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Kurzer Reiseführer für fusionierte Horgner und Hirzler

Wer sind die Horgner und was macht einen Hirzler aus? Was müssen die Landeier vom Hirzel wissen, wenn sie auf die Möchtegern-Dörfler aus Horgen treffen und umgekehrt? Dieser Reiseführer soll die Verständigung erleichtern und helfen, Fettnäpfchen zu vermeiden.

Frisch fusioniert: Wer ab dem 1. Januar in Hirzel den Bus nach Horgen nimmt, muss dazu keine Gemeindegrenzen mehr durchqueren.
Frisch fusioniert: Wer ab dem 1. Januar in Hirzel den Bus nach Horgen nimmt, muss dazu keine Gemeindegrenzen mehr durchqueren.
Archiv ZSZ

Zum Zmittag Fonduezu essen und dies womöglich im Sommer; dies halten die Schweizer für eine schwere Sünde. So steht es in einem Reiseführer über die Schweiz.Die Gepflogenheiten eines fremden Landes zu kennen ist demnach wichtig, will man die lokale Bevölkerung nicht verstören. Beim Zusammenschluss von Horgen und Hirzel, wo bald zwei Kulturen aufeinanderprallen, ist deshalb Fingerspitzengefühl angezeigt. Dieser kurze Reiseführer vermittelt Kenntnisse über die Bevölkerung, ihre Eigenheiten und mögliche Konfliktpunkte.

Hirzel ist ein beschauliches Dorf mit vielen bundesinventarisierten Hügeln. Auf diesen wird für erstgeborene Söhne eine Linde gepflanzt. Für Töchter und Zweitgeborene reichen die Hügel allerdings nicht aus. 17 000 Autos fahren täglich über den Hirzelpass, abgesehen davon läuft hier wenig. So wenig, dass es Eingang in die Chronik findet, wenn die Musikgesellschaft neue Uniformen besorgt. Laut der Dorfchronik «Hirzel, Dorf im Wandel» war dies das einzig nennenswerte Ereignis im Jahr 2004. Der Höhepunkt im Hirzler Dorfleben ist die jährliche Viehschau. Hier sind seit 2013 auch Auswärtige zugelassen, will heissen Fleckvieh. Die Hirzler mögen Tiere: In ihrem Dorf leben mehr Rinder, Schweine und Schafe als Menschen – über 2500 Stück.

Das Markenzeichen der Gemeinde Hirzel: Die vielen bundesinventarisierten Hügel. Bild: Manuela Matt.
Das Markenzeichen der Gemeinde Hirzel: Die vielen bundesinventarisierten Hügel. Bild: Manuela Matt.

In Horgen leben weniger Tiere als im Hirzel, dafür mehr Fasnächtler: Es gibt drei Guggen und fünf Fasnachtscliquen. Dies beweist: In Horgen hält man Kultur hoch. Die ersten Kulturellen in Horgen waren die Pfahlbauer, die am Seeufer töpferten. Ihre Keramiken fanden als Teil der sogenannten «Horgener Kultur» Eingang in die Geschichtsbücher. Ihre Fortsetzung findet die «Horgener Kultur» in der Veranstaltungsreihe «Dorfplatz lebt», die ihrer Anerkennung als Kulturerbe noch harrt. Diese Veranstaltung», an der Horgner Musik machen, ist punkto Wichtigkeit das Pendant zur Hirzler Viehschau. Im übrigen ist sie der Anlass, eine weitere Kultur zu pflegen: Die Streitkultur. Bei der harten, aber fairen Ausmarchung, welcher Verein auf dem Dorfplatz wann spielen darf, kommt es des öfteren zu Reibereien. Auch schon ist ein Verein erzürnt aus dem Schinzenhof gestürmt.

Ebenso unterschiedlich wie die beiden Dörfer sind ihre Bewohner. Der Ur-Horgner (weibliche Form inbegriffen) wird schon als Kleinkind in den Schwimmkurs gesteckt, um dort Kontakte fürs ganze Leben zu knüpfen. Wenn er gut einstecken kann, wird er Wasserballer, wenn er gut austeilen kann, wird er Fasnächtler.

Der Ur-Hirzler ist Bauer und geht am Sonntagmorgen in die «Sprümüli» eins heben. Er diskutiert am liebsten über Kühe und am zweitliebsten über die Zugezogenen, die sich über den Güllengestank beschweren. «Isch ämel na nie eine verstunke, verfuulet scho», wird in der Hirzler Chronik ein Bauer zitiert.

Da Hirzler wie Horgner trotz des ersten Eindrucks empfindsame Seelen sind, kommt dem Kapitel «Was man tun und was man lassen sollte» in diesem kurzen Reiseführer grosse Bedeutung zu.

Ein Hirzler, so sagt der Horgner Gemeindepräsident Theo Leuthold (SVP), müsse auf jeden Fall wissen, dass Horgen vier Bahnhöfe hat. Unter keinen Umständen darf Horgen als Stadt bezeichnet werden; Horgen ist allerhöchstens ein urbanes Dorf und braucht deshalb auch kein Parlament. Hirzler, die den Frieden wahren wollen, sprechen die grelle Kriegsbemalung des Bahnhofplatzes besser nicht an; sie ist selbst unter Horgnern umstritten.

Im Hirzel dagegen kommt dörflich-urbane Lässigkeit schlecht an: Ein Horgner zu Besuch auf dem Berg sollte Grüezi sagen, will er sich nicht unbeliebt machen.

Die Hirzler erhalten vier Kilometer Seeanstoss. Im Bild: Die Horgner Badi Seerose. Bild: Moritz Hager.
Die Hirzler erhalten vier Kilometer Seeanstoss. Im Bild: Die Horgner Badi Seerose. Bild: Moritz Hager.

Der baldige Zusammenschluss bringt beiden Dörfern Vorteile: Die Hirzler kriegen einen Steuerfuss von 84 Prozent statt der bisherigen 129 Prozent. Sie dürfen sich an der Ausmarchung zu «Dorfplatz lebt» beteiligen, erhalten vier Kilometer Seeanstoss und eine Fähre. Inbegriffen sind Zugang zur Jugendgang Zone 51 und passenderweise dem Gefängnis.

Die Horgner wiederum erhalten 2000 neue menschliche und noch mehr tierische Einwohner, das Hirzler Abwasser und Anschluss an die Welt in Form von vier neuen Nachbardörfern. Plötzlich ist Horgen mit dem Kanton Zug verbunden, was den Horgnern auf heimischem Boden neue Grenzerfahrungen ermöglicht. Zum Beispiel im Restaurant Dukes in Sihlbrugg, wo auch die Hirzler Feuerwehrmannen und -frauen verkehren. Ein nettes Plus der Fusion sind für Horgner zudem die Hirzler Bäsebeize.

Nach Erwerb umfassender Kenntnis über die jeweils andere Kultur steht einem erfolgreichen Zusammenschluss also nichts mehr im Weg. Noch ungelöst ist nur die Frage, ob die jährliche Viehschau künftig in der Horgner Allmend oder im Hirzel stattfinden soll. «Ich will nicht zwei Viehschauen im Dorf», sagt nämlich Theo Leuthold. Würde man die Schüler argumentieren lassen, so wäre der Fall klar: Die Viehschau soll im Hirzel stattfinden – dort kriegen sie am grossen Tag schulfrei. Als Schlichter für das Viehschauen-Problem schlägt die Redaktion eine Person vor, in deren Brust zwei Herzen schlagen: Pfarrer Ernst Sieber, in Horgen geboren und im Hirzel engagiert. (Rahel Urech)

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