Kirche

Kilchberg verwehrte der ersten Pfarrerin der Schweiz die Kanzel

Wenn Greti Caprez-Roffler das noch erleben könnte: Die reformierte Kirche, die ihr vor einem Dreivierteljahrhundert die Erfüllung verwehrt hat, gedenkt ihrer jetzt genau dort, wo sie nicht auftreten durfte.

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Die Zeit heilt Wunden. Die Ausstellung in der reformierten Kirche Kilchberg wirkt wie eine Versöhnung mit der Vergangenheit. Sechs Hörinstallationen mit Fotos und Alltagsobjekten bringen das Leben und Wirken einer Pionierin näher. Denn Greti Caprez-Roffler (1906-1994) war die erste Gemeindepfarrerin der Schweiz. Zuvor an anderen Orten geliebt und verehrt durfte sie hier nicht predigen, obwohl die Theologin 19 Jahre als Frau des Pfarrers in Kilchberg lebte.

Hintergründig geht es um eine faszinierende Frau. Sie brach 1931 den Bann und wurde Pfarrerin im Prättigauer Bergdorf Furna. Dabei wurden bereits 1918 zwei Frauen in der Zürcher Landeskirche ordiniert, durften aber nur als «Pfarrhelferinnen» arbeiten. Der Staat verbot ihnen das volle Pfarramt, weil sie dafür gewählt werden mussten. Ohne Frauenstimmrecht – weder aktiv noch passiv – war dies nicht möglich. Die Furner Bergbauern machten eine Ausnahme und gewannen eine junge Pfarrerin, soeben erstmals Mutter geworden.

Leiden in Kilchberg

Das löste Entrüstung aus. Der Kirchenrat beschlagnahmte das Kirchgemeindevermögen. Im Dorf aber liebte man die erste Gemeindepfarrerin der Schweiz. Ihre Beliebtheit sprach sich herum, 1941 übernahm sie mit ihrem Mann Gian, der vom Ingenieur zum Theologen und Pfarrer umsattelte, die Stelle als Spitals- und Gefängnispfarrer in Chur.

1947 erhält Gian Caprez-Roffler das verlockende Stellenangebot als Pfarrer im damals schon gut bemittelten Kilchberg. Das Ehepaar zieht mit seinen sechs Kindern ins Unterland. Für Greti wird es zum 19 Jahre währenden Trauma: Der zweite Pfarrer von Kilchberg stellt sich vehement gegen die Frau auf der Kanzel. Sie wird sich dem Schicksal fügen und später bekennen: «Ich hätte nie gedacht, dass es für mich so schwer werden könnte, einem brennenden Feuer gleich, nicht predigen zu dürfen.»

So klingt die Hörinstallation in der reformierten Kirche.

Erst 1966 predigt sie wieder, nachdem die «Ehekameraden» als Pfarrer im Bündnerischen Rheinwald am San Bernardino berufen werden. Greti spricht in ihren letzten vier Berufsjahren von der Kanzel auch offen über Sexualität und rät Ehefrauen in ausweglosen Situationen zur Scheidung.

1963 wird sie im Zürcher Grossmünster mit elf anderen Theologinnen vom Zürcher Kirchenrat ordiniert, 1966 von der Bündner Pfarrer-Synode in ihren Reihen aufgenommen. Die Anerkennung, ja Rehabilitation kam also spät – jetzt auch mit der Ausstellung in Kilchberg. Gestaltet hat sie die Historikerin und Journalistin Christina Caprez. Dass die Enkelin die Aufarbeitung eines bisher unbeachteten Kapitels Schweizer Kirchgeschichte vorantreibt, lässt die Besucher der Schau beinahe in familiär intime Nähe zur ersten Pfarrerin des Landes treten.

Reformierte Kirche Kilchberg, täglich 8 bis 17 Uhr, bis 10. Juni. Freitag, 24. Mai, 18 und 21 Uhr: Führung mit Christina Caprez. 19.30 Uhr: Lesung von Christina Caprez im C.F. Meyer-Haus in Kilchberg. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.05.2019, 16:58 Uhr

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Ein Vorbild für Pfarrerinnen

Für Anne-Käthi Rüegg-Schweizer, Pfarrerin in Zollikon und 2012 zur ersten Dekanin im Kanton Zürich gewählt, waren das Leben von Greti Caprez-Roffler und ihr Ausreizen von Grenzen eine Ermutigung und ein Vorbild. «Sie zeigte mir, dass sich sogar Muttersein mit dem Pfarramt vereinbaren lässt.» Sie habe sich auf ihrem kämpferischen Weg auf die Kanzel auch nicht vor vielen Schwierigkeiten und Demütigungen gescheut. «Schön ist, dass sie noch erlebte, dass sich ihr Kampf gelohnt hatte», sagt Rüegg-Schweizer.

Sibylle Forrer, Pfarrerin in Kilchberg, verdankt es unter anderem dem Kampf und dem Willen von Frauen wie Greti Caprez-Roffler, «dass ich heute ganz selbstverständlich als Frau auf der Kanzel stehen kann». Ihr Leben zeige, dass der Glaube immer auch eine politische Dimension habe und den Widerstand gegen Ungerechtigkeiten wie die Diskriminierung von Frauen fordere. Forrer kritisiert, dass die römisch-katholische Kirche den Frauen noch immer den Zugang zum Priesteramt verweigert. «Als reformierte Pfarrerin zeige ich mich selbstverständlich solidarisch mit den katholischen Frauen.»

Jacqueline Sonego Mettner (Meilen) nennt Greti Caprez-Roffler eine der zwölf Apostelinnen, die 1963 im Grossmünster ordiniert wurden. «Diese Frauen waren Pionierinnen, sie hatten eine leitende Funktion und öffentliche Präsenz in einer Zeit, in der die Frauen in der Schweiz immer noch für das Stimmrecht kämpfen mussten.» Das Besondere an Greti Caprez-Roffler sei, dass sie damals bereits seit 33 Jahren pfarramtlich unterwegs war und dabei trotz «allergrössten Widerständen, vielen Rückschlägen, Diskriminierungen und Demütigungen mit Energie und Freude als Pfarrerin arbeiten wollte». (di)

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