Schuleintritt

Immer mehr Eltern halten ihre Kinder für zu jung für den Chindsgi

Nicht alle schulpflichtigen Kinder haben am Montag das erste Mal ihr Kindergartentäschli gepackt. Einige der Vierjährigen bleiben noch ein Jahr daheim. Die Schulen am Zürichsee haben viele Gesuche um Rückstellung erhalten.

Wenn es den Eltern zu schnell geht: Bei den Schulen am Zürichsee gehen für den Kindergarteneintritt immer mehr Gesuche um Rückstellung ein.

Wenn es den Eltern zu schnell geht: Bei den Schulen am Zürichsee gehen für den Kindergarteneintritt immer mehr Gesuche um Rückstellung ein. Bild: Symbolbild/Keystone

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Nuggi und Stofftier müssen überallhin mit. Alleine auf die Toilette zu gehen fällt schwer. Einige der Kinder, die am Montag eingeschult worden wären, sind noch nicht reif für den Kindergarten. Viele Eltern haben ihre Schule deshalb darum ersucht, ihre Kinder ein Jahr zurückzustellen – in den meisten Gemeinden am Zürichsee so viele wie nie zuvor. In Richterswil gingen 17 Gesuche ein, in Wädenswil 16, in Zollikon etwa 6 , in Herrliberg 4 und in Männedorf 9. Einzig die Thalwiler Schulpflege erhielt laut Kurt Vuillemin (SP), Thalwiler Schulpräsident, dieses Jahr keinerlei Gesuche – weder um Rückstellung noch um frühere Einschulung.

Dass die Zahl der Gesuche fast in allen Gemeinden gestiegen ist, hängt mit der Verschiebung des Stichtages für den Schuleintritt auf den 31. Juli zusammen. Dieser wird aufgrund von Harmos (die interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule) seit 2014 jährlich um einen halben Monat verschoben. Auf dieses Schuljahr hin ist der definitive Stichtag erreicht. Die Zahl der Gesuche am Zürichsee und die Statistik des Kantons widerspiegeln, dass viele Eltern ihre Kinder für zu jung für den Kindergarten halten: 2010 wurden knapp 2 Prozent der Kinder nicht eingeschult, 2018 waren es bereits 6 Prozent.

Sie schlafen plötzlich ein

Wie eine Umfrage bei sechs Schulen rund um den Zürichsee ergibt, gehen die Schulen kulant um mit Gesuchen um Rückstellung; in der Regel bewilligen sie diese. Um ihr Kind noch ein Jahr daheim behalten zu können, müssen die Eltern ein Attest ihres Kinderarztes einreichen. «Wir führen ausserdem ein Gespräch mit den Eltern und holen bei der Krippe oder der Spielgruppe eine Zweitmeinung ein», sagt Beatrice Scherrer, Gesamtleiterin der Schule Männedorf.

Was aber bedeutet es für die Schulen, dass heute bereits knapp Vierjährige den Kindergarten besuchen? «Jüngere Kinder haben grössere Trennungsschwierigkeiten, einige weinen in der Garderobe», schildert Ursina Zindel, Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich, in einem Interview in dieser Zeitung. «Manchmal müssen die Eltern Tage bis Wochen mit in den Kindergarten kommen, bis ihr Kind die Ablösung schafft.» Es gebe Kinder, die sich nicht alleine anziehen oder alleine aufs WC könnten oder Kinder, die plötzlich einschliefen. «Ob ein Kind drei Monate älter oder jünger ist, spielt in diesem Alter eine grosse Rolle», bestätigt Patrick Weil, Leiter Pädagogik und Schulentwicklung in der Schule Wädenswil.

«Ob ein Kind drei Monate älter oder jünger ist, spielt in diesem Alter eine grosse Rolle.»Patrick Weil, Leiter Pädagogik und Schulentwicklung in der Schule Wädenswil

Das Volksschulamt trage dem unterschiedlichen Entwicklungsstand der Kinder bei Schuleintritt auf verschiedenen Ebenen Rechnung, sagt Marion Völger, Chefin des kantonalen Volksschulamtes. Zum einen mit Informationen in Form der Broschüre «Lernen beginnt lange vor dem Kindergarten», zum anderen mit Weiterbildungen sowie einem Projekt, in dem Kinder bis 4 gute Lern- und Lebensorte erhalten. «Wenn Bedarf da ist, empfehlen wir den Gemeinden zudem, dass sie Schulassistenzen einsetzen», sagt Völger.Tatsächlich begegnen viele der befragten Schulen den neuen Anforderungen im Kindergarten mit Klassenassistenzen.

In Wädenswil etwa läuft dieses Schuljahr ein zweijähriger Pilotversuch an: Jede Kindergarten-Lehrperson erhält bis zu 12 Stunden pro Woche Unterstützung von einer Assistenzperson. In Männedorf werden alle Kindergartenlehrpersonen zwei Wochen lang unterstützt, später nach Bedarf, zum Beispiel bei den Turnstunden, für die die Kindergärtner den Chindsgi verlassen und sich umziehen müssen. In Herrliberg hingegen entscheidet die Schulpflege situationsbedingt, ob Unterstützung nötig ist.

Mehr Unterstützung nötig

Nicht nur im Kindergarten, auch in der Schule sind die Auswirkungen davon spürbar, dass die Kinder heute jünger sind als früher. «Unsere Lehrpersonen haben deshalb damit angefangen, den Unterricht anzupassen», sagt Beatrice Scherrer. So dürfen die Kinder zu Unterrichtsbeginn zuerst einmal frei spielen, bevor es ans Arbeiten geht. Znüni gegessen wird schon vor der 10-Uhr-Pause, damit die Kinder länger Zeit haben, sich auszutoben. Die Grundstufe, die das Zürcher Stimmvolk 2012 abgelehnt hatte und die in Wädenswil im gleichen Jahr abgeschaffte zweijährige Einführungsklasse wären eine gute Möglichkeit gewesen, auf den Bedarf der jüngeren Schüler zu reagieren, sagt Patrick Weil.

Der neue Zürcher Lehrplan 21 gehe auf die grossen Entwicklungsunterschiede zwischen Kindern im gleichen Alter ein, sagt Marion Völger. Der Aufbau der Kompetenzen verlaufe kontinuierlich und sei in Zyklen von drei bis vier Jahren gegliedert. «Die Lehrpersonen werden durch adäquate Weiterbildungen und Lehrmittel in ihrer Professionalität gefördert, damit sie den Schüler bestmöglich unterstützen können, ihre Kompetenzziele zu erreichen.»

Nicht nur die Bedürfnisse der Kinder, auch der Aufwand für ihre Betreuung haben sich verändert, bestätigen befragte Fachpersonen. Inwiefern dies mit der früheren Einschulung zusammenhänge, sei natürlich schwierig zu sagen, sagt Markus Oertle (SP), Schulpräsident von Richterswil. «Auch die integrative Beschulung und die veränderten Voraussetzungen im sozialen und zwischenmenschlichen Bereich sind für die Lehrpersonen eine Herausforderung.»

Erstellt: 19.08.2019, 14:51 Uhr

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