktpflege zum neuen Werftpartner um alle Fragen und Details, die nicht die Technik betreffen. «Es wäre schön, wenn daraus wieder eine Partnerschaft für Jahrzehnte werden könnte», sagt Zemp. Die Erbauerin der bisherigen fünf Fähren, die Bodan-Werft am Bodensee, gibt es nicht mehr.

Keine Kopie der «Burg»

Seit dem Management-Bayout 2004 hat sich die ÖSWAG als eine der führenden Binnenwasser-Werften Mitteleuropas etabliert. Je nach Auslastung arbeiten im 1840 gegründeten Schiffbauunternehmen bis zu 500 Personen. Heute ist Reinhard Suppan der Chef der Werft, die 2007 auch die Panta Rhei gebaut hat. Er und Projektleiter Reinhard Rath besprechen mit der Schweizer Delegation die Arbeiten für die letzten acht Wochen vor dem Transport der Fähre an den Zürichsee.

Im kleinen Sitzungsraum ist Bernhard Utz dabei. Der selbständige Schiffsbauingenieur aus dem süddeutschen Achberg hat schon die «Zürisee» und «Burg», die letzten Fähren vor fast 20 Jahren gezeichnet. «Die neue Meilen ist aber keine Kopie, sondern eine komplett neue Fähre», sagt Utz. Fortschritt in Technik und geänderte Vorschriften ergaben einen neuen Entwurf.

Die Silhouette ist unverändert, unter Wasser aber ist alles anders. «Obwohl das Schiff länger, breiter und fast 100 Tonnen schwerer ist, sollte es gemäss Schleppversuch und Berechnungen deutlich weniger Treibstoff verbrauchen», schwärmt der Schiffsarchitekt. «Da stecken letzte Erkenntnisse über Wasserverdrängung drin.» Nicht zuletzt dieser Quantensprung in der Wirtschaftlichkeit beschleunigte die Pläne zum Bau der Fähre.

Ein Kreuzchen als Fixpunkt

«Letzte Wünsche», heisst diese Bauphase, wie Martin Zemp erklärt: «Beim Stahlbau wurde nicht viel mitgeredet, erst jetzt, in der Endphase wo die Details sichtbar sind, werden aus unseren Erfahrungen kleinere Korrekturen für einen optimalen Betrieb und Unterhalt vorgenommen.» Meier und Hauser bringen ihr Praxiswissen punktgenau ein. Sie sind selbst Schiffsführer. Nun werden die Köpfe über dem Steuerpult-Plan zusammengesteckt und die Anordnung aller Knöpfe und Bedienelemente studiert – vom Scheibenwischer bis zum «Mann über Bord»-Alarmknopf. Einbau GPS, Platzierung von Lautsprechern, windunempfindlichen Mikrofonen, Steckdosen - nichts bleibt unerwähnt.

Zemp hört bei solchen Diskussionen meist nur zu. Auch Projektleiter Rath hält sich in der Runde der Fachleute zurück, scheint aber jedes Wort gedanklich in die Baupläne einzureihen. «Der kennt jeden Quadratzentimeter, jedes Teil auswendig», sagt Werftgeschäftsführer Suppan anerkennend über seinen Produktionschef.

Neun Kameras braucht die Fähre, dazu kommen Aussensteckdosen, Landescheinwerfer und Vordeckbeleuchtung. Meier und Hauser beschreiben die Praxis, nach kurzer Diskussion werden diese Details mit einem Kreuz im Plan festgehalten: Fixpunkt für den Einbau der Geräte. Für knifflige Fragen stöbern die Fähren- und Werftvertreter dicke Aktenordner durch. Computer oder Powerpoint sind nicht nötig, wenn so viel Erfahrung am Tisch sitzt. Hier werden Probleme mit Fachwissen schneller gelöst.

Nachschauen im Schiff

Die fünfstündige Sitzung ist geprägt von erstaunlicher Ruhe. Niemand fällt dem anderen ins Wort, die Stimmen bleiben stets unaufgeregt. «Im Schiffsbau braucht es ein Vertrauensverhältnis mit dem Auftraggeber», sagt Projektleiter Rath. «Das ist kein Produkt ab der Stange, wir reden miteinander, wir lösen miteinander allfällige Probleme.»

Manchmal ist noch ein Augenschein an der Fähre nötig. Dann verschwinden die Spezialisten in der Halle. Als sie nach einer Viertelstunde zurückkehren, fragt Rath ohne aufzublicken: «Und, Problem gelöst?» Sein Mitarbeiter überlässt die Antwort Adrian Hauser: «Ja, alles geklärt!»

Zügig und ruhig verläuft auch die Besprechung mit der Ausstatterfirma aus Innsbruck. Die Platzierung des Tischs im Personalraum gibt ein Problem auf. Der Notausstieg aus dem Schiffsbauch darf nicht überdeckt werden, sodass sich man sich den Kopf anschlagen könnte. Wieder hilft der Gang zur Fähre in der Halle um die Konstruktionsnuss zu knacken. «Man muss für solche Werftbesuche gut vorbereitet sein um den Gesamtablauf zu verstehen», sagt Hauser. Auch Technikchef Adrian Meier nimmt letzte offene Fragen gelassen: «Es gibt bei solchen Werftbesuchen immer etwas, an das man nicht gedacht hat. Und dann kann man es noch rechtzeitig korrigieren.»

Am 5. April geht die Reise los

Am Ende des zweitägigen Ausflugs nach Linz geht es um Farben fürs Mobiliar, Bestuhlung sowie die Handläufe. Muster werden herumgereicht. Letzter Gesprächspartner ist der Spediteur. Er gibt den Zeitplan und die Route für die vier Tiefladerkonvois bekannt. Losgehen soll es am 5. April. Bis Mitte Mai werden drei weitere Transporte zu je vier Lastwagen folgen.

Martin Zemp blickt auf die Uhr. Es ist Dienstag, 12.30 Uhr. In einer halben Stunde geht der Zug zurück in die Schweiz. Alles ist besprochen, genau nach 24 Stunden ist dieser vorletzte Werftbesuch der Fähren-Delegation abgeschlossen. Noch einer steht im März bevor. Dann wird das Schiff zerlegt und geht in 16 Teilen auf die Reise an den Zürichsee. Linz und die Donau wird es nie mehr sehen.

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