Oberrieden

Im Alter von 47 Jahren zurück im Klassenzimmer

Barbara Gabriel beginnt heute als Quereinsteigerin an der Primarschule Pünt zu unterrichten. Sie möchte ihre Schüler unter anderem für die Natur und Umwelt begeistern. In diesen Bereichen hatte sie die letzten 20 Jahre lang gearbeitet.

Nach 18-jähriger Absenz beginnt Barbara Gabriel wieder zu unterrichten, zum ersten Mal allerdings auf der Primarstufe.

Nach 18-jähriger Absenz beginnt Barbara Gabriel wieder zu unterrichten, zum ersten Mal allerdings auf der Primarstufe. Bild: Moritz Hager

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Im obersten Stockwerk des Primarschulhauses Pünt in Oberrieden bereitet sich Barbara Gabriel auf den Schuljahresstart vor. Die Stühle sind noch hochgestuhlt, einzelne Ordner findet man bereits in den Regalen und am Boden liegen zwei Plakate von Tieren und Pflanzen.

Aussergewöhnlich scheint all dies auf den ersten Blick nicht. Die Tatsache, dass Barbara Gabriel im Alter von 47 Jahren ihren ersten Arbeitstag als Primarschullehrerin beginnt, verwundert schon eher. Die Quereinsteigerin wird in Oberrieden im neuen Schuljahr jeweils zweieinhalb Tage pro Woche unterrichten.

«Ich freue mich, endlich das Gelernte in der Praxis umzusetzen», sagt Gabriel, welche seit eineinhalb Jahren den Studiengang «Quereinstieg Primarstufe» an der Pädagogischen Hochschule Zürich besucht. Im zweiten Teil des Studiums kann sie rund 50 Prozent arbeiten und gleichzeitig die Ausbildung zur Primarlehrerin abschliessen.

Ein Kreis schliesst sich

Zur Vorfreude auf den Arbeitsstart kommt aber auch Anspannung dazu. «Man hört immer wieder, wie schwierig die Situation in den Schulen sei. Die Ansprüche werden grösser oder die Klassen heterogener, doch ganz ohne Erfahrung beginne ich den Job ja nicht», sagt Gabriel. Die 47-Jährige ist Mutter von zwei Töchter, beide im Primarschulalter.

Zudem hat sie bereits zu Beginn ihrer Berufskarriere unterrichtet, damals an einer Mittelschule. «Ich kenne das Gefühl im Klassenzimmer vor einer Gruppe Schüler zu stehen», sagt Gabriel. Auch wenn dies bereits 18 Jahre her sei, werde ihr diese Erfahrung helfen.

«Ich freue mich, endlich das Gelernte in der Praxis umzusetzen.»Barbara Gabriel

Barbara Gabriel studierte Umweltnaturwissenschaften an der ETH und erwarb darauf den didaktischen Ausweis für das höhere Lehramt in Biologie und Umweltlehre. Im Teilzeitpensum unterrichtete sie danach zwei Jahre lang an der Evangelischen Mittelschule Schiers. «Ich habe nicht aufgehört, weil ich ungern Unterricht gab. Doch ich wusste bald, dass ich noch etwas Anderes ausprobieren wollte», sagt Gabriel.

Und dafür wollte sie nicht zu lange nach dem Abschluss ihres Studiums abwarten. In der Folge arbeitete sie zehn Jahre lang für den Gewässerschutz im Kanton Schwyz und danach sieben Jahre in einem Büro für Umweltplanung und Landschaftsarchitektur in Zürich. Dort betreute sie unter anderem Naturschutzgebiete und befasste sich mit invasiven Neophyten, nicht-heimische Pflanzen, die sich aggressiv vermehren.

Für die Natur sensibilisieren

Im Mai 2011 begann sie zusätzlich zur Büroarbeit Führungen im Zoo Zürich zu geben. «Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich wieder mehr mit Menschen zusammenarbeiten möchte», sagt die Lehrerin. Es wurde Zeit für ein neues Kapitel.

Nach zwei Jahren reiflichen Überlegens habe sie sich entschieden, den Quereinstieg-Studiengang zur Primarlehrerin zu beginnen, sagt Gabriel, die seit vielen Jahren in Thalwil wohnt. Für sie schliesst sich der Kreis. Nach 18 Jahren kehrt sie in den Lehrberuf zurück: Keine statistischen Auswertungen mehr, keine Einzelarbeit im Büro.

