Im Gespräch

Filmstars stehen auf die Kleider dieser Thalwilerin

Die Thalwilerin Gela Sharifi entwirft Kleider für Filmstars. Die Kollektionen der gebürtigen Kurdin sind extravagant und glamourös. Ein Kontrast zu ihrer Kindheit in Kriegsgebieten.

Gela Sharifi sagt von sich, sie sei die richtige Designerin, wenn jemand auffallen möchte.

Gela Sharifi sagt von sich, sie sei die richtige Designerin, wenn jemand auffallen möchte. Bild: Manuela Matt

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Wovon viele Modedesigner träumen, ist Ihnen gelungen: Bei den Golden Globes und der Oscarverleihung im letzten Jahr trugen Filmstars Ihre Kleider. Wie kam es dazu?
Ich präsentierte meine Kollektion in der Golden Globe Lounge in einem Hotel in Los Angeles. Dort werden Luxusgüter verschiedener Art ausgestellt und die Nominierten treffen sich vor der eigentlichen Verleihung zu einem Drink. Die Schauspielerinnen Angela Basset, Viola Davis, Felicity Huffman und Isabelle Fuhrman kamen vorbei und schauten sich meine Kleider an. Isabelle zu treffen war für mich speziell.

Weshalb?
Sie ist eine grossartige Schauspielerin. Ich habe früher gerne Horrorfilme geschaut und sie spielte im Film Orphan die Hauptrolle. Sie verliebte sich in meine Kleider, das war toll. Auch Christina Simpkins schaute vorbei und bestellte gleich zwei Kleider, eines für die Golden Globes, eines für die Oscarverleihung, bei der ihr Mann Jim Burke mehrere Preise erhielt. Bis um 4 Uhr morgens habe ich gearbeitet, um es noch rechtzeitig abzuändern.

Wie war es, Ihr Kleid auf dem roten Teppich zu sehen?
Ich war mir gar nicht sicher, ob Christina Simpkins das Kleid wirklich tragen würde. Am Abend der Golden-Globes-Verleihung sass ich mit einer Kollegin in einer Bar und sah mir die Liveübertragung an. Und da erschien sie auf der Bühne in meinem Kleid! Das hat mich sehr berührt, das war unglaublich. Wir stehen heute noch in Kontakt miteinander. Sie möchte, dass jemand meine Lebensgeschichte aufschreibt.

Ihre Lebensgeschichte ist tatsächlich ungewöhnlich.
Ich kam im Iran zur Welt. Als ich noch ein Baby war, sind meine Eltern mit mir und meinen drei Geschwistern in den Nordirak geflüchtet. Mein Vater war Politiker der demokratischen Partei Kurdistans. Er wurde im Kampf erschossen, als ich acht Jahre alt war. Ich erlebte mit, wie Bomben fielen, und ich erinnere mich, dass wir Masken bekamen, als Saddam Hussein Giftgasanschläge auf die Kurden verübte.

Wie kamen Sie in die Schweiz?
Ich war zehn Jahre alt, als meine Mutter und meine Geschwister in die Schweiz flohen. Nach Biel. Mode zu entwerfen rettete mir das Leben. Es war wie eine Therapie. Wenn ich traurig war, dann nahm ich ein Stück Stoff oder Spitze und erschuf daraus etwas Schönes.

Was haben Sie kreiert?
Mit 13 Jahren schon stellte ich Kleider, Hüte und Schmuck her. Von meiner Tante im Iran erhielt ich traditionell kurdische Kleider und Stoffe, die ich abänderte und mit Knöpfen und Reissverschlüssen versah. Diese Kleider trug ich zu Festen wie zum Beispiel dem kurdischen Neujahr Newroz am 21. März. Vielen Leuten gefiel, was ich anhatte und sie fragten mich, woher ich es habe.

«Federn sind mein Markenzeichen, weil sie für mich Freiheit symbolisieren.»

Wo haben Sie gelernt zu nähen?
Immer nach der Schule ging ich zu einer älteren Dame in Biel, die Schneiderin war. Ich brachte Stoff vorbei und sie zeigte mir, wie man ihn schneidet und näht. Anderes lernte ich anhand von Youtube-Filmen. Meine Mutter war gar nicht begeistert, dass ich immer die schönen Stoffe zerschnitt.

Wie stiegen Sie in die Modebranche ein?
Es war mir zu dieser Zeit nicht bewusst, dass man Modedesign studieren konnte, sonst hätte ich das getan. Schneiderin werden wollte ich nicht, und so studierte ich auf den Rat meiner Familie hin Wirtschaft an der Handelsschule in Luzern. Nach zwei Semestern brach ich das Studium jedoch ab. Ab 2013 bemühte ich mich herauszufinden, wo ich Stoffe einkaufen und wo ich die Kleider produzieren lassen konnte, um mich irgendwann selbstständig zu machen.

Sie stellen Ihre Kleider nicht selbst her?
Nein. Ich entwerfe die Kleider und wähle den Stoff aus. Diese Anweisungen schicke ich dann an eine Schneiderin in der Schweiz, die das Kleid herstellt. Wenn ich es zurückerhalte, verleihe ich dem Kleid den letzten Schliff und nähe ihm in Handarbeit die Federn auf. Federn sind mein Markenzeichen, weil sie für mich Freiheit symbolisieren.

