Zeitgeschichte

«Immer mehr haben ihr Schweigen gebrochen»

Wissenschaftler haben die administrative Versorgung, bei der Jugendliche und Erwachsene weggesperrt wurden, aufgearbeitet.

Das imposante Gebäude an der Waisenhausstrasse 16 beherbergte von 1848 bis 1966 Kinder ohne Eltern oder aus zerrütteten Familien. Später wurde es zum Jugendheim. Heute ist es ein Internat.

Das imposante Gebäude an der Waisenhausstrasse 16 beherbergte von 1848 bis 1966 Kinder ohne Eltern oder aus zerrütteten Familien. Später wurde es zum Jugendheim. Heute ist es ein Internat. Bild: pd

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Als freischaffende Historikerin beschäftigt sich Loretta Seglias seit vielen Jahren mit der Fremdplatzierung von Kindern und Erwachsenen. Vor vier Jahren wurde sie aufgrund ihres Vorwissens in die vom Bundesrat beauftragte Unabhängige Expertenkommission administrative Versorgungen (UEK) gewählt. Diese untersucht die Geschichte der administrativen Versorgungen vor 1981 in der Schweiz. Jugendliche und Erwachsene, deren Handeln und Lebensstil aus Sicht der Behörden nicht den damaligen gesellschaftlichen Normen entsprachen, wurden, ohne eine Straftat begangen zu haben, in Anstalten gesperrt.

Was war die Aufgabe Ihres Forschungsteams?
Loretta Seglias: Wir haben wissenschaftlich erforscht, wie die administrative Versorgung in den Institutionen umgesetzt wurde und welche Wege aus einer Internierung führten. Untersucht und verglichen werden unter anderem Aspekte des Alltags, Formen der Disziplinierung oder die Ökonomie der Anstalten.

Wie gross ist die Zahl der betroffenen Personen?
Betroffen sind mehrere 10'000 Personen. Wir sind aber der Ansicht, dass in der historischen Bewertung nicht die Anzahl der vollzogenen administrativen Versorgungen ausschlaggebend sein sollte, sondern die Art und Weise, wie mit den betroffenen Personen aufgrund ihrer Stigmatisierung umgegangen wurde.

«Die Erfahrung der Stigmatisierung und die Angst, erneut stigmatisiert zu werden, ist da.»Loretta Seglias, Historikerin Wädenswil.

Einige Zeitzeugen sind bereits verstorben. Warum fing man erst jetzt mit der Aufarbeitung an?
Es gab auch früher Kritiker der administrativen Versorgung und von weiteren fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen, zu denen auch Massnahmen wie die Platzierung von Kindern in Pflegefamilien oder Adoptionen und Sterilisation unter Zwang zählten. In einzelnen Fällen auch mit Wirkung. So führten etwa Reportagen von Paul Senn und Peter Surava zur Schliessung des Kinderheims Sonnenberg in Luzern. Die Gesellschaft war jedoch noch nicht bereit, genau hinzusehen.

Was hat nun zum Umdenken geführt?
Die aktuelle Diskussion hat um die Jahrhundertwende eine neue Dynamik erreicht. Immer mehr Betroffene haben ihr Schweigen gebrochen und lange für ihr Anliegen gekämpft. Forschende haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Politiker, Kulturschaffende und die Presse interessierten sich für das Thema, sodass auch ein politisches Umdenken möglich war.

Waren die Betroffenen bereit, über das Erlebte zu reden?
Die Möglichkeit, über das Erlebte zu sprechen, ist unterschiedlich. Über die eigene Geschichte zu sprechen, besonders, wenn sie traumatisierende Erlebnisse beinhaltet, ist schwierig. Mit dem Namen an die Öffentlichkeit zu gehen, braucht noch einmal Mut. Die Erfahrung der Stigmatisierung und die Angst, erneut stigmatisiert zu werden, ist da und sie ist leider immer noch berechtigt.

Warum ist es wichtig, die Geschichte der administrativen Versorgung aufzuarbeiten?
Unsere Forschung ist Teil eines Rehabilitationsprozesses. Wir arbeiten Ereignisse und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit faktenbasiert auf. Neben Bund und Kanton beginnen immer mehr Institutionen ihre Geschichte zu beleuchten. Das ist wichtig und ermöglicht eine noch breitere Auseinandersetzung mit diesem Thema. Die Resultate können vielleicht auch als Anstoss für Überlegungen dienen, wie heute im Spannungsfeld zwischen Hilfe und Zwang gehandelt werden soll.

Wie ist das Waisenhaus Wädenswil in die Anstaltslandschaft einzuordnen?
Das Waisenhaus Wädenswil war ein Heim für Kinder und Jugendliche. Auch wenn es sich dabei eher um eine kleine Institution handelt, so ist sie doch exemplarisch für andere. Weitere Heime gab es rund um den See in der Au, in Richterswil, Thalwil, Herrliberg oder Stäfa.

Erstellt: 29.03.2019, 09:00 Uhr

Loretta Seglias, Historikerin Wädenswil. (Bild: pd)

Zeitgeschichte

Historiker arbeiten Schicksale von Weggesperrten auf

Eine grosse Zahl von Jugendlichen und Erwachsenen wurde vor 1981 in der Schweiz aufgrund ihres Handelns und ihres Lebensstils in Anstalten gesperrt. Ausschlaggebend war dafür die Sicht der Behörden, die häufig deren Lebensstil als nicht der damaligen gesellschaftlichen Norm entsprechend erachteten. Eine Straftat lag dabei nicht vor.

Unrecht begreifen

Innerhalb von vier Jahren hat die Unabhängige Expertenkommission (UEK) diese sogenannten Administrativen Versorgungen im Auftrag des Bundesrats aufgearbeitet. Von März bis September präsentiert die UEK nun ihre Ergebnisse. Dies mit dem Ziel, dass sich die Öffentlichkeit mit der Thematik der administrativen Versorgungen und den Schicksalen der betroffenen Personen auseinandersetzt. Um die Geschichte der administrativen Versorgung in die Öffentlichkeit zu tragen, hat die UEK eine Wanderausstellung lanciert, die seit März und bis Anfang Juni durch zwölf Schweizer Städte reist. Parallel dazu finden an den verschiedenen Orten Veranstaltungen statt. Derzeit gastiert die Ausstellung in Zürich.

Erinnerungen Betroffener

Mitglied der Expertenkommission ist die aus Wädenswil stammende freischaffende Historikerin Loretta Seglias, die während mehrerer Jahre zum Schweizer Verdingkinderwesen forschte. Sie wird am Sonntag zu Gast in Wädenswil sein. Dort findet unter dem Titel «Wädenswil in der Anstaltslandschaft Schweiz» ein Vortrag über die Betroffenen aus dem Waisenhaus Wädenswil statt. Der Blick soll dann auf das Anstaltswesen der Schweiz geöffnet werden.

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