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«In der Schweiz war der Kalte Krieg noch kälter»

Thomas Buomberger, freischaffender Historiker und Journalist, referiert am Mittwoch in Wädenswil über sein neustes Buch «Die Schweiz im Kalten Krieg». Im Interview spricht er über eine Zeit, in der die Schweiz – von Angst geprägt – Massnahmen gegen einen unrealistischen Atomschlag traf.

Thomas Buomberger: «Der Schweizer Antikommunismus war eine ideale Ablenkung vom 2. Weltkrieg.»
Thomas Buomberger: «Der Schweizer Antikommunismus war eine ideale Ablenkung vom 2. Weltkrieg.»
Manuela Matt

Sie sind selber zu Beginn des ­Kalten Krieges geboren. Wie ­haben Sie diese Zeit erlebt?Thomas Buomberger:Die Fünfziger- und Sechzigerjahre habe ich als Kind beziehungsweise als Jugendlicher erlebt. Ich erinnere mich daran, wie besonders während der Kuba-Krise das diffuse Gefühl der Angst umherging. Es lag irgendetwas Schreckliches in der Luft, was ich jedoch nicht genauer erfassen konnte.

Und wie würden Sie die Schweiz während des Kalten Kriegs aus der heutigen Sicht beschreiben?Da ich mich nun bewusst mit ­diesem Thema beschäftigt habe, empfinde ich die damaligen Umstände als viel verrückter und bedrückender. Die Epoche war ­geprägt von Paranoia und Angst vor dem Kommunismus, welcher in der Schweiz als die zentrale Bedrohung dargestellt wurde.

War das nicht in ganz ­Westeuropa so?Der Kalte Krieg war in der Schweiz noch kälter und der Antikommunismus stärker ausgeprägt. Das, obwohl die Kommunisten in der Schweiz nie eine grosse Rolle spielten. Bei den Nationalratswahlen 1947 erhielten sie gerade mal fünf Prozent der Stimmen. Auch vonseiten der Sowjetunion bestand überhaupt kein Interesse an der Schweiz oder an der kommunistischen Partei der Arbeit (PdA).

«Die Epoche war geprägt von einer paranoiden Angst vor dem Kommunismus.»

Thomas Buomberger

Wieso aber war der Schweizer Antikommunismus so stark?Das hängt mit der Idee der Geis­tigen Landesverteidigung zusammen, welche bereits vor dem Zweiten Weltkrieg als geistig-kulturelles Abwehrdispositiv gegen die Naziideologie entwickelt wurde. Darin sollten die typisch schweizerischen Werte betont werden: Direkte Demokratie, kulturelle Vielfalt und Föderalismus. Damit konnten sich fast alle identifizieren, ausser die ganz Linken und die Frontisten.

Wie konnte dieses Konzept nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eingesetzt werden?Die Ideologie liess sich einfach auf den neuen Feind, den Kommunismus, übertragen. Die Sowjetunion ersetzte Nazideutschland als neue Bedrohung. Dabei hat die Schweiz es verpasst, sich nach Kriegsende gegenüber dem Ausland zu öffnen. Sie blieb bis Ende der Sech­zigerjahre geistig eingeigelt.

Das rechtfertigt aber nicht die Schärfe des schweizerischen Antikommunismus.Für die Schweiz war er eine ideale Ablenkung, weil man sich während des Weltkriegs wenig neu­tral verhalten hatte. Die Alliierten beschuldigten die Schweiz als Zulieferin Nazideutschlands und als Profiteurin. Also wollte die Schweiz diesmal auf der richtigen Seite, der Siegerseite, sein. Der starke Antikommunismus hatte also etwas Überkompensatorisches. Man hatte ein schlechtes Gewissen, weil man zu sehr mit Deutschland kooperiert ­hatte.

Wie zeigte sich diese ­Überkompensation?In der Schweiz hatte die Vorstellung, einen Atomkrieg zu führen, eine einzigartige Verbunkerung zur Folge. Für rund 110 Prozent der Bevölkerung gibt es bis heute einen atomsicheren Schutzplatz. Das Absurde dabei ist, dass bei der Errichtung der Anlagen keine Gedanken daran verschwendet wurden, wie das Weiterleben in einer verseuchten Umgebung stattfinden sollte. Zusätzlich wurde die Armee massiv aufgerüstet, weil man – wie die Begründung lau­tete – ein Vakuum in Europa vermeiden wollte. Während des Kalten Krieges konnten bis zu 800 000 Soldaten mobilisiert werden. Es gab sogar das wahnsinnige Projekt, eine eigene Atombombe zu entwickeln. Das Unterfangen wurde zum Glück rechtzeitig vom Bundesrat gestoppt.

Mit dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges brach der Kommunismus zusammen. Welche Auswirkungen hatte dies auf das Konzept der Geistigen Landesverteidigung?Der SVP gelang es, diesen Kadaver wiederzubeleben in ihrem Kampf gegen den möglichen Schweizer EU-Beitritt. In ihren Vorstellungen kommt der Feind nun aus Brüssel, welcher die schweizerischen Werte zerstört. In gewissen Teilen der Gesellschaft scheint die Mentalität der Abschottung also weiterhin zu existieren.

Trotzdem hat sich das gesellschaftliche Klima verändert.Was mich in dieser Hinsicht aber erstaunt, ist, dass die Bedrohung durch Atomwaffen völlig aus dem Bewusstsein verschwunden ist. Die Grossmächte haben ihre Atomarsenale zwar verkleinert, aber auch modernisiert. Weltweit ist immer noch genügend Potenzial vorhanden, um die Erde mehrfach zu zerstören.

Mittwoch, 23. August, 14.30 Uhr, Gemeinderatssaal Untermosen, Gulmenstrasse 4, Wädenswil, Unkostenbeitrag von 10 Franken inklusive Kaffee.

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