Bezirksgericht

Kilchberger «Richterschreck» macht seinem Ruf alle Ehre

Seit Jahren kämpft ein deutscher Ingenieur gegen die Schweizer Gerichte. Der Kilchberger Franz-Josef Schulte Wermeling ist zwar längst pensioniert. Das hält ihn aber nicht von seinem Kampf gegen Bussen ab, wie der jüngste Fall in Zürich zeigt.

Prozesse gegen den Kilchberger hat es schon Dutzende gegeben. Am Mittwoch musste der gebürtige Deutsche vor dem Bezirksgericht Zürich antraben.

Prozesse gegen den Kilchberger hat es schon Dutzende gegeben. Am Mittwoch musste der gebürtige Deutsche vor dem Bezirksgericht Zürich antraben. Bild: Archiv/Keystone

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Er hat schon Richter geohrfeigt, mit Eiern beworfen und mit Schimpfworten aus der untersten Schublade eingedeckt. Der Zwei-Meter-Mann Franz-Josef Schulte-Wermeling ist wohl der bekannteste «Richterschreck» der Schweiz. Auch im Alter von 77 Jahren ist er noch eine imposante Gestalt. Kein Wunder also, dass in der Vergangenheit schon Prozesse unter Polizeischutz durchgeführt wurden. Und Prozesse gegen den Kilchberger hat es schon Dutzende gegeben. Häufig ging es um Park- oder Geschwindigkeitsbussen. Die Medien begleiteten den Kampf des Deutschen gegen die Justiz stets grosszügig.

Neben dem Spektakel in den Gerichtssälen dürfte dabei auch eine Ungerechtigkeit eine Rolle spielen, die sich in den 1970er-Jahren abgespielt hatte. Damals wurde Schulte wegen betrügerischen Konkurses verurteilt — zu Unrecht wie sich später herausstellte. Der manchmal absurd scheinende Kampf Schultes bekam so einen Anstrich der Gerechtigkeit. Die Justiz konnte ihm jahrelang nicht nachweisen, dass er kleinere Vergehen, die mit Ordnungsbussen bestraft werden, begangen hatte. Rund 800 Bussen blieben unbezahlt.

Auf Provokationskurs

Am Mittwoch stand Schulte Wermeling wieder vor Gericht. Etwas enttäuscht fragte er die Medienvertreter, warum beim letzten Prozess niemand dabei war. Da sei doch viel mehr los gewesen. So sagt er, er sei damals von Polizisten angegangen worden. An diesem Mittwoch geht es nur um zwei Geschwindigkeitsüberschreitungen, über die am Bezirksgericht Zürich entschieden werden soll. Bussen von 120 und 40 Franken soll der Beschuldigte zahlen. Inklusive Gebühren beläuft sich die Rechnung auf 400 Franken. Ein Routinefall? Nicht mit Schulte. Kaum sieht er die Richterin, fordert er, dass sie den Fall wegen Befangenheit abgeben müsse. Sie habe in einem anderen Prozess das Protokoll gefälscht, behauptet der Beschuldigte. Die Richterin leitet den Antrag ans Obergericht weiter. Die Verhandlung wird dennoch durchgeführt.

Schulte zieht alle Register. Er zieht über Juristen her, die keine echten Wissenschaftler seien. Dummheit sei lernbar, «man muss nur lange genug Jus studieren», gibt er weiter zum Besten. Wenn ihm die Richterin ins Wort fällt, regt er sich masslos auf. Die Richterin betitelt er unter anderem als «dumme Kuh». Einmal versucht er sie durch lautes Klatschen und unflätige Geräusche abzulenken. «Jetzt provoziere ich Sie bis Sie mich hinauswerfen», kündigt er an. Ohne Erfolg.

«Gröbster Unfug»

Der Beschuldigte verlangt einen Freispruch in beiden Fällen. Wer mit angemessener Geschwindigkeit auf eine grüne Ampel zufahre, dürfe nicht bestraft werden, führt er aus. Zudem sei der Strafbefehl dem Autohalter zuzustellen, in diesem Fall seiner Frau. Zugestellt wurde er aber ihm. Die Bilder des Radars würden ihn zeigen, warf die Richterin ein. Die Bilder hätten erst verwertet werden dürfen, nachdem die Halterin den Strafbefehl erhalten habe, hielt Schulte dagegen.

Weiter führt der Beschuldigte aus, dass die Justiz Wichtigeres zu tun hätte, als Verkehrsdelikte zu verfolgen, Erbschleicherei zum Beispiel. Überhaupt sei die Verfolgung kleiner Verkehrsdelikte «gröbster Unfug, der dem Staat nur Kosten bringt». Ob die Strafbefehle bestehen bleiben oder widerrufen werden, wird erst nach dem Entscheid des Obergerichts über den Befangenheitsantrag eröffnet. Nach der 45-minütigen Show spricht Franz Schulte Wermeling der Richterin, die bemerkenswert ruhig geblieben ist, eine Art Kompliment aus: «Ich danke Ihnen für die relativ souveräne Prozessführung.»

Erstellt: 01.02.2017, 18:08 Uhr

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