Wädenswil

Einen Garten mit Händen und Ohren erleben

Ein Garten sieht nicht nur schön aus, er kann auch schmecken, riechen und sogar tönen. Das erfährt eine ZSZ-Redaktorin auf einem Blindenparcours durch die inklusive Gartenanlage der ZHAW.

Janka Reimmann vom Schweizerischen Blindenbund und die ZSZ-Redaktorin auf ihrer Entdeckungstour durch den Garten der ZHAW.

Janka Reimmann vom Schweizerischen Blindenbund und die ZSZ-Redaktorin auf ihrer Entdeckungstour durch den Garten der ZHAW. Bild: Patrick Gutenberg

Um, mich herum ist es dunkel, ich sehe nichts. Meine Augen werden von einer Augenbinde verdeckt. Der Blindenstock, der mir hilft, meinen Weg zu finden, stösst an ein Blumenbeet. Ich taste mich daran entlang, immer weiter hinein ins Unbekannte. Für einmal will ich erfahren, wie es sich anfühlt, einen Garten ohne visuelle Wahrnehmung zu besuchen, und ich befinde mich deswegen mitten in der Gartenanlage auf dem ZHAW-Campus Grüental.

Ein Garten ohne Schranken: Diesen Juni ist das Projekt «Grüne Freiräume für alle!» fertig geworden. Als Teil eines gross angelegten Forschungsprojekts zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen wurde der bestehende Garten so umgebaut, dass er den Bedürfnissen von Menschen mit Seh-, Hör- und Mobilitätsbehinderungen entspricht.

Lanciert hat das Projekt die Forschungsgruppe Freiraum­management der ZHAW. «Wir haben ausserdem drei verschiedene Gartentouren, sogenannte Sinnesreisen, zusammengestellt. Dabei sollen bewusst die Wahrnehmung und die Sinne von all unseren Besuchern geschult werden», sagt Christian Henle, wissenschaftlicher Assistent. Für die Besucher mit Sehbehinderungen wurde ein Audioguide ausgearbeitet. Dieser führt durch die Gartentouren und informiert über die präsentierte Pflanzenwelt.

Beim Anpflanzen der verschiedenen Pflanzenarten wurde auf unterschiedliche Formen und Strukturen Wert gelegt.

Samtig, rasselnd: Ich stehe beim Hochbeet, das zur «Blüten- und Gräservielfalt»-Tour gehört. Die Erde fühlt sich trotz Sommerwärme angenehm kühl an, die Grashalme kitzeln leicht an meiner Handfläche. Ich fühle glatte Stiele, samtene Blätter und feine Blüten. Mit meinem rechten Arm komme ich ungelenk an ein paar höheren Halmen an und es ertönt ein Rasseln.

Drei Jahre umgebaut: Über 4000 Pflanzenarten befinden sich auf der 30-jährigen Gartenanlage des Hochschulcampus. «Beim Ausbau haben wir auf eine grosse Diversität der Pflanzen geachtet, was die Wuchsformen und Strukturkontraste angeht», erzählt Regula Treichler, die Leiterin der ZHAW-Gärten.

Der Umbau fand in Etappen im Zeitraum von drei Jahren statt. Damit die Rollstühle nicht im Boden einsinken, gibt es jetzt neue Beläge. Im Park verteilte Tafeln informieren Menschen mit Hörbehinderungen über die Flora. Ein Leitsystem und ein taktiler Lageplan mit Relief und Brailleschrift erleichtert die Orientierung für blinde Personen.

Die Tafel mit Relief und Brailleschrift hilft den Menschen mit Sehbehinderungen, sich im Garten zurechtzufinden.

Würzig, süss: Meine Entdeckungsreise führt mich in den Naschgarten. Hier riecht es würzig. Ein Geruch ist besonders dominant und erinnert mich an Ferien am Mittelmeer. Ich reibe die Zweige zwischen meinen Fingern, der Duft intensiviert sich. Es ist Rosmarin. Ein paar vorsichtige Schritte später ertaste ich einen Strauch. Zwischen den Blättern befinden sich kleine, weiche, rundliche Dinger. Beeren, schlussfolgere ich und probiere vorsichtig eine. Glück gehabt, es ist eine süsse Erdbeere.

Schweizweit einmalig: Auf meiner Tour durch den Garten werde ich von Janka Reimmann begleitet. Reimmann ist Medienbotschafterin der Zürcher Regionalgruppe des Schweizerischen Blindenbunds und hat die ZHAW beim Umbau des Gartens unterstützt. «Schweizweit kenne ich keinen anderen Garten, der explizit auf Menschen mit Sehbehinderungen eingeht», sagt sie. Reimmann ist beinahe vollständig erblindet, ihre Sehstärke beträgt zwei Prozent. «Normale» Gärten besuche sie eigentlich nie. «Denn sobald ich eine Blume berühre, ruft mich jemand zurück und sagt, ich würde die Pflanzen kaputtmachen», erzählt Reimmann. «Dabei brauche ich meine Hände, damit ich sehen kann.» Hier im Garten der ZHAW sei es sogar erwünscht, die Blumen zu berühren oder mit den Fingern durch die Sträucher zu fahren.

Hell: Nach einer Stunde sind wir fertig mit der Führung. Ich nehme die Augenbinde ab, die Sonne blendet mich. Nun laufe ich nochmals die beiden Wege ab, die ich zuvor blind erkundet hatte. Die Gräser und Sträucher scheinen in den verschiedensten Grüntönen, farbige Blumen leuchten dazwischen. Knalliges Gelb, sattes Rot, zartes Violett. Im Kräuterbeet entdecke ich den Rosmarin. Und woher kam das Rasseln? Die Mitarbeiter der ZHAW zeigen mir die Rasselblume, eine optisch unscheinbare Pflanze mit einer geschlossenen Hülse am Ende. Normalerweise wären mir diese grünen Halme zwischen all den farbigen Blumen gar nicht aufgefallen. Ich schüttle sie und tatsächlich, da ertönt wieder das Rasseln.

Beim nächsten Spaziergang, das nehme ich mir fest vor, will ich mehr mit meinen anderen vier Sinnen schauen. (Nina Graf)

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt unter www.zhaw.ch/iunr/inklusion.

Erstellt: 06.08.2018, 10:15 Uhr

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