Horgen

Im olympischen Prestigebau steckt viel Horgner Wissen

Wenn in Lausanne zur Zeit der neue IOC-Hauptsitz gebaut wird, so steht eines fest: Ohne den Chemiekonzern Dow mit Sitz in Horgen sähe der futuristische Bau nicht gleich aus.

Der neue Hauptsitz des Internationalen Olympischen Komitees in Lausanne mit seiner geschweiften Gebäudeform wird im Juni 2019 eröffnet.

Der neue Hauptsitz des Internationalen Olympischen Komitees in Lausanne mit seiner geschweiften Gebäudeform wird im Juni 2019 eröffnet. Bild: Visualisierung: PD

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Er wirkt wie eine Bürostadt, der Gebäudekomplex im Horgner Quartier Rietwies. Doch am Horgner Standort des US-amerikanischen Chemie- und Technologie-Unternehmens Dow wird auch und vor allem geforscht. In den Labors wird getüftelt: Wie ein Silikonkleber, der Glas und Metall zusammen klebt und der UV-Strahlung trotzt, und dabei nicht nur kälte- sondern auch hitzebeständig wird. Wie belastbar recyclierbare Chipstüten aus neuartigen, nicht auf Erdöl basierenden Polymeren sind. Oder wie eine Matratze, die sich zwar ihrem Nutzer anpasst, dennoch formstabil bleibt.

In vielen alltäglichen Dingen steckt mit anderen Worten Dow drin. «Den Menschen aufzuzeigen, was wir machen, ist eine unserer grossen Herausforderungen», sagt Nicoletta Piccolrovazzi. Sie arbeitet seit 29 Jahren für den Chemiekonzern. Als Technische Direktorin für Dow Olympique & Sport Solutions ist sie auch für die Technologie- und Nachhaltigkeitsprojekte der Partnerschaft mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) verantwortlich. Diese Zusammenarbeit haben beide Seiten seit den 1980er Jahren kontinuierlich ausgebaut. Seit 2010 ist Dow offizieller Partner des IOC und dessen Chemiefirma, seit 2017 Nachhaltigkeitspartner. Da ist es nur logisch, dass Dow auch am Bau des neuen IOC-Hauptsitzes mitarbeitet.

Am Horgner Standort des Chemiekonzerns Dow tüfteln 600 Mitarbeiter daran, Teppichkleber, Steuerräder von Rennwagen oder Matratzen zu verbessern. Bild: Manuela Matt.

Preis für Wirtschaftschemie

«Weil unsere Arbeit nicht gut sichtbar ist, ist die Plattform des Sports und des IOC so wichtig für uns», sagt Nicoletta Piccolrovazzi. «Ein Projekt wie der neue Hauptsitz des IOC in Lausanne ermöglicht uns, den Leuten im Ansatz zu erklären, was wir machen.» Der Chemiekonzern liefert Silikonklebe- und -dichtstoffe für die Fassade, ein Bindemittel für die Innenfarbe, Fliessenkleber sowie eine wasserdichte Membran fürs Garagendach. Also jeweils Teilelemente, die beim Verlegen der Fliesen zum Einsatz kommen, oder der Farbe beigemischt werden.

Marc Winet und Nicoletta Piccolrovazzi arbeiten beide seit 29 Jahren für Dow. Bild: Michael Trost.

«Abgesehen von unseren Silikonprodukten liefern wir kaum End-, sondern meist Zwischenprodukte», sagt Nicoletta Piccolrovazzi. Das heisst, Dow ist auch nicht ständig präsent auf der Baustelle in Lausanne. Der Kontakt bestehe zu den Architekten und jenen Handwerkern, welche die Fliesen legen, die Fassade montieren oder die Wände streichen. Bis jetzt lief laut Nicoletta Piccolrovazzi alles glatt.

Der Teufel steckt gerade in der Chemie im Detail – denen widmen sich die 600 Dow-Mitarbeiter in Horgen. Und zwar immer wieder erfolgreich. Ist die Firma doch beispielsweise 2015 mit dem Preis für Wirtschaftschemie ausgezeichnet worden. Und zwar für einen Zweikomponenten-Klebstoff, der im Fahrzeugbau ganz neue Möglichkeiten eröffnet hat.

Optimierte Chemiebausteine

«Der Anspruch an Autos ist heute, dass sie möglichst leicht, trotzdem aber sicher sind», sagt Marc Winet, Geschäftsleiter von Dow Schweiz. Der neuartige Kleber erlaubt es, unterschiedliche Materialien – zum Beispiel Verbundwerkstoffe und Metalle – miteinander zu verkleben, so dass die Stabilität der Autos auch bei einem Aufprall gegeben ist.

