Wädenswil

«Jetzt zweifelt keiner mehr an uns»

An der ZHAW in Wädenswil wird international stark beachtete Pionierarbeit geleistet. Seit fünf Jahren gibt es das Kompetenzzentrum «Gewebe zur Wirkstoffentwicklung».

Die Leiterin des Kompetenzzentrums an der ZHAW in Wädenswil, Ursula Graf-Hausner, und ihr Nachfolger Michael Raghunath demonstrieren im Labor eine 3-D-Platte zur Prüfung von menschlichem Muskel- und Sehnengewebe.

Die Leiterin des Kompetenzzentrums an der ZHAW in Wädenswil, Ursula Graf-Hausner, und ihr Nachfolger Michael Raghunath demonstrieren im Labor eine 3-D-Platte zur Prüfung von menschlichem Muskel- und Sehnengewebe. Bild: Michael Trost

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Es ist das «Lieblingskind» von Ursula Graf-Hausner: das 2011 gegründete Kompetenzzentrum «Gewebe zur Wirkstoffentwicklung» (TEDD) an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil. Die Leiterin des Zentrums hat es zusammen mit dem Firmenpartner InSphero AG aus Schlieren aus der Taufe gehoben. Im Oktober tritt sie in den Ruhestand. Wobei das Wort Ruhestand nicht ganz zutrifft. Die ZHAW-Professorin wird nach dem Abgang an der Hochschule ihre vor kurzem gegründete Consulting-Firma im Bereich 3D-Zellkulturen führen.

Strategisch richtiger Schritt

Nicht nur in der Schweiz, auch international spielt das TEDD an der Schnittstelle von Forschung und Praxis im Bereich Medizinaltechnik eine Pionierrolle. Bis zum Zeitpunkt seiner Gründung lief im Bereich der Pharma- und Kosmetikbranche bei der Entwicklung neuer Präparate alles über Tierversuche, die jedoch ins Schussfeld der öffentlichen Kritik gerieten. Der Entscheid von TEDD, auf das Tissue Engineering zu setzen, die Züchtung von lebendem Gewebe im Reagenzglas, stellte sich als strategisch richtig heraus. Auch im Körper kommen nur 3-D-Zellkulturen vor. Und seit 2013 dürfen in der EU keine Tierversuche mehr für Kosmetikprodukte durchgeführt werden. In der Pharmaindustrie hingegen sind Tierversuche für Medikamente, die neu auf den Markt kommen, immer noch gesetzlich vorgeschrieben.

Das von Graf-Hausner im Vorfeld der Eröffnung des Kompetenzzentrums festgestellte grosse Interesse seitens der Industrie und Forschungspartner hat sich seither nicht nur bestätigt, sondern erhöht. «Uns standen von Anfang an alle Türen für die 3-D-Gewebemodelle offen, selbst bei ‘Big Pharma’», sagt Ursula Graf-Hausner: «Das Vertrauen mussten wir uns allerdings erarbeiten». Da und dort war zu Beginn Skepsis an der Relevanz dieser neuen Technologie zu hören: «Jetzt zweifelt keiner mehr an uns». Innerhalb der letzten fünf Jahre ist die Zahl der zahlenden Mitglieder bei TEDD von 16 zu Beginn auf heute 91 gestiegen. Sie kommen aus Universitäten, Forschungsinstitutionen und der Wirtschaft. Auch Roche und Novartis gehören dazu. Aber auch kleinere Technologie-Firmen aus der Region, wie die in der Laborautomatisation tätige Tecan in Männedorf und Weidmann Medical Technology in Rapperswil (siehe Kasten), sind dabei.

Privilegierter Zugang

Die Mitglieder nehmen an den Aktivitäten von TEDD teil und erhalten einen privilegierten Zugang zu Forschungsergebnissen und Informationen aus erster Hand. An den Events, die die massgebenden Leute aus der Industrie und Akademie auf der TEDD-Plattform zusammenbringen, können diese ihre Wünsche im Bereich 3-D-Zellkultivierung formulieren. Daraus entstehen neue Forschungsprojekte am Kompetenzzentrum und im Netzwerk. Inzwischen ist das mit grossen Ambitionen und grosser medialer Anteilnahme gestartete Prestigeprojekt der ZHAW in Wädenswil, mit dem Ziel ein nationales Kompetenzzentrum zu schaffen, längst über die Aufbauphase hinaus gewachsen.

Das Zentrum hat es laut Ursula Graf-Hausner geschafft, alle wichtigen Akteure in der Schweiz, die im Bereich der 3-D-Zellkultivierung tätig sind, entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Grundlagenforschung, über die angewandte Forschung bis zur Industrie (Pharma, Medizintechnik, Kosmetik), hinter sich zu scharen. «Durch den gemeinsamen Auftritt können wir auch im internationalen Vergleich geeint und stärker auftreten», meint Graf-Hausner. Zudem steigen die Chancen, als Konsortium mehr Fördergelder zu generieren.