«Ich habe gemerkt, dass ich mehr mit Menschen zusammenarbeiten möchte.»Barbara Gabriel

In Oberrieden wird Barbara Gabriel in den dritten und fünften Klassen hauptsächlich das Fach Natur, Mensch, Gesellschaft unterrichten. «Dieses Fach liegt mir am meisten am Herzen» sagt sie. Aus diesen Bereichen stamme schliesslich auch ihre gesamte  Berufserfahrung.

Zudem ist Gabriel Präsidentin des Natur- und Vogelschutzvereins Thalwil. «Einer meiner Ansprüche als Lehrerin ist es, die Kinder für einen sorgsamen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren», sagt sie. Das zusätzliche Wissen aus ihrer langen Berufskarriere und ihrer Vereinstätigkeit sollen den Unterricht im Klassenzimmer wie auch die regelmässigen Waldnachmittage bereichern.

Damit verbunden sieht Gabriel aber auch eine Schwierigkeit: «In den Praktikas während der Ausbildung habe ich gemerkt, dass ich Informationen für die Schüler manchmal noch mehr herunterbrechen muss und vorsichtig sein sollte, wie ich Aufträge formuliere», sagt sie.

Die ehemalige Mittelschullehrerin hat sich jedoch bewusst für eine jüngere Altersstufe entschieden. «Ich sehe bei meinen eigenen Kinder, wie neugierig und begeisterungsfähig Schüler im Primarschulalter sind. Die Arbeit mit ihnen reizt mich sehr», sagt die Thalwilerin.

«Einer meiner Ansprüche als Lehrerin ist es, die Kinder für einen sorgsamen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren.»Barbara Gabriel

Die Ausbildung zur Primarlehrerin wird Barbara Gabriel aller Voraussicht nach Ende nächsten Jahres abschliessen. Weiter nach vorne will sie indes noch nicht blicken. «Der Fokus liegt ganz auf diesem Schuljahr», sagt die Quereinsteigerin. Sie sei keine, die immer alles im Voraus plane. Ein Blick auf ihren kurvenreichen beruflichen Werdegang untermauert diese Aussage.

Egal ob im Kindergarten, in der Primar- oder Sekundarschule, auf jeder Stufe steigen die Schülerzahlen im Kanton Zürich. Knapp 3000 mehr Schüler als im Vorjahr prognostiziert die Bildungsdirektion des Kantons Zürich. So besuchen neu über 150 000 Schülerinnen und Schüler Volksschulen im Kanton. Dies geht aus der kantonalen Bildungsstatistik hervor.

Auch in den Bezirken Horgen und Meilen steigen die Zahlen. Im Bezirk Horgen gehen knapp 1250 Schüler zum ersten Mal zur Schule, rund 200 Kinder mehr als vor sechs Jahren. Im Bezirk Meilen treten etwas weniger als 1000 Kinder in die erste Klasse ein.

«Auch in den kommenden Jahren ist mit einer Zunahme der Schülerzahlen zu rechnen.»Volksschulamt Zürich

Diese Zahl an Erstklässlern ist im Vergleich zu früheren Jahren zwar tiefer, doch die gesamte Primarstufe, das zeigt die Statistik, besuchen über 650 Schüler mehr als noch 2013. «Auch in den kommenden Jahren ist mit einer Zunahme der Schülerzahlen zu rechnen», schreibt das Volksschulamt in einer Mitteilung. Im Kindergarten sei in diesem Schuljahr der Höhepunkt zwar voraussichtlich erreicht, auf der Primar- und Sekundarstufe würde jedoch ein weiteres Wachstum erwartet.

Für dieses Jahr mussten im Kindergarten und in der Primarschule kantonsweit 156 neue Klassen geschaffen werden. Somit werden zusätzliche Lehrpersonen benötigt. Einen Mangel für dieses Schuljahr sieht das Volksschulamt aber nicht. Von den über 17 000 Stellen der Zürcher Volksschule wären nur noch vereinzelte, vor allem Teilpensen, unbesetzt, heisst es in der Mitteilung. Eine bekannte Massnahme zur Ausbildung neuer Lehrpersonen sind die Studiengänge für Quereinsteiger. 

Erstellt: 18.08.2019, 15:21 Uhr

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