Gericht

«Ich versuche, die Situation nur optisch aufzunehmen»

Robert Honegger arbeitet seit 15 Jahren als Gerichtszeichner. Ab heute nimmt der Oberriedner an den Verhandlungen um den Rupperswiler Vierfachmord teil. Im Gespräch erzählt der 62-Jährige, wie nahe ihm solche Fälle gehen und was die Gerichtszeichnung von Fotos abhebt.

Gerichtszeichner Robert Honegger bereitet sich in seinem Atelier in Oberrieden auf den Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil vor.

Gerichtszeichner Robert Honegger bereitet sich in seinem Atelier in Oberrieden auf den Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil vor. Bild: Manuela Matt

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Mörder, Vergewaltiger, Diebe und Erpresser, sie alle gehören zum Alltag von Robert Honegger. Seit rund 15 Jahren ist der Oberriedner Kunstmaler als Gerichtszeichner für verschiedene Zeitungen tätig, darunter auch die ZSZ. In dieser Zeit hat der 62- Jährige manch happigen Fall miterlebt. Nicht immer kann er die Menschen und ihre Schicksale, denen er begegnet, so einfach hinter sich lassen. «Natürlich gehen mir manche Geschichten nahe. Oftmals näher als sie sollten.» Es sei ein durch und durch beklemmendes Gefühl, wenn man realisiere, was der Mensch, der lediglich ein paar Meter von einem entfernt sitze, getan habe, erzählt Honegger. Seine Gefühle schwankten dann oftmals zwischen Wut, Betroffenheit und Angst. «Am allerschlimmsten sind jene Fälle, in die Kinder involviert sind. Die verfolgen mich am längsten.»

Auch deshalb schaut der Kunstmaler mit ambivalenten Gefühlen auf den heutigen Prozessstart im Fall Rupperswil, an dem er für verschiedene Medien zeichnen wird. Ein 34-jähriger Schweizer muss sich ab heute wegen eines Vierfachmords vor dem Bezirksgericht Lenzburg verantworten. Er soll eine 48-jährige Mutter, ihre beiden Söhne (13- und 19-jährig) sowie die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes ermordert haben. «Allein der Gedanke versetzt mich in Unruhe», sagt Honegger. Um seiner Arbeit dennoch konzentriert nachkommen zu können, hat Robert Honegger einen ganz besonderen Trick: «Ich versuche die Situation nur optisch und nicht seelisch aufzunehmen.» Dass heisst, er blende das Gesprochene so gut es geht aus. Und fokussiere sich stattdessen total auf die anwesenden Personen und deren Gesten und Bewegungen.

Die Persönlichkeit einfangen

Viel Zeit bleibt dem Oberriedner jeweils nicht, um seine Ilustrationen zu zeichnen. «Normalerweise muss ich in drei bis vier Stunden fertig sein.» Heute müsse er den Zeitungen gar innerhalb der ersten halben Stunde eine erste Zeichnung liefern. «Der Fall Rupperswil bewegt die ganze Schweiz. Die Medienschaffenden wollen ihre Leser darum laufend updaten.»

Der Gerichtszeichner will dazu beitragen, dass die Zeitungsleser verstehen können, wer denn da vor Gericht steht. «Ich versuche stets ein Stück der Persönlichkeit des Beschuldigten oder seines Opfers einzufangen.» So sei es schon vorgekommen, dass ein wippender Fuss im Zentrum seiner Zeichnung gestanden habe. Denn: «Das Gesicht einer Person lässt sich nicht mit deren Charakter gleichsetzen.» Die Körpersprache hingegen verraten einem sehr viel über einen Menschen.

«Am schlimmsten sind Fälle, in die Kinder involviert sind. Die verfolgen mich am längsten.» Robert Honegger

Hier sieht der Oberriedner auch den Unterschied zum Lichtbild, das vor Gericht nicht zugelassen ist. «Ein Foto würde den Täter lediglich ausstellen und ihm einen Stempel verleihen. So sieht ein Mörder aus.» Als Gerichtszeichner hingegen versuche er den Menschen zu kontextualisieren.

Bei seiner Arbeit geht Honegger immer gleich vor. Zunächst zeichne er alles nur mit einem Bleistift vor. Denn das Meiste «gümmele» er ohnehin wieder. Erst ganz zum Schluss – und wenn er sich sicher sei, dass er den aussagekräftigsten Moment festgehalten habe – tausche er den Bleistift durch seine kleine Aquarellpallette ein.

Qual und Heilmittel zugleich

Natürlich gefalle es nicht allen, wenn sie sich von ihm gezeichnet in der Zeitung wiedererkennen, erzählt Honegger. Es sei aber schon vorgekommen, dass Angeklagte oder deren Partner zu ihm gekommen seien und ihm ihre Anerkennung mitgeteilt hätten. Zudem hat der 62-Jährige die Erfahrung gemacht, dass eine Gerichtszeichnung und die dazugehörige Berichterstattung auch den Opfern und deren Angehörigen helfen kann. «Auf diese Weise erhalten sie etwas, dass sie auf die Seite legen können. Das hilft manchen auch beim Abschliessen.»

Auch für den Gerichtszeichner selber ist seine Arbeit in gewisserweise eine Therapie: «Die Gerichtsverhandlungen wühlen mich zwar auf, sind gleichzeitig aber auch das beste Heilmittel.» Wenn während eines Prozesses jede Handlung bis ins Detail aufgedeckt und von Fachpersonen erklärt werde und danach ein angemessenes Urteil gesprochen werde, dann sei das für ihn der beste Weg etwas zu verarbeiten. Was aber, wenn man das gefällte Strafmass selber als zu milde einschätzt? «Ich habe mich daran gewöhnt, dass nicht immer das Urteil gesprochen wird, welches ich selber für richtig halte. Wie hart die Strafe für den Verurteilten selber wiegt, weiss schliesslich nur er.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.03.2018, 17:42 Uhr

Zeichnung statt Fotografie

Artikel 71 der Strafprozessordnung besagt, dass Bild- und Tonaufnahmen innerhalb des Gerichtsgebäudes sowie Aufnahmen von Verfahrenshandlungen ausserhalb des Gerichtsgebäudes nicht gestattet sind. Unter das Bildverbot fallen sämtliche technischen Aufzeichnungsmöglichkeiten. Gerichtszeichnungen sind von diesem Verbot jedoch ausgenommen. Weshalb ist das so? Das habe verschiedene Gründe, sagt Christoph Reut, Gerichtsschreiber beim Kantonsgericht St.Gallen. Das gezeichnete Bild fange zwar die Atmosphäre und die Anwesenden ein, schütze dabei aber die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen besser. «Die Gerichtszeichner können lediglich einen Moment festhalten und müssen dabei selbstverständlich den Persönlichkeitsschutz wahren.» Zum anderen bringe die elektronische Aufnahme eine latente Unsicherheit mit sich: «Parteien könnten durch das Wissen etwa um eine Video-Aufnahme in ihren Aussagen beeinflusst werden, ebenso das Gericht.» Ein Gerichtszeichner hingegen nehme mit seiner Anwesenheit keinen Einfluss auf die Beteiligten. (Fse)

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