Langnau

Klein-Versailles im Sihlwald

Für die Freilicht-Eigenproduktion setzt das Turbine-Theater auf Molières Klassiker «Der Geizige». Dem Publikum im Besucherzentrum Sihlwald wird der Spiegel vorgehalten – im übertragenen und im eigentlichen Sinn.

Die Allmacht des Geldes und damit verbunden das Laster Geiz beherrschen das diesjährige Stück des Turbine-Theaters auf der Freilichtbühne im Sihlwald.

Die Allmacht des Geldes und damit verbunden das Laster Geiz beherrschen das diesjährige Stück des Turbine-Theaters auf der Freilichtbühne im Sihlwald. Bild: Visualisierung zvg

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Molière ist wie Shakespeare: Um die beiden Theaterautoren kommen weder Theaterbesucher noch Theatermacher herum. Rund um den Erdball tauchen die beiden Klassiker immer wieder in Spielplänen auf. So anschaulich handeln sie mit ihren Stücken die grossen Themen wie Liebe, Hass und Macht ab. Während Shakespeare insbesondere Tragödien geschrieben hat, hat sein französischer Kollege die Komödie als hochwertige Gattung etabliert.

Gegen Geldgier ist nur ein Kraut gewachsen

Für seine diesjährige Freilicht-Produktion greift das Turbine-Theater aus Langnau nach 2008 wieder auf Molière zurück. Peter Niklaus Steiner, Leiter des Turbine-Theaters und für die Stückauswahl verantwortlich, schätzt an Molières Werken, dass sie Tiefgang besitzen, gleichzeitig aber unterhaltsam sind: «Seine Stücke regen einem zum Denken an, aber auf witzige Art. Indem Molière menschliche Schwächen brutal bloss stellt, bringt er einen dazu, über sich selbst zu lachen.»

Im Stück «Der Geizige» (1668) sind die Allmacht des Geldes das Thema, respektive das Laster Geiz. Der reiche Harpagon will seine beiden Kinder reich verheiraten. Seine Tochter Élise verspricht er einem älteren Witwer, seinen Sohn Cléante einer hässlichen Witwe. Natürlich lieben beide jemand anderen. Zu allem Übel will der Vater auch noch die Auserwählte seines Sohnes heiraten. Damit die beiden jungen Paare zueinander finden, brauchen sie kräftige Unterstützung: Durch einen Diener, der für den Sohn die Goldschatulle des geizigen Vaters klaut, damit der Junge ein Druckmittel gegen den Alten habe. Den Ausschlag, dass dieser schliesslich von seinen Heirats- und Verheiratungsplänen absieht, gibt aber der ältere Witwer, den die Tochter heiraten sollte: Indem er den gestohlenen Goldschatz ersetzt, kauft er gleichsam die Kinder frei.

Der pessimistische Befund, dass gegen Geldgier nur ein Kraut gewachsen ist, nämlich Geld, istfür Steiner auch rund 300 Jahre später aktuell. «Gerade in der Schweiz leben wir in einer Überfülle an Geld, und trotzdem war noch nie so viel die Rede vom Sparen wie heute.»

Zwei Weltenprallen aufeinander

Die Inszenierung belässt Steiner, der Regie führt, in der Barockzeit. Er hat sich aber, anders als Molière, für ein Theater im Theater entschieden: Im Versailles des Sonnenkönigs wird ein Pavillon eingeweiht – für eine der 13 Mätressen von Louis XIV. Anlässlich dieser Einweihung spielt die Theatergruppe Molières eigentliches Stück. Zwei Welten prallen aufeinander: Der Prunk von Versailles und die düstere Sparsamkeit des Geizigen.

«Wir verwandeln den Sihlwald in Versailles», sagt Steiner mit einem Augenzwinkern. Die Zuschauer werden in einem kleinen, goldenen Spiegelsaal empfangen, als Gäste des Königs – und werden entsprechend auch hinter dem König sitzen. «Die Zuschauer dürfen nur lachen, wenn auch der König lacht», meint Steiner witzelnd.

Obwohl es eine Paraderolle für ihn wäre, spielt er die Hauptrolle nicht selbst. «Ich habe letztes Jahr eine grössere Rolle gespielt, die Zuschauer sollen auch mal jemand anderen sehen», sagt Steiner. Er hat Ingo Ospelt mit der Rolle betraut, die rund 80 Prozent Bühnenpräsenz bedeutet. Ospelt war 2014 im Sihlwald als Diener Johann Seidelbast («Drei Männer im Schnee») zu sehen. «Er ist die perfekte Besetzung für den Geizhals», sagt Steiner.

Für das Quartett der beiden jungen Paare hat Steiner vier Schauspieler verpflichtet, die kurz vor oder nach ihrem Abschluss stehen. Eine davon ist seine eigene Tochter Paulina Quintero – die 2013 in «Romeo und Julia» in der weiblichen Hauptrolle überzeugte –; sie gibt die Élise. Paulina Quintero hat auch bei der Übersetzung aus dem Französischen Original Vorarbeit geleistet, auf deren Basis Steiner die Spielfassung erarbeitet hat.

Premiere: Donnerstag, 7. Juli,20 Uhr, Besucherzentrum Sihwald. 18 weitere Aufführungen. Tickets können im Internet bestellt werden unter www.turbinetheater.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.06.2016, 15:55 Uhr

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