Gela Sharifi liebt auffällige Kleider. Federn sind das Markenzeichen ihrer Abendkleider. Sie symbolisieren für Gela Sharifi Freiheit.

Wie vermarkten Sie Ihre Kleider?
Ich präsentiere sie auf den Social-Media-Kanälen und auf meiner Website. Im Frühling war ich ausserdem an der New York Fashion Week. Meine Kleider sind zudem in zwei Showrooms in Los Angeles ausgestellt. Die Stylisten von Prominenten wie Jennifer Lopez und Rihanna haben Kleider mitgenommen. Jetzt suchen die Stars aus, ob sie ein Kleid behalten wollen.

Wie kam es, dass Sie Ihre Kleider bei der New York Fashion Week zeigen konnten?
An einem Tag der New York Fashion Week können internationale Newcomer ihre Kleider zeigen. Ich habe mich beworben und war eine von zehn Designerinnen, die ausgewählt wurden. Topmodels präsentierten acht meiner Kleider auf dem Laufsteg. Das war sehr nützlich, ich konnte viele gute Kontakte knüpfen.

Was gefällt Ihnen privat?
Ich hatte immer den Mut, das anzuziehen, was mir gefällt. Es ist mir nicht so wichtig, was die Leute denken. Ich liebe auffällige Kleider. Mir gefallen Spitze und Tüll, im Sommer auch farbige Sachen. Kleider müssen für mich nicht in erster Linie bequem sein. Ein Kleidungsstück ist für mich wie ein Tagebuch. Ich erinnere mich immer, was ich wo getragen habe.

Sie stellen Abend- und Cocktailkleider her. Kommt Ihre extravagante Mode bei den zurückhaltenden Schweizern an?
Es ist schwierig, in der Schweiz Festgarderobe zu verkaufen, denn es gibt nicht so viele Anlässe wie zum Beispiel in Los Angeles, und die Leute tragen lieber schlichte Kleider. Sogar am Zurich Film Festival gibt es nur wenige, die auffallen wollen. In den USA ist das ganz anders. Da will man möglichst aus der Menge hervorstechen. Das passt zu mir: Wenn jemand sagt, er möchte auffallen, dann bin ich die richtige Designerin dafür.

«Zwischenzeitlich musste ich wieder einen Bürojob annehmen.»

Um Ihre Chancen zu erhöhen, müssten Sie Ihren Wohnort also von Thalwil nach Los Angeles verlegen.
Thalwil ist cool. Wegen der guten Zugverbindungen, vor allem aber wegen des Sees. Ich habe immer in der Nähe des Wassers gewohnt. Das beruhigt mich. Ich gehe oft an den See, um zu zeichnen. Aber in Amerika zu wohnen, war immer mein Traum. Es ist alles noch offen.

2016 haben Sie mit Ihrem Label Gela Wesh den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Wie läufts?
Es ist nicht einfach, ich arbeite fast jeden Tag, denn ich mache alles selbst. Zwischenzeitlich musste ich wieder einen Bürojob annehmen. Ich habe versucht, meine Kollektionen bei Jelmoli und Globus unterzubringen, aber sie nehmen nur bekannte Marken ins Sortiment auf. Wie soll man als Newcomer da Fuss fassen?

Wie sähe die perfekte Chance für Sie aus?
Ich habe einen Businessplan erstellt und viele wichtige Kontakte geknüpft. Jetzt suche ich Investoren, und Kollegen helfen mir beim Crowdfunding. Wenn ich Leute finden, die mich unterstützen, dann könnte ich eine Mitarbeiterin für die Vermarktung anstellen, an Messen und Fashion Weeks anwesend sein und mich voll meiner neuen Kollektion widmen.

Wie sieht die aus?
Ich werde Casual Fashion machen – Kleider, die jeden Tag getragen werden können. Natürlich werden sie immer noch speziell sein. Wenn sie nicht auffällig wären, dann wären sie nicht von mir.





Erstellt: 17.01.2020, 11:31 Uhr

Gela Sharifi

Die 34-jährige Kurdin wurde im Iran geboren und wuchs im Nordirak auf. Mit zehn Jahren flüchtete ihre Mutter mit ihr, zwei Brüdern und einer Schwester in die Schweiz. Sharifi ging in Biel zur Schule, absolvierte die Handelsmittelschule mit Berufsmatur und studierte zwei Semester lang Wirtschaft. Mathematik und Buchhaltung sagten ihr aber nicht zu, sie hörte auf. Seither arbeitet Sharifi als kaufmännische Mitarbeiterin in diversen Büros. 2013 gründete sie das Modelabel Gela Wesh. Gela-Wesh ist ihr vollständiger Vorname. 2016 machte sie sich selbstständig, seit 2018 arbeitet sie wieder Teilzeit in einem Büro. Gela Sharifi wohnte einige Jahre in Horgen, seit 2017 lebt sie in Thalwil.

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