Revolutionen geschehen dabei in kleinen Schritten. «Wir haben nicht ständig komplett neue Ideen», sagt Winet. «Für unsere Silikonklebe- und dichtstoffe verwenden wir dieselben Bausteine und modifizieren diese, um den Anforderungen der Wünsche gerecht zu werden. Wir loten einfach aus, auf welch verschiedene Arten die Bausteine verwendet werden können.» Es seien die Kunden, die mit ihren Anforderungen an Dow herantreten. Und und sich beispielsweise wünschen , dass ein Klebstoff länger hält oder hitzebeständiger ist.

Dann analysieren die Mitarbeiter der Labors – die Sherlock Holmes der Firma, wie sie sich nennen – die Zusammensetzung von Stoffen, indem sie sie aufspalten und auf Lichtempfindlichkeit testen. Und überlegen, wie der Stoff optimal formulier werden kann, wie es in der Fachsprache heisst. «An die Kunden zurück geht ein Produkt erst, wenn wir es auf Herz und Nieren geprüft haben», sagt Marc Winet. «Wenn wir belegen können, dass es ihren Ansprüchen genügt.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.09.2018, 15:21 Uhr

Nachgefragt

«Wir begleiten die Leute von früh bis spät»

Marc Winet, Dow liefert wichtige Bestandteile für den im Bau befindlichen Hauptsitz des IOC in Lausanne. Inwieweit kommt der normale Bürger mit Ihren Produkten in Kontakt?
Marc Winet: Wir begleiten die Leute von früh bis spät mit unseren Produkten (lacht). Das beginnt mit der Matratze, auf der sie liegen, da tüfteln wir an den verschiedenen Schaumlagen. Der Parkett ist wahrscheinlich mit einem Leim verklebt, den wir mit entwickelt haben. Im Shampoo stecken Additive von uns, die das Produkt dickflüssig machen. Im Kühlschrank steckt möglicherweise Isoliermaterial von uns… so geht das weiter, über die Schuhsohlen, die Tramsitze, die Folie, in der eine Gurke eingeschweisst ist...

… überall steckt Dow drin?
Nicht nur, aber auch, ja.

Sie haben die Folie erwähnt, in der eine Gurke eingeschweisst ist. Die Verpackungsindustrie ist ziemlich in der Kritik. Was erwidern Sie auf solche Kritik?
Man muss immer wissen, was man will. Eine eingeschweisste Gurke kann man gut und gerne 14 Tage lagern. Eine unverpackte gerade mal zwei oder drei Tage. Es ist immer ein Abwägen. Aber wir arbeiten natürlich intensiv an der Verbesserung unserer Verpackungslösungen.

Für den neuen IOC-Hauptsitz liefern Sie unter anderem Silikonklebstoffe. Können Sie beziffern, wie lange sie für dieses eine Produkt geforscht haben?
Nein. Denn in jedem Produkt bauen wir auf frühere Erfahrungen auf. Der genannte Silikonkleber kam beispielsweise in jeweils etwas anderer Form beim Prime Tower in Zürich oder dem Burj Khalifa in Dubai zum Einsatz. So gesehen steckt in jedem Produkt jahrzehntelange Forschung. Aber bis ein weiter entwickeltes Folgeprodukt auf den Markt kommt, dauert es circa 18 bis 24 Monate.

Hand aufs Herz – wie sicher ist die Glasfassade eines Prime Towers oder eines Burj Khalifa?
Extrem sicher. In unseren Köpfen geistert die fixe Vorstellung herum, dass etwas nur sicher ist, wenn es verschraubt ist.

Würden Sie auch bei einen Erdbeben in der Nähe der beiden Gebäude bleiben?
Nun ja, bei einer Stärke von 8 auf der Richterskala nicht mehr. Da hält nicht nur die Fassade nicht mehr.

Können Sie beziffern, wie viel Geld Dow in die Entwicklung eines Produkts wie den Silikonkleber steckt?
Produktespezifische Aussagen sind schwierig. Aber eine generelle Aussage kann ich machen: Wir investieren pro ungefähr Jahr 1,7 Milliarden US Dollar in Forschung und Entwicklung. Das entpricht cira 3 Prozent unseres Umsatzes.

Wie wichtig ist für Dow die Partnerschaft mit dem IOC?
Enorm wichtig. Wir nützen die Sportplattform, um den Menschen eine Idee zu vermitteln, woran wir tagein, tagaus arbeiten. Denn das entzieht sich dem Vorstellungsvermögen der meisten Menschen.

Inwieweit betreibt Dow auch Grundlagenforschung?
Grundlagenforschung wird an veschiedenen Standorten betrieben, vor allem am US-amerikanischen Hauptsitz in Midland. In Horgen steht die Anwendungstechnik im Vordergrund. Wir bekommen zum Beispiel den Auftrag, einen Farbanstrich zu verbessern, etwa, ihn wasserfester hinzubekommen.

Marc Winet, Geschäftsleiter Dow Schweiz

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