Kampf um Fördergelder

Die Gebert-Rüf-Stiftung in Basel gewährte dem TEDD für die ersten beiden Jahre eine Anschubfinanzierung von 300000 Franken. Im Vergleich zum Ausland sind die staatlichen Fördermittel, die hierzulande ausgeschüttet werden, allerdings äusserst bescheiden. In den USA stehen den Labors an den Universitäten, die auf dem Gebiet des Tissue Engineering forschen, hohe zweistellige Millionenbeträge, verteilt über mehrere Jahre, zur Verfügung.

Angeklopft hat das TEDD, das sich zu einem wichtigen Teil aus der ZHAW heraus finanziert, in Bern schon mehrere Male bei den Nationalen Forschungsprogrammen. Die entsprechenden Programme und Projektbeschriebe in Wädenswil stehen bereit. «Doch wir hatten bisher kein Glück, obwohl wir stets in der engeren Wahl waren», erklärt Graf-Hausner. Sie will sich davon aber nicht entmutigen lassen und weiterhin Überzeugungsarbeit leisten. Gute Argumente hat sie ja mehr als genug. «Dann wird sich der Erfolg früher oder später einstellen». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.07.2016, 13:54 Uhr

Standort Schweiz

Europaweit führend

Die ZHAW verlässt die promovierte Biologin Ursula Graf-Hausner mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Forscherin bezeichnet die Schweiz in Bezug auf die 3-D-Zellkulturen als europaweit führenden Standort: «Es gibt kein vergleichbares Kompetenzzentrum, wie wir es sind». Neben verständlicher Wehmut angesichts des nahenden Abschieds weiss sie das Projekt zur Züchtung von menschlichem Gewebe im Reagenzglas weiterhin in guten Händen. Ihre Nachfolge tritt Michael Raghunath an.

Der 55-jährige Deutsche hat die letzten 13 Jahre als Associate Professor an der National University in Singapur verbracht und sich dort auf dem Gebiet der Stammzellenentwicklung und der Umwandlung von weissem in braunes (wärmespeicherndes) Fettgewebe bei Kleinkindern und Erwachsenen einen Namen gemacht. Diese Arbeit will er in Wädenswil fortsetzen. Zwischen 1990 und 1995 hatte Raghunath als Postdoc im Bereich Humanmedizin auch eine Zeit lang in der Schweiz am Kinderspital in Zürich gewirkt. (ths)

«Frische haut aus dem Drucker»

Weidmann Medical Technology an Forschungsprojekt beteiligt

Die 3D-Drucktechnologie kommt zunehmend auch in der Medizin zum Einsatz, etwa bei der Herstellung von dreidimensionalen menschlichen Geweben. Mit dem 3D-Drucker können lebende Zellen und Gerüstsubstanzen exakt positioniert werden. So wird die komplexe Situation in unserem Körper so gut wie möglich nachgeahmt. Die eidgenössische Kommission für Technologie und Innovation (KTI), die Förderagentur des Bundes, spricht von der «frischen Haut aus dem Drucker». Das Kompetenzzentrum ‘Gewebe zur Wirkstoffentwicklung’ (TEDD) an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil hat im Mai ein von der KTI unterstütztes 3D-Bioprinting-Forschungsprojekt erfolgreich abgeschlossen.

Das Ziel war es, Pharmafirmen eine Plattform (3D-Platten) zur Verfügung zu stellen, auf der sie menschliche Muskeln und Sehnen mit dem 3D-Bioprinter herstellen und ihre Wirkstoffe testen können. Mit den so hergestellten Muskelmodellen sollen Wirkstoffe effizienter und relevanter getestet werden, als es bisher mit isolierten Mausmuskeln der Fall war. Als Industriepartner mit an Bord war neben dem Basler Pharmakonzern Novartis und der Firma RegenHU aus Villaz-St-Pierre FR, welche ebendiese Geräte herstellt, auch die Weidmann Medical Technology, eine Tochter der Wicor-Gruppe.

Die Rapperswiler Firma entwickelte im Rahmen des Projekts Kunststoff-Komponenten, die es erlauben, darauf mittels 3D-Bioprinting Muskel- und Sehnenzellen so zu platzieren, dass diese für die Wirkstoff-Entwicklung genutzt werden können. Weidmann Medical Technology sei bekannt als innovativer Partner im Bereich von Kunststoff-Spritzguss und Entwicklungen im Bereich Pharma, sagt Geschäftsleiter Uwe Tomschin: «Nur durch Innovationen können wir uns im Markt behaupten und Arbeitsplätze in der Schweiz sichern». Daher sei sein Unternehmen von der ZHAW für dieses Projekt angefragt worden. Die Ergebnisse zeigten nun, dass von allen Partnern Optimierungen gewünscht würden. Daher werde das Projekt – zusammen mit der KTI – weitergeführt. (ths)

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